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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Italien

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Italien (Flotte, Geschichte).

treten. Dafür sind 1,551,950 Gewehre und Karabiner Vetterli-Vitali fertig gestellt. Der Bestand soll jedoch noch von 1¼ auf 1½ Gewehr für den Kopf der Gewehrtragenden in der Armee erhöht werden, wozu 3½ Mill. Lire gefordert werden. Zufolge Gesetz vom 30. Dez. 1888 soll zum Zwecke der Landesverteidigung das Eisenbahnnetz, namentlich durch Anlage eines zweiten Geleises, vervollständigt werden. Am 1. Jan. 1889 waren in I. vorhanden: 2170 Lokomotiven, 6216 Personen- und 38,857 Güterwagen. Ständige Militär-Bahnhofskommandos sind vorhanden in Alessandria, Ancona, Bologna, Florenz, Genua, Mailand, Neapel, Piacenza, Pisa, Turin, Verona. In Messina besteht jetzt auch eine Militärvorbereitungsschule (Militärkolleg), in Caserta eine Unteroffizierschule. Militärknabenkonvikte (convitti nazionali), 1888 neu geregelt, bestehen zu Mailand, Siena, Macerata, Aquila, Salerno, seit 1. Okt. 1889 zu Tarent und 1890 in Rom. In Nettuno ist eine Zentralartillerieschießschule und in Rom eine Militärfechtschule für Armee und Flotte errichtet worden. Am 20. Juni 1889 wurde das afrikanische Sonderkorps neu geregelt. Es besteht aus 1 Regiment Jäger zu 4 Bataillonen à 4 Kompanien, 1 Bersaglieribataillon, 2 Gebirgsbatterien zu je 4 Geschützen, je 2 Festungsartillerie- und Sappeurkompanien, je 1 Kompanie Artilleriehandwerker, Spezialisten des Geniekorps (Luftschiffer-, Telegraphenabteilung etc.), Sanitäts-, Verpflegungstruppen und Train, zusammen 178 Offiziere, 4822 Mann, 112 Pferde. Die Irregulären dieses Korps bestehen aus 1 Infanterieregiment zu 4 Bataillonen à 4 Kompanien, 1 Kundschafterschwadron, 1 Gebirgsbatterie, 2 Buluk zaptié, 1 innern Horde zu 2 oder mehr Kompanien, zusammen 116 Offiziere (von diesen 42 Eingeborne) und 3846 Mann. Bei jedem der Küstendepartements Spezia, Neapel und Venedig ist ein Kommando der lokalen Seeverteidigung errichtet, welche in eine feste und eine bewegliche sich gliedert. Zur erstern gehören die Seeminen und sonstigen Sperren sowie die ihrem Schutze dienenden Küstenbatterien, feste und schwimmende Torpedobatterien, Stationen für elektrische Beleuchtung und Telegraphie, photoelektrische Alarmapparate und Semaphoren. Die bewegliche Verteidigung wird von Torpedobooten ausgeübt. Zu diesem Zwecke ist die italienische Küste in 14 Torpedohaupt- und 19 Nebenstationen eingeteilt, die erstern sind für 9, letztere für 3 Torpedoboote eingerichtet und mit den entsprechenden Magazinen und Werkstätten, elektrischen und optischen Telegraphen und akustischen Signalen ausgerüstet. Nach dem Budget für 1889/90 sind 64 Semaphorstationen an den Küsten bereits errichtet und sollten 29 weitere Stationen errichtet werden. Die Häfen von Tarent und Maddalena werden zu Kriegshafen eingerichtet, letzterer ist durch Taubenpost auch mit dem Festland verbunden. Von den großen Panzerschlachtschiffen erster Klasse befindet sich Re Umberto in der Ausrüstung, Sardegna und Sicilia sollen 1890 vom Stapel gehen, 1 Schiff erster Klasse soll begonnen werden, 5 Panzerschlachtschiffe zweiter Klasse befinden sich im Bau, 3 sind auf Stapel gelegt, 7 Torpedokreuzer und mehrere Transportschiffe sind im Bau.

Geschichte.

