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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Geldmarkt und Börse 1889/90

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Geldmarkt und Börse 1889/90.

Form eines Aufgeldes auf die Aktien erhoben, und das führte dazu, daß 30 Proz. und mehr Aufgeld gezahlt wurde und sich dasselbe in den meisten Fällen sofort weiter erhöhte. Diese Bewegung war nicht das Werk von Fachspekulanten, sondern des Publikums, welches durch Kursgewinn Reichtümer erwerben wollte und erworben hätte, wenn es mit dem erzielten Gewinn sich befriedigt erklärt und, wie man an der Börse sagt, »herausgegangen wäre«; aber statt dessen war jeder neue Erfolg nur eine Anregung für eine Ausdehnung der Engagements, bis sich endlich eine Reaktion entwickelte. Die spekulative Beteiligung des Publikums ging von Brauerei- und ähnlichen Aktien auf Bergwerkspapiere über. Der Mangel an spekulativer Teilnahme für andre Industriepapiere wurde durch Täuschungen in der Dividendenfestsetzung einiger industrieller Gesellschaften verschärft, während sich die spekulative Teilnahme für Bergwerkspapiere steigerte, weil der Markt für Montanerzeugnisse in eine steigende Preisbewegung trat und diese eine Auffassung der Verhältnisse hervorrief, welche nur den günstigen Erscheinungen Rechnung trug und jedes ungünstige Moment einfach von der Tagesordnung absetzte. Im Mai kam die Arbeiterfrage in Fluß. Arbeiterausstände in den Kohlenrevieren, besonders in Rheinland-Westfalen, veranlaßten eine Verminderung der Förderung über die Ausstandszeit hinaus, weil die Überschichten in Wegfall kamen und die Betriebsunterbrechungen Störungen verursacht hatten. Die Kohlenpreise stiegen, weil sich auch der Bedarf zu nicht kleinem Teile infolge der großen Arbeiten für Rüstungszwecke erweitert hatte. Die Steigerung der Kohlenpreise und des Arbeitslohnes beeinflußte auch die Bewegung in andern Bergwerksartikeln, besonders des Eisens, und so entwickelte sich eine allgemeine Preisbewegung, welche von den zum Abschluß gekommenen Konventionen und errichteten Verkaufssyndikaten zu einer Preisfixierung benutzt wurde, welche eine Reaktion veranlassen mußte. Diese Reaktion trat im J. 1890 sehr scharf in die Erscheinung und übertrug sich auf die Preise aller Rohmaterialien und Kurse, nur mit dem Unterschied, daß im Januar, Februar und März die Kurse fielen, während die Eisen- und Kohlenpreise noch stiegen. Letztere gingen dann aber ebenfalls scharf zurück.

Unter dieser Gestaltung der Verhältnisse hatte besonders der deutsche Ausfuhrhandel zu leiden. Die Einfuhr fremder Erzeugnisse ist trotz der Schutzzölle gestiegen, die Ausfuhr gefallen. Die stattgehabte Bewegung ist aus folgenden Zahlen erkennbar. Es war in Tonnen für

Roheisen Brucheisen Eisen- u. Stahl-Fabrikate

Einfuhr Ausfuhr Einfuhr Ausfuhr Einfuhr Ausfuhr

1889 339264 156435 15059 35284 69757 817524

1888 216958 144251 7623 28439 47270 879999

1887 157102 212293 6634 60548 54148 989466

Ähnliche Verhältnisse entwickelten sich im Kohlen- und Koksverkehr. Es betrug in Tonnen an

Steinkohlen Koks Braunkohlen

Einfuhr Ausfuhr Einfuhr Ausfuhr Einfuhr Ausfuhr

1889 4573209 8860247 387394 814613 5650966 -

1888 5252409 9459769 268635 917684 5211667 -

1887 2674739 8781377 236798 724763 4424327 -

Mit dem Plus der Einfuhr und dem Minus der Ausfuhr ist eine Steigerung der Produktion Hand in Hand gegangen, dieselbe betrug in Tonnen:

