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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Großbritannien

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Großbritannien (Geschichte).

nicht erteilte. Gänzlich gescheitert sind dagegen die entsprechenden Verhandlungen, welche im Oktober zwischen G. und Italien über die Abgrenzung ihrer afrikanischen Besitzungen zu Neapel angeknüpft wurden; nachdem über die wesentlichsten Punkte bereits ein Einverständnis erzielt war, stellte sich über die Frage der Besetzung Kassalas eine Meinungsverschiedenheit heraus, die den Abbruch der Unterhandlungen herbeiführte.

Konnte die Regierung ungeachtet des letztern Mißlingens auf diese über die afrikanischen Verhältnisse geführten Verhandlungen, außer welchen noch der Abschluß eines für England sehr günstigen Abkommens mit der Transvaalrepublik (4. Aug.) zu erwähnen ist, mit Genugthuung blicken, so boten die innern Verhältnisse des Landes, auch abgesehen von den parlamentarischen Fragen, kein so günstiges Bild. In Irland nahm angesichts der Mißernte an Kartoffeln die Gärung im Herbste des Jahres aufs neue zu, und sie wurde von den Agitatoren der Homerulepartei in bekannter Weise geschürt, so daß die Regierung sich veranlaßt sah, gegen eine Anzahl derselben, darunter mehrere Parlamentsdeputierte, einen Prozeß wegen Verschwörung einzuleiten; ein Nebenzweck desselben war es wahrscheinlich gewesen, die Abgeordneten Dillon und O'Brien, welche eine Agitationsreise nach Amerika beabsichtigen, um neue Geldmittel für die Partei zu beschaffen, hieran zu verhindern. Gerade dies aber wurde nicht erreicht; während die Prozeßverhandlungen vor dem Gerichtshof von Tipperary sich langsam hinschleppten, entkamen die beiden Abgeordneten nach Frankreich und schifften sich in Havre nach Amerika ein. Aber auch in England selbst waren die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in manchen Beziehungen besorgniserregend. Den Handel demselben drohten die in den Vereinigten Staaten von Nordamerika im Laufe des Jahres 1890 beschlossenen außerordentlich extremen Schutzzollgesetze ernstlich zu gefährden, und unter der arbeitenden Bevölkerung waren schon seit längerer Zeit Bewegungen im Gange, welche vielfach einen sehr ernsten Charakter angenommen hatten. Mit einem lange dauernden Streik der Londoner Dockarbeiter im September 1889, infolgedessen aller Handel zu stocken begann, entstand jene lange Reihe von Arbeitseinstellungen, welche für die soziale Geschichte Englands im letzten Jahre besonders bezeichnend sind; immer fester organisierten sich die Arbeiter in ihren gewaltigen Gewerkvereinen, und, was besonders bedeutsam war, innerhalb dieser Vereinigungen gewannen, wie auf dem Arbeiterkongreß des Sommers 1890 deutlich hervortrat, die bisher in England wenig erfolgreichen Agitationen der eigentlichen Sozialdemokraten mehr und mehr an Boden. Aber die Bewegung blieb nicht einmal auf die eigentlichen Arbeiterkreise beschränkt; auch die Eisenbahn- und Post-, ja selbst die Polizeibeamten Londons machten im Sommer ernstliche Versuche, zu streiken; selbst in der Armee schien Gärung zu herrschen: im Juli verweigerte ein Bataillon Gardegrenadiere in der Wellingtonkaserne zu London seinen Vorgesetzten geradezu den Gehorsam; im August zeigten sich ähnliche Symptome der Meuterei unter den Truppen zu Chatham. Alle diese Bewegungen, die man in G. selbst freilich weniger ernst nahm, als das auf dem Festland geschehen sein würde, stehen doch unzweifelhaft, wenn auch nicht unmittelbar, so doch mittelbar, in einem gewissen Zusammenhang und bekunden die wachsende Unzufriedenheit der unbemitteltern Klassen der englischen Gesellschaft mit ihrem Geschick.