Die auswärtige Politik der italienischen Regierung bewegte sich auch im J. 1890 auf den durch den Dreibund gewiesenen Bahnen. Eine gewisse Annäherung an Frankreich wäre zwar nicht nur der radikalen Opposition, sondern in anbetracht der durch die französische Zollgesetzgebung erheblich geschädigten wirtschaftlichen Lage des Königreichs auch den Anhängern des Ministeriums, vielleicht auch Crispi selbst willkommen gewesen, aber es gelang nicht, sie herbeizuführen. Zwar betonte der Ministerpräsident bei verschiedenen Gelegenheiten, so bei einer Interpellation im Senat 26. März und bei der Beratung des auswärtigen Budgets in der Deputiertenkammer 13. Mai, noch entschiedener im Herbste bei einer Unterredung mit einem französischen Journalisten, Saint-Cère, dem Berichterstatter des »Figaro«, daß er die Bündnisse mit Deutschland und Österreich bereits vorgefunden und nicht mit abgeschlossen habe, daß auch über ihre Verlängerung noch nichts entschieden sei; zwar schickte er im April, als der Präsident Carnot sich in Toulon aufhielt, ein italienisches Geschwader zu seiner Begrüßung dorthin: allein in Frankreich verhielten sich Regierung und öffentliche Meinung diesen Äußerungen gegenüber sehr kühl und reserviert. Über die Frage, ob jene Höflichkeit bei Gelegenheit einer Reise König Humberts nach Spezia im September d. J. von französischer Seite entsprechend erwidert werden sollte, entspann sich in der Pariser Presse eine so lebhafte und taktlose Erörterung, daß der König, auch als die französische Regierung sich zuletzt für Absendung einer Flotte entschieden hatte, die beabsichtigte Reise ganz aufgab; und jenen Eröffnungen Crispis an den französischen Korrespondenten setzte dieselbe Presse einmütig die Forderung entgegen, daß der Ministerpräsident erst durch die That seine Freundschaft für Frankreich beweisen müsse, ehe er auf ein Entgegenkommen seitens des letztern rechnen könne.

Viel entschiedener noch als in frühern Jahren ging aber das Ministerium gegen die Österreich feindlichen Bestrebungen der italienischen Irredentisten vor. Auf das nachdrücklichste erklärte Crispi 26. Febr. bei einer Interpellation des Abgeordneten Imbriani, des Führers jener Partei, daß die Regierung jede Störung ihrer Beziehungen zum Ausland durch die Freunde des Interpellanten verhindern werde; und den Worten ließ er die That folgen, indem er im August in seiner Eigenschaft als Minister des Innern die sämtlichen Barsanti- und Oberdank-Vereine in I., von welchen die irredentistische Agitation hauptsächlich unterhalten wurde, auflöste und polizeilich schließen ließ. Ja der Ministerpräsident ging sogar so weit, dieser Politik ein Mitglied seiner eignen Regierung zum Opfer zu bringen: 19. Sept. mußte der Finanzminister Seismit-Doda seine Entlassung nehmen, hauptsächlich deshalb, weil er bei einem Festmahl, dem er beigewohnt hatte, einige Reden, die in höchst taktloser Weise Österreich angriffen und den Wünschen auf Einverleibung von Triest und Südtirol Ausdruck gaben, angehört hatte, ohne dagegen Einspruch zu erheben; das Finanzministerium wurde provisorisch dem Schatzmeister Giolitti neben seinem bisherigen Portefeuille übertragen. Unverändert blieb auch die italienische Kolonialpolitik, welche von der Deputiertenkammer durch einen Beschluß vom 6. März ihrer Richtung wie ihrer Führung nach rückhaltlos gebilligt wurde. Die Organisation der Colonia Eritrea, wie das italienische Afrika seit den Dekreten vom Januar 1890 heißt, machte weitere Fortschritte; im Juni wurde der General Gandolfi zum Zivil- und Militärgouverneur derselben ernannt. Im Innern von Abessinien gestalteten sich die Verhältnisse mehr und mehr zu gunsten des Kaisers Menelik, des Verbündeten Italiens, der am 26. Jan. seinen Hauptgegner, Ras Alula, ent-^[folgende Seite]