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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Baukunst der Gegenwart

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Baukunst der Gegenwart (Berliner Monumentalbauten).

erstreckt. Im Gegensatz zu der frühern Bauperiode wird auch ein stetig wachsender Wert auf die farbige Wirkung der Fassaden gelegt. Bei der ungeheuern Baulast, die die städtische Verwaltung Berlins jährlich zu erledigen hat, können bei Kommunalbauten künstlerische Interessen zur Zeit nur in sehr bescheidenem Maße berücksichtigt werden. Doch hat man sowohl bei den teilweise oder ganz frei stehenden Markthafenbauten als bei dem Polizeidienstgebäude, dessen Entwurf von H. Blankenstein herrührt, nach einer monumentalen Wirkung und einer malerischen Gruppierung der einzelnen Bauteile gestrebt.

Wenn die Lösung der Dombaufrage unter Umgehung eines allgemeinen Wettbewerbs in den beteiligten Kreisen eine starke Mißstimmung hervorgerufen hat, so ist dies zum Teil daraus zu erklären, daß die deutsche Kirchenbaukunst in neuerer Zeit im Anschluß an nationale und lokale Überlieferungen einen Aufschwung genommen hat, dessen Früchte zu dem Wunsch berechtigten, die gewonnenen Kräfte an einer großen Aufgabe zu bewähren. Der Hauptvertreter dieses neuen Aufschwunges, Johannes Otzen, der an die kirchlichen Backsteinbauten des gotischen Mittelalters in Norddeutschland anknüpft, bei der Verwendung seiner Vorbilder aber die modernen Bedürfnisse des protestantischen Kultus nach allen Seiten berücksichtigt und zur Belebung der Flächen wie der konstruktiven Teile auch dekorative Motive aus andern Ländern, besonders aus Italien, heranzieht, hat bisher wenigstens einmal Gelegenheit gehabt, in Berlin in der Kirche zum heiligen Kreuz zu beweisen, wie große malerische Wirkungen sich ohne Preisgabe des monumentalen Charakters diesem Stile abgewinnen lassen. Er und der nach ähnlichen Grundsätzen erneuerte und umgebildete romanische Stil sind auch für acht Kirchen mittlern Umfanges maßgebend gewesen, die zur Zeit im Bau begriffen sind, und zu denen Orth, Spitta, Schwechten u. a. die Entwürfe geliefert haben.

Im Profanbau hat dagegen der gotische Stil keinen Eingang gefunden, vielleicht weil es hier an jeder Spur einer örtlichen Überlieferung fehlt. Ein Gleiches gilt freilich auch von der Renaissance, da Berlin, abgesehen von einigen Teilen des königlichen Schlosses, nur noch ein einziges Haus aus dieser Zeit besitzt, das einen Teil des königlichen Marstalls bildet. Wenn man nach einem Stile sucht, dessen Spuren noch in der Physiognomie des alten Berlins erkennbar sind, so könnte allein der Schlütersche Barockstil in Frage kommen, und er hat auch unzweifelhaft einen Teil dazu beigetragen, daß der Barockstil in den letzten Jahren so stark in Übung gelangt ist. Eine unmittelbare Einwirkung der Denkmäler ist dabei nicht anzunehmen. Wie andre Bewegungen auf dem Gebiet der modernen Kunst, ist auch diese durch litterarische Mittel hervorgerufen worden, zunächst durch die 1876 erfolgte Veröffentlichung des Berliner Schlosses von R. Dohme, die zuerst den Reichtum der repräsentativen Pracht des Schlüterstils erschloß, und dann durch eine Reihe ähnlicher Veröffentlichungen, die sich schließlich auf die Barock- und Rokokodenkmäler des gesamten Deutschland erstreckten und in dem Grade an Zahl zunahmen, als der Denkmälervorrat der deutschen Renaissance in Bezug auf seine praktische Verwendbarkeit erschöpft wurde.

Durch die Örtlichkeit geboten erschien die Anlehnung an den von Schlüter umgebildeten italienischen Barockstil in den von mächtigen Kuppeln überragten Eckbauten der neuen Kaiser Wilhelmstraße und der an sie grenzenden Häuserfronten dieser Straße, die nach den Entwürfen von Cremer und Wolffenstein ausgeführt worden sind. Die Straße führt nämlich von Osten nach Westen in den Lustgarten, dessen Südseite das Schlütersche Schloß einnimmt, mit dessen mächtiger Architektur die Eckbauten der Kaiser Wilhelmstraße in Einklang gebracht werden mußten. Nachdem dieses Beispiel höchster Prachtentfaltung im architektonischen Aufbau wie im bildnerischen Schmuck einmal gegeben war, fand es zahlreiche Nachfolger, die, wenn sie auch nicht gerade im eigentlichen Schlüterstil schufen, doch der italienischen, französischen und deutschen Barockkunst folgten, weil sie in den dekorativen Teilen einerseits der Prunkliebe entgegenkommt, der gegenwärtig sämtliche im Dienste des Baugewerbes thätigen Künste und Industrien huldigen, um ihre hochentwickelte Leistungsfähigkeit zu erproben, anderseits mehr als jede andre historische Stilart die Ausbildung monumentaler Innenräume gestattet. Selbständig, ohne von andern Kunstgenossen beeinflußt zu sein, haben Kayser und von Großheim, die am meisten beschäftigten unter den Privatarchitekten Berlins, die bisher die deutsche und italienische Renaissance bevorzugt hatten, diesen Weg betreten. Schon in ihrem mit einem zweiten Preis gekrönten Entwurf für das Reichstagsgebäude hatten sie sich an die französische Spätrenaissance angeschlossen, und in dem Geschäftshaus für die New Yorker Versicherungsgesellschaft Germania verschmolzen sie Elemente der deutschen Spätrenaissance mit dem Schlüterschen Barockstil, ohne jedoch, zumal bei einem Übermaß von dekorativem Aufwand an Bildwerk, buntem Glasmosaik, verschiedenfarbigem Stein, Bronze und Schmiedeeisen, eine einheitliche Wirkung zu erzielen. Dies ist ihnen viel besser in ihren spätern Schöpfungen, dem Dreherschen Hause in der Leipziger Straße, einem großen Geschäftshaus am Gendarmenmarkt, dem Pschorrbräuhaus, dem Kaufhaus Stuttgart und dem Hause der Versicherungsgesellschaften Concordia und Colonia gelungen, da sie in dem Grade, als sich die Aufgaben mehrten, die Formen des Barockstils beherrschen und immer maßvoller gestalten lernten. Diese und die meisten andern Schöpfungen des Berliner Privatbaues sind danach zu beurteilen, daß sie nicht aus der freien Phantasie der Künstler erwachsen sind, sondern sich in erster Linie den Wünschen und Bedürfnissen der Bauherren und, was noch häufiger ist, den Forderungen der Bauspekulation unterordnen mußten. Soweit man von einem monumentalen Privatbau sprechen kann, wurde er in dem uns beschäftigenden Zeitraum durch das Geschäfts- und Kaufhaus, den Bierpalast und das Hotel vertreten. Mit besonderm Eifer wurde an der Lösung der durch das Geschäftshaus gestellten Aufgabe gearbeitet, die im wesentlichen darauf hinauslief, die Grundstücksfläche zu höchster Rentabilität zu bringen: in den beiden untern Stockwerken Verkaufsläden, Geschäftsräume, Büreaus, in den obern Mietswohnungen, unten breite Schaufenster, Thüren und sonstige Lichtöffnungen, oben Fenster mit gewöhnlichen Abmessungen. Den dadurch entstehenden Zwiespalt zwischen den einzelnen Stockwerken völlig zu lösen und einheitlich wirkende Fassaden zu komponieren, ist keinem der Architekten gelungen, obwohl alle erdenklichen Versuche gemacht worden sind, die verschiedenen Zwecken dienenden Stockwerke zusammenzufassen. Am meisten ist es noch Hans Grisebach in den Geschäftshäusern A. W. Faber und Ascher u. Münchow geglückt, die insofern eine Sonderstellung in der Berliner Architektur einnehmen, als ihr Schöpfer sich an den Stil der deutschen Renaissance an-^[folgende Seite]