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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Deutsch-Ostafrika

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Deutsch-Ostafrika (neueste Entwickelung).

britannien verpflichtet sich, seinen Einfluß aufzubieten, um den Sultan von Sansibar zur Abtretung seiner Besitzungen auf dem gegenüberliegenden Festland und der Insel Mafia zu bewegen. Deutschland erkannte die Schutzherrschaft Großbritanniens über die dem Sultan verbleibenden Besitzungen, d. h. die Inseln Sansibar und Pemba, an, verzichtete auf die Schutzherrschaft über das Sultanat Witu und die Küste bis Kismaja und erhielt schließlich die Insel Helgoland.

Die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft, welche 13. Jan. 1890 einen neuen Vertrag wegen der von ihr gepachteten Zölle mit dem Sultan von Sansibar geschlossen und sich 4. Juni mit der Witugesellschaft vereinigt hatte, schloß 20. Nov. 1890 einen Vertrag mit dem Deutschen Reiche ab, durch welchen ihre Stellung und ihre Aufgaben in Ostafrika völlig umgestaltet wurden. Danach übernahm das Reich das Küstengebiet mit der Insel Mafia und das bisherige Schutzgebiet in Ostafrika in eigne Verwaltung, wogegen sich die Gesellschaft zu einer Entschädigung von 4 Mill. Mk. an den Sultan von Sansibar verpflichtete. Zugleich wurde ihr die Aufnahme einer Anleihe von 10½ Mill. Mk., zu 5 Proz. verzinslich, gestattet, deren Ertrag innerhalb der nächsten 10 Jahre verwandt werden sollte, zunächst zur Betonnung der Häfen und zur Herstellung von Beleuchtungsanlagen an der Küste. Das Reich gelangt in den Besitz der in jenen Gebieten eingehenden Zölle, Steuern etc. und zahlt fortan an die Gesellschaft eine jährliche Summe von 600,000 Mk. Der Gesellschaft wird das Okkupationsrecht an herrenlosen Grundstücken und Wäldern, Konzession zu Bergwerken, zur Anlage von Eisenbahnen etc. verliehen.

Dieser Vertrag ist 1. Jan. 1891 in Kraft getreten und gleichzeitig an der ostafrikanischen Küste die deutsche Reichskriegsflagge geheißt worden. Major v. Wißmann, der in seiner Heimat Lauterberg im Harz am Gelenkrheumatismus erkrankt war, kehrte nach seiner Genesung nach Ostafrika zurück und traf 30. Nov. 1890 in Sansibar ein, worauf sein Stellvertreter Schmidt beurlaubt wurde. Wißmann wird aber nur bis 1. April 1891 die Geschäfte des Reichskommissars führen, alsdann soll die Zivil- und Militärgewalt im Küstengebiet und den Landschaften, für welche der kaiserliche Schutzbrief erteilt ist (also nicht für das gesamte Gebiet bis zum Victoria Nyanza), einem Gouverneur übertragen werden, für welche Stellung der bisherige Gouverneur von Kamerun, Freiherr von Soden (s. d.), ausersehen ist. Die Schutztruppe, welche 1890 aus 52 Offizieren, 21 Deckoffizieren, 134 Unteroffizieren bestand und an schwarzen Mannschaften 1200 Sudanesen, 380 Zulus, 120 Askaris (Sansibarsoldaten) und 10 Somali umfaßte, geht nebst der zugehörigen Flottille in den unmittelbaren Dienst des Deutschen Reiches über. Desgleichen übernimmt letzteres die in Ostafrika schon bestehenden Stationen, und zwar im Norddistrikt die Hauptstationen Tanga und Pangani (in Usambara), Saadani (Useguha), Bagamoyo und Dar es Salam (Usaramo). Letztere Stadt ist zum Sitz des Gouverneurs ausersehen. Von den zugehörigen Nebenstationen erwähnen wir Mpwapwa (in Usagara), die am Kilima Ndscharo und die im November 1890 zu Masinde angelegte (zwischen Pangani und dem Kilima Ndscharo). Im Süddistrikt bestehen Stationen in Kilwa, Lindi und Mikindani. Im Herbst 1890 hat endlich Emin Pascha eine Station zu Bukoba am Victoria Nyanza angelegt. In den ältern Stationen sind während des Jahres 1890 Forts mit Benutzung der noch vorhandenen Gebäude errichtet worden; als Material hat man den Korallenstein verwendet. Die während des Aufstandes meist zerstörten Küstenstädte sind in regelmäßiger Anlage wiederhergestellt worden.

