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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Italienische Litteratur

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Italienische Litteratur (Lyrik, Drama, Litteraturgeschichte).

eine junge Ehe ohne Liebe. Cordelia (Fräulein Treves) hat weder mit »Forza irresistibile« noch mit dem Kriminalroman »Il mio delitto« zur Vermehrung des mit ihren frühern Arbeiten erworbenen Ruhmes beigetragen. Dagegen hat die junge Realistin Emma Perodi, welche in »Spostati« (1887) mit Schilderung abstoßender, mitunter schmutziger Szenen aus dem Eheleben begann, in dem Roman »Suor Ludovica« (1890) gezeigt, daß sie auch edle, reine Gestalten lebensvoll darzustellen weiß. Wie die Perodi eine barmherzige Schwester in der Ausübung ihres schweren Berufes, so schildert G. Visconti-Venosta in seinem »Curato d'Orobio« mit frischem, gesundem Humor einen braven patriotischen Priester aus der guten alten Zeit, während Don Bernardino Negroni in seinem »Novello Giobbe« einen Sittenroman mit katholischer Tendenz lieferte.

Im historischen Roman versuchte sich Licurgo Cappelletti (»Il Marchese di Felino«, 1885) mit geringem Erfolg. Den glänzendsten und wohlverdientesten Erfolg auf dem Gebiet der erzählenden Litteratur errang der allgemein beliebte Edmondo De Amicis mit seinem »Cuore«, einem Buche für Kinder, das auch Erwachsene mit großem Genuß lesen, und das sich in Bezug auf Erfolg (in 5 Jahren 100 Auflagen und 15 Übersetzungen) und pädagogische Bedeutung mit der berühmtesten Jugendschrift, dem »Robinson«, messen kann. Gewissermaßen eine Fortsetzung von »Cuore«, aber ihm weit nachstehend ist desselben Autors »Il romanzo di un maestro«, und vielleicht noch eine Stufe tiefer steht »Sull' Oceano«, wo der Verfasser seine Feder mitunter zu tief in Schmutz taucht. Rührende Schilderungen enthalten seine »Alle porte d'Italia« betitelten Skizzen, von denen 1888 eine zweite vermehrte Auflage erschien. Eine Nachahmung von Amicis »Cuore«, aber dasselbe bei weitem nicht erreichend, ist P. Mantegazzas das Lehrhafte zu sehr hervorkehrende »Testa«. Von den vielen andern Werken dieses unermüdlichen, nicht immer gründlichen, aber stets seine Leser fesselnden Vielschreibers seien hier nur »Le estasi umane«, das man ein Gedicht in Prosa genannt hat, »Il secolo tartufo«, die »Fisiologia dell' amore« und »Fisiologia dell' odio« genannt.

