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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Kriminalstatistik; Kristinus; Krokodilorden; Kroman

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Kriminalstatistik - Kroman.

fanden sich im Deutschen Reiche von 100 Personen jeder Altersklasse Verurteilte im Alter von 12-15 Jahren 8,7, 15-18 Jahren 8,3 und 18-21 Jahren 7,5. Dabei beteiligen sich die Jugendlichen an mehreren ethisch schwer wiegenden Delikten relativ stärker als die Erwachsenen (1886):

Erwachsene Jugendliche

Vermögensdelikte 100 89

Delikte gegen Personen 100 25

Unzucht mit Gewalt 100 118

Einfacher Diebstahl 100 132

Schwerer Diebstahl 100 212

Brandstiftung 100 173

Überhaupt ist die K. der jugendlichen Klassen in zunehmendem Maße auf Vermögensdelikte gerichtet; so waren z. B. von sämtlichen Verurteilten unter 18 Jahre alt bei Delikten gegen das Vermögen:

^[Liste]

1882: 14,7

1883: 14,7

1884: 15,0

1885: 15,0

1886: 15,3

1887: 16,3.

Und doch stehen den Jugendlichen dieser Altersklassen wenigstens teilweise noch die Hilfsmittel der Familie zu Gebote! Arbeitsscheu und mangelndes Rechtsgefühl dürften in weitem Maße verbreitet sein. Überhaupt ist die K. der Jugend in den mitteldeutschen Industriebezirken, dann in den Großstädten am größten. Dadurch tritt die Verwahrlosung der industriellen und großstädtischen Jugend als Folge der Auflösung der Familienbande bei der industriellen Arbeiterschaft deutlich hervor.

