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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Geschlecht

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Geschlecht (Verteilung der Bevölkerung nach demselben).

Nach den vorstehenden Ziffern ist in Europa das männliche G. stärker als das weibliche nur in Luxemburg und Liechtenstein, im donischen Gebiet, in Italien, Bosnien nebst der Herzegowina, Serbien, Bulgarien, Griechenland, Cypern und Rumänien. Aus Andorra, Monaco, San Marino, Montenegro und der europäischen Türkei liegen keine Nachrichten über die Verteilung der Bevölkerung nach dem G. vor. In allen übrigen europäischen Staaten überwiegt das weibliche G. Allerdings sind oben große und kleine Staaten als gleichwertig nebeneinander gestellt. Wie in Luxemburg und gar in dem kleinen Liechtenstein mit 9124 Einw., so können in kleinern Gebieten der größern Länder noch leicht solche mit einem Überschuß der männlichen Bevölkerung über die weibliche gefunden werden.

Die Einteilung nach der geographischen Lage, wie Fircks in seiner Tabelle sie macht, erweist sich übrigens als unangebracht. Sie faßt auf diese Weise Länder, die für uns ganz heterogene Verhältnisse aufweisen, zusammen, wie Frankreich mit Portugal, wo doch in Frankreich der Frauenüberschuß nur 2 ist, fast der geringste in den europäischen Kulturstaaten, in Portugal dagegen der höchste, nämlich 44.

Keinesfalls auch hängt der Frauenüberschuß in irgend merkbarer Weise von der Stammesangehörigkeit ab. In Europa haben, wie erwähnt, den größten Frauenüberschuß Portugal mit über 44 auf 1000 Einwohner, darauf aber Norwegen mit 30. Das Portugal stammverwandte Italien dagegen hat keinen Weiberüberschuß, sondern einen kleinen Männerüberschuß, nämlich auf 1000 Einw. 2 Frauen weniger als Männer. Wenn man die Gruppierung einfach in abstehender Reihe vornimmt, so ergibt sich: Großbritannien mit. Irland, Dänemark, Deutschland, die Schweiz, Österreich ohne Ungarn, endlich Spanien haben im Durchschnitt einen Frauenüberschuß von 19-23. Sehr wesentlich kleiner ist der Überschuß in Ungarn und Rußland, nämlich bloß 9 und 7. Weiter in Frankreich und Italien ist die Zahl von Frauen und Männern nahezu gleich; Frankreich hat einen kleinen Prozentsatz mehr an Frauen, Italien einen kleinen Prozentsatz mehr an Männern. Die Balkanhalbinsel endlich (ohne das Gebiet des türkischen Reichs), die den Übergang gegen Asien zu bedeutet, hat einen Männerüberschuß, der auf 1000 Einw. zwischen 15 und 55 Männern schwankt. Das allein sind die Gebiete, die unterschieden werden können: vorerst Skandinavien und Portugal, sodann zweitens Großbritannien, Deutschland, Österreich mit anhängenden Staaten und Spanien; weiter drittens Rußland und Ungarn; viertens Frankreich und Italien; fünftens der Balkan.

