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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Chirurgenkongreß

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Chirurgenkongreß (Berlin 1890).

auf Exsudationen in erweiterte Bindegewebsspalten beruhen, sei unhaltbar, dieselben entstehen vielmehr durch chronisch entzündliche Prozesse im Bindegewebe selbst; sie können sich daher auch ganz unabhängig von präformierten Bindegewebsspalten an jeder beliebigen Stelle im Bindegewebe selbst entwickeln.

In der zweiten Sitzung sprach Madelung - Rostock über die operative Behandlung der Nierentuberkulose und verteidigte auf Grund eigner Erfahrungen den Satz, daß die operative Behandlung der chronischen Nierentuberkulose, in bestimmten ausgewählten Fällen und zur rechten Zeit unternommen, statthaft sei. Er erörterte die Schwierigkeiten der Diagnose und leitete daraus die Unmöglichkeit ab, die Nierentuberkulose im Anfangsstadium operativ zu bekämpfen. Die Berechtigung, eine tuberkulöse Niere zu exstirpieren, erkennt der Vortragende nur an, wenn bereits der größere Teil der Niere zerstört ist und die Schmerzen, welche die Patienten erdulden, dem Chirurgen das Messer in die Hand geben. Bei der relativen Ungefährlichkeit der Operation und der geringen Blutung, welche sie verursacht, wird sie auch in vorgeschrittenen Stadien des Leidens gut ertragen. Allein berechtigt ist die Nephrektomie, die selbst dann angezeigt ist, wenn bereits tuberkulöse Prozesse von einiger Ausdehnung in andern Organen bestehen. Der Einfluß auf das Allgemeinbefinden ist stets ein guter. Graser - Erlangen sprach hierauf über Wurmfortsatz-Peritonitis und deren operative Behandlung. Die frühere Ansicht, daß bei Erkrankungen in der rechten Bauchgegend wesentlich vom Blinddarm ausgehende Prozesse in Betracht kommen, weicht in neuerer Zeit mehr und mehr der Erkenntnis, daß dieselben ihren Ausgang vom Wurmfortsatz nehmen. Die Erfolge der internen Behandlung der Erkrankungen des Wurmfortsatzes sind nun keineswegs sehr günstige. In 177 Fällen ergab sich eine Mortalität von 30 Proz., bei Kindern unter 15 Jahren eine solche von 70 Proz. Allgemein gilt die Perforation des Wurmfortsatzes in die Bauchhöhle als sehr gefährlich, und dem gegenüber tritt die chirurgische Behandlung vollkommen in ihr Recht, seitdem Mikulicz und Krönlein gezeigt haben, daß dieselbe den Verlauf günstig zu beeinflussen vermag. Selbst in anscheinend hoffnungslosen Fällen kann noch Hilfe gebracht werden, auch ist es ohne Nachteil, bestehende Verlötungen zwischen den Darmschlingen zu lösen. Auch chronische Fälle, bei denen man im allgemeinen geneigt ist, exspektativ zu verfahren, können unter Umständen zur Operation auffordern. Namentlich die Amerikaner sind in dieser Hinsicht sehr weit gegangen und haben sogar vorgeschlagen, den erkrankten Wurmfortsatz prophylaktisch zu entfernen. Zum Schluß sprach Herzog - München über die feinern Vorgänge beider Bildung des Nabelringes und gelangt zu dem Schluß, daß die Bildung des Nabels weniger als eine Narbenbildung, sondern wesentlich als die Umformung von embryonalem in geformtes Bindegewebe aufzufassen ist.