Wie man viele Schriften Mantegazzas naturwissenschaftliche Belletristik genannt hat, so könnte man E. Panzacchis (s. d.) Erzählungen (»I miei racconti«, 1889) musikalische Novellistik nennen, weshalb sie besonders bei Musikfreunden großen Beifall finden. Seine »Neuen Gedichte« (»Nuove liriche«, 1888), die uns Gelegenheit geben, hier zur Lyrik überzugehen, enthalten manche sehr schöne Naturschilderungen und erinnern hin und wieder an Heine. Wie Panzacchi, dichtete auch der gedankenvolle Alessandro Arnoboldi im Laufe von 16 Jahren seine 1888 erschienenen »Nuovi versi« nur für eine kleine, auserwählte Gemeinde. Von den andern Lyrikern des modernen Italien trat nur Carducci mit bedeutenden neuen Dichtungen (»Nuove rime«, 1887; »Terze odi barbare«, 1889) hervor. Eine Ausgabe seiner sämtlichen Werke begann 1889 in Bologna zu erscheinen. Von Andrea Maffei erschienen in seinem Todesjahr (1885) als Schwanengesang die »Affetti«. A. Fogazzaro zeigte sich in »Valdelsa, e poesia dispersa« (1886) als ein edler Dichter und Denker. Der auch durch gelungene Übersetzung Goethescher Lieder bekannte Domenico Gnoli läßt manche deutsche und englische Einflüsse in seinen heiter-ernsten Gedichten »Nuove odi tiberine« wahrnehmen. Grazia Mancini drückte in »Voci dell' anima« (1888) Tiefgefühltes in schöner Form aus, und der greise Marco Antonio Canini gab vier Bände Übersetzungen von Liebesliedern aus mehr als 100 Sprachen in seinem »Libro d'amore« (1886-89). Schönen Inhalt in eigentümlicher Form bieten L. Capuanas »Semiritmi« (1888). Ein kleines Bändchen Gedichte des 1881 gestorbenen Tragikers Pietro Cossa erschien 1886. Von den jüngern sich über das Durchschnittsmaß erhebenden lyrischen Dichtern ist als der bedeutendste Gabriele D'Annunzio mit seinen formvollendeten, an gelungenen Naturschilderungen reichen Dichtungen: »L'Isotteo« und »La Chimera« (1889) in erster Reihe zu nennen; dann Arthur Graf mit seiner pessimistischen »Medusa« (1880), von der 1890 schon die dritte Auflage erschien, Marco Lessona mit seinen »Poesie«, die Dichterinnen Giorgina Naldi (»Profili«, 1888; »Accordi della mia lira«, 1889), Marchesa Maria Ricci Paterno-Castello (»Nuove poesie«, 1885) und die unter dem Einfluß von Heine und Stecchetti, aber mit vielem originellen Talent dichtende, von Carducci rühmend eingeführte Halbdeutsche Annie Vivanti (»Liriche«, 1890).

Sehr geringen Ertrag lieferte das Feld der dramatischen Dichtung. Von Giuseppe Giacosa wurde 1887 das Schauspiel »Tristi amori« aufgeführt, das für sein reifstes Werk gilt. Außerdem erschienen noch von ihm: »La Sirena«, »Zampa del gatto« u. a. Cavallotti lieferte außer einigen Einaktern das Drama »Lea«, Em. Praga eine mit Beifall aufgeführte Komödie »Vergini«. Auch dramatisierte dieser den Roman »Mater dolorosa« Rovettas, welcher wieder mit seinem Schauspiel »Trilogia di Dorina« verdienten Beifall fand. L. Capuana dramatisierte seinen Roman »Giacinta«. Paolo Fambris Drama »Pietro Aretino« machte trotz einzelner sehr schöner Szenen keinen befriedigenden Eindruck; Cognetti brachte in seinem Drama »Abasso porto« nicht ohne Geschick die neapolitanische Camorra auf die Bühne; Paul Ferrari hatte noch kurz vor seinem Tode mit seinem »Fulvio Testi« einen großen Erfolg. Anerkennenswertes leisteten der Schauspieler Libero Pilotto mit seinem Drama »Padri e figli« und Suner mit »Un barbaro dell' eleganza«. Ein sonderbares Stück ist des letztern Drama »Judas«. Anmutige Saloneinakter sind Castelnuovos »Conte Verde« und »Pesce d'aprile« und Camillo Antona-Traversis »Punto e da capo« und »Matrimonio di Alberto«. Letzterer schrieb auch ein Drama: »Il sacrificio di Giorgio«. Im übrigen nährte sich die italienische Bühne von Übersetzungen aus dem Französischen und Deutschen, von Renans »Abbéesse de Jouarre« bis zu Mosers »Krieg im Frieden«. Ein bedeutendes, einige großartige Auftritte, aber auch viel Schwächliches enthaltendes und zur Aufführung kaum geeignetes Werk ist P. Zambonis dramatisches Gedicht »Sotto i Flavii« in neun Abteilungen. Interessant und für die Geschichte des modernen Theaters wichtig sind die Memoiren E. Rossis (»Quarant' anni di vita artistica«) und Adelaide Ristoris.

Litteratur- und Kunstgeschichte.

Auf dem Gebiet der Litteraturgeschichte ist das langsame Fortschreiten von Ad. Bartolis »Storia della letteratura italiana« zu verzeichnen, deren siebenter, 1890 erschienener Band sich noch mit Dante beschäftigt. Sehr geringen Wert haben Francesco Guardiones »Storia della letteratura italiana dal 1750 al 1850« und »La letteratura contemporanea in Italia« (1888 und 1890). Dagegen ist