Es ist nun aber klar, daß diese Verschiedenheiten in der Zahl der männlichen gegen die weibliche Bevölkerung im Zusammenhang stehen mit der Zahl der Geburten in beiden Geschlechtern und mit der Absterbeordnung derselben. Der Frauenüberschuß kann sich ebensowohl daraus ableiten, daß Frauen ein höheres Alter als Männer erreichen, als auch daraus, daß bei gleicher Sterblichkeit beider Geschlechter mehr weibliche Kinder geboren werden. Freilich macht sich in dem Zahlenverhältnis beider Geschlechter noch ein andrer Faktor geltend: die Ein- oder Auswanderung. Subjekte der Ein-, bez. Auswanderung sind Männer weit mehr als Frauen, und in Einwanderungsländern, wie die amerikanische Union, die südamerikanischen Staaten, Australien, in Europa Frankreich, zeigt sich daher leicht ein Männerüberschuß, der in gleicher Weise in den Ländern, denen das Männermaterial entnommen ist, einen größern Weiberüberschuß hervorbringt. Indes fällt dieser Faktor doch nur ausnahmsweise schwer ins Gewicht. Was dann die Ziffer der Geburten betrifft, so haben wir Daten über die Beteiligung beider Geschlechter an denselben nur aus Europa. Diese Ziffern stimmen aber mit den bisher über die Verteilung der Bevölkerung genannten absolut nicht überein. Es werden nämlich im Durchschnitt 105 Knaben auf 100 Mädchen geboren. Zwischen 104 und 106 Knabengeburten auf 100 Mädchengeburten haben fast alle europäischen Länder. Außerhalb dieser Ziffer stehen nur Italien und Spanien mit etwas mehr, nämlich 107 Knaben auf 100 Mädchen, sodann Rumänien und Griechenland mit dem höchsten Knabenkoeffizienten, nämlich 111 auf 100 Mädchen. Am geringsten ist die Zahl der Knabengeburten in Russisch-Polen mit 101 Knaben auf 100 Mädchen.

Der Überschuß der weiblichen über die männliche Bevölkerung, wie wir ihn in allen europäischen Kulturstaaten mit Ausnahme Italiens treffen, erklärt sich unter diesen Umständen aus einer verhältnismäßig größern Anzahl von Sterbefällen beim männlichen G. Speziell im ersten Lebensjahr sterben in den europäischen Kulturstaaten mit Ausnahme Norwegens auf 100 Mädchen rund 125 Knaben. Auch noch im zweiten bis zum fünften Lebensjahr ist die Sterblichkeit der Knaben etwas größer als die der weiblichen Kinder, nämlich 103:100. Und noch weiterhin überragt die Sterblichkeit der Knaben jene der Mädchen um ein Weniges. Der größern Summe physischer Kraft, welche der Mann durchschnittlich besitzt, steht eben keine entsprechend große Widerstandskraft gegen die mannigfaltigen Lebensbedrohungen, welche ihn umgeben, zur Seite. Im Alter zwischen 15 und 20 Jahren halten sich beide Geschlechter numerisch ziemlich das Gleichgewicht, dann bringt aber die anhaltend etwas größere Sterblichkeit der Männer jenen von uns für die meisten europäischen Kulturstaaten festgestellten Überschuß der weiblichen Bevölkerung hervor. Vom 30. bis zum 50. Jahre war die Entwickelung früher und ist teilweise noch heute unterbrochen, indem in diesen Jahren früher allgemein etwas mehr Frauen dahingerafft wurden als Männer, jedenfalls infolge der vorzugsweise in diese Zeit fallenden Geburten. In Frankreich sind noch heute die Frauen im Alter von 25-30 Jahren in höherm Maße gefährdet, in Deutschland dagegen gar nicht und auch nicht in Österreich.

Man hat nun aus dem gegenseitigen Verhältnis der Geschlechter Folgerungen mit Bezug auf die Gesetzmäßigkeit oder mindestens Angemessenheit gewisser gesellschaftlicher Einrichtungen, vorzüglich der Ehe gezogen. v. Öttingen beispielsweise, der bekannte Dorpater Theolog und Statistiker, will in der vorliegenden Verteilung beider Geschlechter in der Zeit der ehelichen Reife ein merkwürdiges Gleichgewicht erblicken, und er folgert hieraus die Bestimmung des Menschen zur Monogamie. Öttingens Auffassung ist aber nicht unangefochten geblieben. Insbesondere hat sich Platter in Zürich gegen ihn gewendet. Öttingen hebt mit andern hervor, im Alter zwischen 15 und 20 Jahren sei das Gleichgewicht der Geschlechter am besten verwirklicht. Platter vermag darin aber keine höhere Harmonie zu sehen, denn der Mann schreite nicht in diesem Alter zur Ehe. Man kann hinzufügen, daß, wenn solches auch der Fall wäre, die sodann für eine Anzahl junger Frauen infolge der ja doch vorhandenen größern Sterblichkeit der Männer sofort eintretende Witwenschaft kaum auch für