Halten wir alle diese Symptome der K. zusammen und beachten wir, daß dieselben in den meisten Kulturstaaten, in Deutschland, Österreich, Frankreich, England, zum Teil in Italien, in vielfach übereinstimmender Weise hervortreten, so gelangen wir zu dem Resultat, daß sich das 19. Jahrh. als eine Zeit zunehmender K. darstellt und letztere in ihrem Gange von der Ausbreitung der neuzeitlichen Kultur vollkommen abhängig ist, als deren für uns hier wichtigste Faktoren sich die Ausbreitung der allgemeinen Bildung, die Verleihung politischer Freiheiten, die Atomisierung der Bevölkerung und die Proletarisierung des industriellen Arbeiterstandes darstellen dürften. Die zunehmende Beweglichkeit, die Vermischung der verschiedenen Bevölkerungsschichten hat das frühere, den einfachern Verhältnissen entsprechende Vorwalten der Gewinnsuchtsdelikte beseitigt und andre Delikte mehr hervortreten lassen, wozu auch die mit zunehmender Dichte erhöhte Berührung und Reibung der Individuen beiträgt; besonders hierdurch ist die Richtung der K. zu gunsten der Personendelikte verändert worden. Die allgemeine Zunahme der Bildung hat die schwereren Delikte verhältnismäßig vermindert, ohne aber diese günstige Einwirkung auch auf die leichtern Strafsachen ausüben zu können. Die zunehmende Atomisierung und Individualisierung der Bevölkerung hat die Gemeinsamkeitsdelikte vermindert, aber auch die Deliktsmöglichkeit und das Verbleiben im Verbrechen erhöht, da das haltlos, mehr auf sich selbst angewiesene Individuum leichter dem Verbrechen in die Arme gerät und schwerer von demselben loskommt; daher die Zunahme der Rückfälligkeit, aber auch die Zunahme der K. der jugendlichen, schon frühzeitig zur Selbständigkeit genötigten Klassen. Die Erteilung der politischen Freiheiten hat das Selbstgefühl gesteigert und die Delikte gegen die öffentliche Ordnung, Religion, gegen Personen überhaupt häufiger gemacht. Wo die politische Freiheit jüngern Datums ist, wie in Italien, sind Delikte gegen Staat und öffentliche Ordnung häufig, wo sich dagegen die Freiheiten mehr eingelebt haben, sind die Delikte selten, wie im Deutschen Reiche. Für die Zukunft wird also dieser Faktor der politischen Freiheiten die ungünstige Einwirkung, die er anfangs ausüben mußte, verlieren. Die Proletarisierung des Arbeiterstandes mit dessen Aussichtslosigkeit in ökonomischer Beziehung in Verbindung mit seinem ausgeprägten politischen und Individualgefühl ist ein Haupthebel der zunehmenden K. in diesem Jahrhundert gewesen, und überdies fanden die Leidenschaften der Sinnlichkeit, Gefühlsroheit und Selbstüberhebung eine mächtige Förderung durch den Alkoholismus. Wenn auch nun die Ziffern der K. vielfach nur scheinbar eine zunehmende K. anzeigen, indem durch die Gesetzesänderungen und erhöhte Repression auch eine Zunahme der ersichtlichen Delikte hervorgerufen worden ist, so ist doch der Einfluß dieses Umstandes, wie schon oben bemerkt, kein alterierender, sondern höchstens ein abschwächender. Aus allen diesen Anhaltepunkten können wir aber auch für die Zukunft den Schluß ziehen, daß mit zunehmender Konsolidierung der Arbeiterverhältnisse auf Grundlage der modernen Sozialpolitik, durch verbesserte Armenpflege, dann durch das Einleben der politischen Freiheiten, durch Ausgestaltung der Bildung nach dem erzieherischen Moment, durch Eindämmung des Alkoholismus und nicht zum mindesten durch eine Reform des Strafrechts und Strafvollzugs eine rückläufige Bewegung in die Verbrechensziffer hineingetragen werden und die K. weiter zur Abnahme gelangen wird. Man vermutet, daß diese Tendenz schon jetzt hervortrete, was aber nicht richtig sein dürfte. Wenn sich jetzt hier und da eine Besserung zeigt, so dürfte diese nur geringe Schwankungen in dem großen Gange der Kriminalitätsziffer dieses Jahrhunderts andeuten, welche für deren Gesamttypus von keiner wesentlichen Bedeutung sind, denn es ist selbstverständlich, daß der Verlauf der Kriminalitätskurve in diesem Jahrhundert durchaus nicht ein durchwegs ansteigender gewesen ist, sondern vielfach von Abnahmen unterbrochen wurde, und daß überdies ihre jährlichen Schwankungen die verschiedenartigste Gestalt zeigen.

Litteratur: E. Mischler in Holtzendorff-Jagemanns »Handbuch des Gefängniswesens« (Bd. 2, Hamb. 1888); Derselbe, Zur K. des Deutschen Reiches (in Brauns »Archiv für soziale Gesetzgebung«, 1889); A. v. Öttingen, Moralstatistik (3. Aufl., Erlang. 1882); Starke, Verbrechen und Verbrecher in Preußen 1854-78 (Berl. 1884); »Compte général de l'administration de la justice criminelle en France« für 1880; die amtliche »Statistik des Deutschen Reiches: Kriminalstatistik«; für Italien: »Statistica giudiziaria penale« (Rom).

Kriminalstatistik, s. Justizstatistik.

Kristinus, Karl Raimund, Männergesangskomponist, geb. 22. März 1843 zu Wagstadt in Österreichisch-Schlesien, wirkte als Stadtkapellmeister in Bludenz und lebt seit 1870 als Lehrer in Wien. Von seinen Männerchören haben sich mehrere (»Die Mönche von Johannisberg«, »Es schlürfet was«, »Walzeridylle«) einen großen Sängerkreis erobert.

Krokodilorden, s. Zuluorden.

Kroman, Christian Friedrich Wilhelm, dän. Gelehrter, geb. 1846 als Sohn eines Schiffers aus Lolland, widmete sich erst mit 23 Jahren, nachdem er sich im Beruf seines Vaters, später als Handlungslehrling versucht hatte, darauf im Lehrerseminar zu Jonstrup vorgebildet, dann als Hauslehrer thätig gewesen war, dem Studium der Naturwissenschaften und Mathematik. Der Kampf zwischen Glauben und