In der dritten Sitzung sprach König - Göttingen über Darmresektion, über Diagnose und Operationstechnik. Der zweite Vortrag von Mikulicz - Königsberg betraf den Hämoglobingehalt des Blutes bei chirurgischen Erkrankungen mit besonderer Rücksicht auf den Wiederersatz nach Blutverlusten. Die Untersuchungen des Vortragenden beziehen sich auf 400 Fälle und umfassen über 4000 Einzelversuche, welche vor der Operation und in bestimmten Zeiträumen nach derselben ausgeführt wurden. Von den an keinen konstitutionellen Erkrankungen leidenden Personen erreichten nur wenige den normalen Hämoglobingehalt des Blutes; der Durchschnitt betrug 81,6 Proz.; der höchste Gehalt fand sich bei Individuen im 3. Lebensdezennium, der niedrigste bei Kindern unter 10 Jahren. Frauen standen in jedem Alter auf einer niedrigern Stufe als Männer; der Unterschied betrug 6-12 Proz. Noch auffallender waren die Unterschiede mit Bezug auf die Regeneration des vorher vorhanden gewesenen Hämoglobingehalts nach Blutverlusten. Am schnellsten regeneriert sich das Blut bei Männern im 3. Lebensdezennium (10 Tage im Mittel), am langsamsten bei alten Frauen, welche fast die dreifache Zeit gebrauchen. Das Minimum des Blutgehalts tritt nicht sofort nach dem Blutverlust zu Tage, sondern es liegt ein Zeitraum dazwischen, der von der Größe des Blutverlustes abhängig ist: je größer der Blutverlust, desto später tritt das Minimum ein. Die Zeit schwankt zwischen 3 und 10 Tagen und ist bei Frauen größer als bei Männern, im spätern Alter größer als im jugendlichen. Auch die Zeit des Wiedereintritts des frühern Hämoglobingehalts ist von der Größe des Blutverlustes abhängig. Auf einen Blutverlust, der 5 Proz. Hämoglobinverlust entspricht, kommen im Mittel etwa 5 Tage Regenerationszeit. Das Maximum des Verlustes an Hämoglobingehalt des Blutes wurde in einem Falle beobachtet, in welchem derselbe von 70 auf 48 Proz. sank. Ein Herabsinken des Hämoglobingehalts unter 20 Proz. überlebte keiner der Patienten. Man könnte daran denken, diese Verhältnisse zum Ausgangspunkt einer Berechnung zu machen, wie weit die Chirurgie ihre Grenzen stecken darf, indem man durch Erweiterung solcher Untersuchungen etwa das Minimum feststellt, welches Menschen in bestimmten Lebensperioden und bei bestimmten Erkrankungen ertragen können, und dies mit dem ebenfalls berechneten Maximum an Hämoglobinverlust in Parallele stellt, der bei dieser oder jener Operation beobachtet ist. Bei der Ausdehnung seiner Untersuchungen auf Kranke mit Tuberkulose und gutartigen oder bösartigen Geschwülsten ergab sich sowohl die Herabsetzung des Hämoglobingehalts als die Erhöhung der Regenerationszeit in auffallender Weise. In einzelnen Fällen von Tuberkulose überschritt, wenn infolge der Operation eine Verbesserung des Allgemeinbefindens eintrat, der Hämoglobingehalt des Blutes die vor der Operation gemessene Höhe oft um ein Erhebliches. Ferner konnte nach der Exstirpation bösartiger Geschwülste konstatiert werden, daß, wenn der Kranke recidivfrei operiert war, der Hämoglobingehalt innerhalb der bestimmten Frist zur alten Höhe zurückkehrte. War aber die Exstirpation keine radikale oder trat ein Recidiv ein, so kam es nicht zum vollen Ersatz des ursprünglichen Hämoglobingehalts. Gluck - Berlin sprach hierauf über Naht und plastischen Ersatz von Defekten höherer Gewebe und über die Verwertung resorbierbarer und lebendiger Tampons in der Chirurgie und Zabludowski - Berlin über die Technik der Massage. Er berichtet über eine Reihe von Erfolgen der Massage in Fällen traumatischer Neurosen, in denen allerdings, wie er zugibt, das psychische Moment der Behandlung den Hauptanteil an der günstigen Beeinflussung der hysterischen Patientinnen zu haben scheint. In andern Fällen von wirklichen Neuritiden oder Perineuritiden, in denen die gewöhnlichen Manipulationen als zu schmerzhaft nicht ertragen wurden, führte die Ausübung einer Art diskontinuierlichen Druckes zum Ziel. Endlich erwähnt er Heilungen sehr hartnäckiger Obstipationen durch Massage in Knieellbogenlage.