1889 1888 1887

An Steinkohlen 67311337 65386120 60333984

- Braunkohlen 17551411 16487728 15883694

- Roheisen 4524759 4337121 3954413

Der Hauptgrund der sich entwickelnden Reaktion lag in der Identifizierung der Worte Verbrauch und Absatz. Die statistischen Aufzeichnungen haben allerdings niemals das Wort Verbrauch in Anwendung gebracht, aber der Spekulation entsprach diese Praxis nicht; sie adoptierte das Wort Verbrauch und fand, daß dieser die Produktion decke. Aber das war eine Täuschung, welche besonders in der ersten Hälfte des Jahres 1890 in dem stärkern Angebot seitens der Händler unter Kartellpreisen zum Ausdruck kam.

An der Börse entwickelte sich, nachdem die Kurse fast das ganze zweite Halbjahr 1889 gestiegen waren, die Reaktion infolge der Gestaltung der Verhältnisse am Geldmarkt, welche die leichten Hände zur Liquidation ihrer Engagements zwangen und einen Kursdruck veranlaßten, der aus folgender Aufstellung hervorgeht. Dieser Kursdruck mußte sich am stärksten für Bergwerksaktien geltend machen, weil auf diesem Gebiete die größte Anspannung der spekulativen Kräfte stattgefunden hatte und hier jede Arbitrage fehlte. Mit derselben fehlt auch das besonders im internationalen Verkehr arbeitende Sicherheitsventil, d. h. der Abzug, bez. der Bezug von Material, wenn dasselbe zu stark vorhanden ist, bez. fehlt. Es notierten:

1889 Diskonto-Kommandit-Gesellschaft Deutsche Bank Darmstädter Bank Berliner Handelsgesellschaft

Höchster Kurs 254,90 177,90 182,75 207,75

Niedrigster Kurs 224,60 166,90 161,30 166,40

31. März 1890 230,25 166,80 163,25 166,50

30. Juni 1890 222,90 168,00 158,50 168,90

.

1889 Dresdener Bank Nationalbank für Deutschland Internationale Bank

Höchster Kurs 192,60 155 135

Niedrigster Kurs 146 128,75 119,10

31. März 1890 155,10 124,00 114,00

30. Juni 1890 157,50 135,25 118,80

.

1889 Harpener Hibernia Gelsenkirchen Laurahütte Dortmunder Union

Höchster Kurs 327,70 245,30 228 189,25 142,90

Niedrigster Kurs 128,60 137 139,75 126,75 82

31. März 1890 203,50 176,60 166,10 138,50 88,75

30. Juni 1890 196,10 166,50 165,50 145 89,10

Von dem durch den Wert des Bezugs neuer Aktien entstandenen Kursdifferenzen haben wir bei dieser Aufstellung abgesehen.

Die veränderte Gestaltung der Geldverhältnisse war eine Folge des gesteigerten Bedarfs der Industrie, welcher besonders in der Erweiterung der Unternehmungen durch den Erwerb von Zechen und dem herrschenden Gründungsfieber zum Ausdruck kam. Auch andre Gründe haben mitgewirkt. So wurde durch Suspension der Ankäufe von Diskonten in den Provinzen seitens der Reichsbank das Angebot derselben am offenen Markte gesteigert. Die großen finanziellen Operationen, welche stattfanden, haben ebenfalls die Kräfte der Banken in Anspruch genommen. Auch sind wohl fremde Guthaben, welche in Deutschland standen, besonders seitens der russischen Regierung, zurückgezogen worden. Zuerst (im April) sprach sich der gesteigerte Geldbedarf in der Vermehrung der Anlage von Wechseln und Lombarddarlehen bei der Reichsbank aus. Es waren durchschnittlich bei letzterer angelegt: