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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Französische Litteratur der Schweiz

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Französische Litteratur der Schweiz (18. und 19. Jahrh.).

Zeit entstanden sind, deren Interesse aber naturgemäß mit ihr vergangen ist.

Von entscheidende Einfluß auf die geistige und moralische Entwickelung der französischen Schweiz war der Aufenthalt Voltaires. Im Dezember 1754 ließ er sich in der Nähe von Genf nieder, teils von der schönen Natur, teils von den vorzüglichen Druckereien angelockt, in denen damals so manche epochemachenden Werke gedruckt wurden, trat alsbald in lebhaften Verkehr mit einigen angesehenen Familien, so mit den Pastoren Vernet und Vernes, dem berühmten Arzt Tronchin nebst seinen zwei Brüdern, dem Professor Pictet, und bezauberte alle durch seine Liebenswürdigkeit; als er aber versuchte, seine »Zaïre« auszuführen, stieß er auf den hartnäckigen Widerspruch des Konsistoriums; schon seit Calvins Zeiten waren dramatische Aufführungen, außer etwa geistlichen, nicht mehr geduldet und selbst Privataufführungen bestraft worden. In seiner Eitelkeit verletzt, wandte er sich nach Lausanne und fand dort besseres Entgegenkommen, besonders bei den Frauen; auch die Pastoren scheuten sich nicht, den Gesellschaften und Aufführungen des geistreichen Spötters beizuwohnen. Nach Genf zurückgekehrt, beschloß er, sich an den Muckern zu rächen; einige bissige Artikel in der Encyklopädie und gottlose Schriften, wie »Le désastre de Lisbonne« und später »Candide«, reizten die Angegriffenen zu heftigen Erwiderungen; und um seine Gegner an der empfindlichsten Stelle zu treffen, ließ er auf seinem Landgut Ferney an der Grenze des Genfer Gebiets einen Theatersaal erbauen und dort seine Dramen (unter andern »Tancrède«) aufführen, wozu wieder die Genfer Gesellschaft Schauspieler und Publikum stellte. Auch J. J. Rousseau, Genfs größter Bürger, griff in den Streit ein; hatte Voltaire Beziehungen zu der regierenden Klasse und zahlreiche Anhänger unter den Natifs, so hielt sich der demokratische Rousseau zu den Représentants, in deren Sinne er auch gegen Voltaire die »Lettres sur les spectacles« schrieb. Mit dem Rate der Stadt aber hatten es beide verdorben: der ließ sowohl den »Candide« als den »Émile« verbrennen und die »Nouvelle Héloïse« als unmoralisch verbieten. Rousseau suchte sich zwar mit den »Lettres de la Montagne« zu rechtfertigen, fachte damit aber den Streit erst recht an. Voltaire behielt doch das letzte Wort (mit »Guerre civile de Genève«), und 1782 wurde nach wiederholter Intervention des französischen Gesandten eine Schauspielertruppe in Genf eingeführt und ein steinernes Theater erbaut; die ersten Direktoren waren Fabre d'Eglantine und Collot d'Herbois.

Einen glänzenden Aufschwung hatten die Naturwissenschaften genommen. Männer wie Cramer, Calandrini, Jallabert, De Luc, Pictet, besonders aber Charles Bonnet (gest. 1793) und sein berühmter Nesse Bénédict de Saussure (gest. 1799) zogen durch ihre Beobachtungen, Reisen und Forschungen die Augen von ganz Europa auf sich. Auch auf andern Gebieten regte es sich: neben dem trefflichen Historiker Mallet muß der Bibliothekar Senebier erwähnt werden, der mit großem Fleiße, aber geringem Stilgefühl und wenig maßvollem Urteil eine Litteraturgeschichte von Genf schrieb. In Bern gab es damals einige ausgezeichnete Gelehrte, die sich der deutschen wie der französischen Sprache gleich gut bedienten und darum wohl hier genannt werden dürfen: Albrecht v. Haller, Bonstetten, Lerber, der sogar gute Verse machte, und der Amtmann Sinner, der als Übersetzer, Sammler, Archäolog und Bibliophil geschätzt war.

In Lausanne hatte der Voltairesche Geist am meisten gewirkt. Da die Abhängigkeit von Bern den Söhnen der vornehmen Familien die politische Laufbahn verschloß, so mußten sie, wenn sie Drang nach Thätigkeit empfanden, außer Landes gehen, häufig als Erzieher hochstehender Persönlichkeiten. Diese mit ihren im Ausland gesammelten Erfahrungen, die Waadtländer mit ihrer Leichtlebigkeit und Liebenswürdigkeit, eingewanderte Franzosen und die zahlreichen Fremden, die von Jahr zu Jahr in immer größern Scharen die schönen Ufer des Sees aufsuchten, bildeten eine Art kosmopolitischer Gesellschaft, in der die geistreiche Geselligkeit der Pariser Salons mit Glück nachgeahmt wurde. Einer der interessantesten Gäste war der Engländer Eduard Gibbon, der Hauptmagnet der berühmte Arzt Victor Tissot, dessen »Avis au peuple de la santé« in kurzer Zeit 15 Auflagen erlebte und in 17 Sprachen übersetzt wurde. Die Schriftstellerei wurde bei den Damen Modesache, seitdem Frau v. Montolieu mit ihren ziemlich faden Romanen viel Beifall gefunden hatte, besonders mit »Caroline de Lichtfield« (1786) noch dem genießbarsten von allen. Etwas höher stehen die »Poésies helvétiennes« des Dechanten Ph. Bridel, in denen schon hin und wieder nationaler Geist zu spüren ist. Allein es mangelt ihm an Präzision und Klarheit des Ausdrucks, und sein poetisches Gefühl ist nicht echt. Auch in Neuchâtel machte sich in jener Zeit geistiges Leben bemerkbar; hier war es Frau v. Charrière, eine Holländerin von Geburt, die Verfasserin der »Lettres neuchâteloises« und »Lettres de Lausanne« (von Sainte-Beuve gelobt), und der treffliche Kritiker David Chaillet (im »Mercure suisse«), die einen kleinen, aber angeregten Kreis um sich versammelten, dem auch Benjamin Constant eine Zeitlang angehörte.

Während der französischen Revolution und des Kaiserreichs absorbierte Frankreich alle Interessen und Kräfte der Schweiz, zumal da die Proklamierung der Helvetischen Republik und die Mediationsakte sie eng mit dem Nachbarland verbanden. Von den Schweizern, welche in dieser Zeit politisch und litterarisch für Frankreich thätig waren, sind zu nennen: der Bankier u. Minister Necker, der Baron v. Besenval, den Sainte-Beuve neben B. Constant den französischten aller Schweizer nennt, die beiden Theologen Reybaz und Dumont, Freunde Mirabeaus, die ihm häufig die Konzepte zu seinen Reden lieferten, Benjamin Constant, der Freund der Frau v. Staël, General Jomini, der berühmte Militärschriftsteller, u. a. m. Frau v. Stael war zwar in Paris geboren und in Geschmack und Gewohnheiten Französin, allein ihrer Natur nach eine Schweizern, eine echte Tochter Rousseaus und in Ideen und Gefühlen mehr germanischem Wesen sich zuneigend, und so ganz dazu geeignet, die Kulturmission der französischen Schweiz zu erfüllen, zwischen den germanischen und romanischen Völkern zu vermitteln. Dennoch wollte sie von der Schweiz nichts wissen, und der Aufenthalt in Coppet war für sie trotz der herrlichen Natur und der interessanten und glänzenden Gesellschaft, die sich dort zusammenfand, eine Strafe.

Mit der Loslösung der Schweiz von Frankreich (1814) erwachte neues geistiges Leben, vornehmlich in Genf; hier lebten und lehrten die Gebrüder Pictet, die 1796 die »Bibliothèque britannique« gegründet hatten, aus der die »Bibliothèque universelle« entstanden ist, der ernste Geschichtschreiber Sismondi, der mit Corinna in Italien reiste, der Genfer Gesetzgeber Bellot, seit 1803 auch Bon-^[folgende Seite]