Entsprechend den Ankündigungen der Regierung wurde die Herbstsession des Parlaments 25. Nov. eröffnet. Inzwischen war nun aber ein Ereignis eingetreten, welches die politische Lage in G. wesentlich umgestaltete. Am 17. Nov. war Parnell in einem Ehebruchsprozeß, den der irische Kapitän O'Shea gegen ihn angestrengt hatte, für schuldig erklärt worden; es war zu Tage gekommen, daß er das Vertrauen, welches ihm der Kläger, sein Freund und Parteigenosse, in fast unbegrenztem Maß hatte zu teil werden lassen, auf das schmählichste getäuscht hatte. Nach den in England herrschenden Anschauungen hätte diese Verurteilung den Rücktritt des irischen Parteiführers vom öffentlichen Leben nach sich ziehen müssen; allein Parnell dachte nicht daran, diese Folgerung zu ziehen, sondern ließ sich von seinen Parteigenossen abermals zum Leiter wählen. Darauf wurde 26. Nov. ein Brief Gladstones veröffentlicht, in welchem dieser erklärte, wenn Parnell die Führung der irischen Partei nicht niederlege, werde es unmöglich sein, daß die Liberalen den Kampf für die irische Sache fortsetzten, und er selbst werde sich genötigt sehen, von der Leitung der liberalen Partei zurückzutreten. Als Parnell auch jetzt unbeugsam blieb und Gladstones Brief mit einem äußerst heftigen Manifest an das irische Volk beantwortete, in welchem er den liberalen Parteiführer der Arglist und Treulosigkeit anklagte, brach innerhalb der irischen Partei selbst eine Bewegung gegen ihn aus, die nach den erbittertsten Kämpfen dahin führte, daß die Partei 7. Dez. sich in zwei Flügel spaltete: die Mehrheit derselben, über 50 Abgeordnete, setzte Parnell ab und erwählte J. ^[Justin] Mac Carthy zum Führer, während die übrigen ihrem bisherigen Oberhaupt treu blieben. Die ganzen Vorgänge, die sich hierbei abspielten, schadeten der Homerulesache in den Augen der Engländer ungemein; die Skandalszenen bei den Beratungen der irischen Partei zeigten in erschreckender Weise, was man von einem eignen Parlament in Dublin zu erwarten habe.

Auf das wohlthätigste aber wurden hierdurch die Verhandlungen des britischen Parlaments beeinflußt. Indem die Iren mit ihren eignen Angelegenheiten beschäftigt waren und die Liberalen sich über den Ausgang des heftigen Kampfes, der nun auch in Irland in der Presse und in Versammlungen zwischen Parnelliten und Antiparnelliten entbrannte, im unklaren befanden, fehlte es im Unterhaus an der üblichen Obstruktion, und die Geschäfte wurden in schnellerm Tempo gefördert, als man seit langem gewöhnt war. Die Adreßdebatte, die sonst Wochen gedauert hatte, verlief in kürzester Zeit; ein Gesetzentwurf zur Erleichterung des durch die Mißernte hervorgerufenen Notstandes in Irland ging durch beide Häuser, und die in der letzten Session so scharf bekämpfte irische Landvorlage sowohl als die Zehntenbill passierten fast unbeanstandet die erste und zweite Lesung, so daß das Parlament schon Anfang Dezember in die Weihnachtsferien gehen und sich bis 22. Jan. 1891 vertagen konnte.

Während der Ferien fand in North-Kilkenny die erste irische Wahl seit der Spaltung der Homerulepartei statt, und dank der eifrigen Unterstützung der Geistlichkeit siegte der von den Gegnern Parnells aufgestellte Kandidat Sir John Pope Hennessy mit großer Mehrheit. Auch die Verhandlungen, welche Parnell sowohl als seine Gegner mit den inzwischen aus Amerika zurückgekehrten einflußreichen Abgeordneten Dillon und O'Brien behufs eines Ausgleichs innerhalb der Partei auf französischem Boden führten, brachten zunächst nicht das erwünschte Ergebnis;