Neuerdings sind die definitiven Ergebnisse des Handels für das Jahr August 1888 bis August 1889 veröffentlicht worden. Sie sind recht günstig, wenn man erwägt, daß das in Rede stehende Jahr ein Kriegsjahr war. Es betrug die Einfuhr 2,5 Mill., die Ausfuhr 4,27 Mill. Mk. Der Hauptverkehr ging über Bagomoyo, dann folgen Kilwa Kivindje, Dar es Salam und Pangani. Zur Einfuhr kamen besonders gefärbte und bedruckte Baumwollstoffe, die Ausfuhr bestand aus Elfenbein, Kopal, Kautschuk, Sesamsaat, Reis, Bauholz etc. Elfenbein wird meist über Bagamoyo, Kopal über Dar es Salam, Kautschuk über Kilwa ausgeführt. Zur Förderung des Seehandels hat dann neuerdings die Errichtung einer Dampferlinie beigetragen, welche 21. Jan. 1890 der deutsche Reichstag bewilligte. Unternehmerin ist eine Aktiengesellschaft in Hamburg, welche über ein Kapital von 6 Mill. Mk. verfügt. Sie hat sich zur Errichtung folgender Linien verpflichtet: auf der Hauptlinie Hamburg-Delagoabai (über Aden, Sansibar, Dar es Salam) sind jährlich 13 Fahrten, auf der Küstenlinie Sansibar Lamu 26 und auf der Küstenlinie von Sansibar südwärts nach Inhambane 13 Fahrten auszuführen. Für die Hauptlinie sollen vier, für die Küstenlinien zwei neue Dampfer errichtet werden. Der jährliche Zuschuß des Reiches beträgt 900,000 Mk.

Was die finanziellen Opfer anbetrifft, welche D. dem Reich auferlegt, so betrugen dieselben für 1890 bis 1891: 4½ Mill. Mk., darunter 3 Mill. Mk. für laufende Ausgaben. Nach langen Debatten bewilligte der Reichstag diese Summe 24. Juni 1890. Im Etat für 1891/92 verlangte die Regierung 3½ Mill. Mk. unter dem Titel: »Für Maßregeln zur Unterdrückung des Sklavenhandels und zum Schutz der deutschen Interessen in Ostafrika«, doch hat die Budgetkommission beantragt, diese Summe um 1 Mill. zu kürzen, und in diesem Sinn hat sich auch der Reichstag bei der zweiten Lesung des Etats (Februar 1891) entschieden.

Es erübrigt noch über die beiden wichtigen Expeditionen zu sprechen, welche 1890 in D. unternommen sind. Emin Pascha trat, nachdem er von dem Unfall in Bagamoyo genesen war, 6. März 1890 in deutsche Dienste. Seine Aufgabe sollte es sein, innerhalb der deutschen Interessensphäre mit den Häuptlingen zwischen dem Victoria Nyanza und Tanganjikasee Verträge zu schließen, im Innern Stationen zu errichten und die drohende Verbindung zwischen den Arabern von Tabora und den Mahdisten in der ehemals ägyptischen Äquatorialprovinz zu unterbrechen. Am 20. April brach Emin Pascha mit 500 Mann von Bagamoyo auf; unter ihm kommandierten die Leutnants Langheld und Dr. Stuhlmann, unter andern begleitete Pater Schynse die Expedition. In Mpwapwa traf man auf Dr. Peters und die von diesem geführte Emin Pascha-Expedition. Während diese sich zur Küste wandte, drang Emin Pascha nach Unjanjembe vor, heißte in Tabora die deutsche Flagge und erreichte 27. Sept. Bussisi, das am Kreek des Victoria Nyanza gegenüber der französischen Missionsstation Bukumbi liegt. Am 19. Okt. fuhr Emin Pascha über den See nach der Landschaft Karagwe am Westufer, wohin ihm Stuhlmann zu Lande mit 144 Soldaten und 110 beladenen Trägern folgte. Emin Pascha landete 31. Okt. in Bukoba