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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Kunstausstellungen d. J. 1890 in Deutschland

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Kunstausstellungen d. J. 1890 in Deutschland (München).

Triptychon, das in drei Darstellungen (Schwarzkunst, Hexenprobe, Scholastik) den finstern Geist des Mittelalters in Wissenschaft, Rechtspflege und Philosophie brandmarkt, für Holland die Malerin Therese Schwartz mit einem geistvoll charakterisierten Selbstbildnis und einer Andacht holländischer, einen Psalm singender Waisenmädchen, die sich in der ernsten koloristischen Haltung und der gediegenen Zeichnung an die Großmeister der holländischen Malerei, Rembrandt, de Keyser, van der Helst u. a., anschließen, und Chr. Bisschop, dessen von Sonnenlicht durchströmte Innenräume mit Figuren an Pieter de Hooch erinnern. Wenn man auf die Zahl sieht, scheint freilich in Belgien und Holland die naturalistische Richtung, die ihre Aufgabe darin sieht, die alltäglichsten Vorgänge und Erscheinungen des gegenwärtigen Lebens mit naturgroßen Figuren zu schildern und mit Vorliebe bei Szenen der Not, des Elends und des Lasters zu verweilen, die Oberhand zu haben. Die Belgier L. van Aken (im Altfrauenhaus), Albert Baertsoen (Fischer auf der Schelde landend), Henry Luyten (Arbeiter zur Vesperzeit im Wirtshaus) und Alexander Struys (Trost den Betrübten), und die Holländer Josef Israels (Muttersorgen) und Albert Neuhuys (ländliche Innenräume mit Frauen und Kindern bei der Arbeit) stehen an der Spitze der naturalistischen Richtung, wobei hervorzuheben ist, daß die Holländer wenigstens durch die Beleuchtung einen gewissen poetischen Reiz zu erzielen wissen. Höher als die Malerei steht die Plastik in Belgien, die neuerdings wieder einen neuen Aufschwung genommen hat, an dem die Monumentalplastik ganz besonders beteiligt ist. Der heil. Michael als Besieger Luzifers von Vanderstappen (als Bronzeguß im Ehrenhof des Brüsseler Rathauses aufgestellt) und das zur Erinnerung an die Sporenschlacht auf dem großen Platze zu Brügge errichtete Doppeldenkmal der vlämischen Volkshelden Breidel und de Koninck von Paul Devigne verbinden einen stolzen, heroischen Schwung mit einem feinen Naturstudium, während die Giebelgruppe des Waisenhauses der drei Alicen zu Ucclé von Julien Dillens (die Vorsteherinnen nehmen die Waisen aus) wenigstens als eigenartiger Versuch, realistische Figuren in moderner Tracht in den architektonischen Rahmen einzufügen, von Interesse ist. Das höchste Maß der Vollendung in der Durchbildung des nackten jugendlichen Körpers haben Vanderstappen in einem David und J. ^[Joseph Marie Thomas, genannt Jeff] Lambeaux in der Bronzegruppe: der Kuß (ein nacktes Liebespaar) erreicht.

Auch bei der französischen Abteilung, bei deren Zusammenstellung im übrigen mehr der Zufall gewaltet hatte, da die Franzosen sich gegen die Münchener Ausstellung gleichgültig zu verhalten beginnen, überwog die naturalistische Richtung. Die exzentrischen koloristischen Phantasien von P. A. Besnard (s. d.), die in allen Farben des Spektrums schillernde nackte Frau, die sich an einem Feuer wärmt, und das halbnackte, in einem Blumengarten umherirrende Mädchen (Vision einer Frau) sowie die hart an die Karikaturen der »Vie parisienne« und des »Journal amusant« streifenden Bildnisse und Bildnisgruppen von Jean Boldini galten, nach dem Urteil der Jury wenigstens, für den Höhepunkt der französischen Ausstellung, da sie mit einer ersten, bez. zweiten Medaille ausgezeichnet wurden. Noch entschiedener zum Naturalismus bekennt sich A. Ph. Roll (s. d.), der mit vier Genrebildern und einem großen dekorativen Gemälde: Bei der Arbeit, vertreten war, das einen Werkplatz mit Steinmetzen und Bauhandwerkern in Suresnes an der Seine darstellt, Was Carolus Duran, Bonnat und H. Gervex an Bildnissen und Einzelfiguren eingeschickt hatten, trug nicht dazu bei, den Glanz dieser Namen zu erhöhen. Die erfreulichsten und zugleich gesündesten Gemälde der französischen Abteilung waren: die Heuernte von Julien Dupré, der Abguß nach der Natur (Szene in einem Bildhaueratelier) von E. Dantan, die Segnung des Meeres und der Schiffbrüchigen von Georg Haquette und In Arkadien (nackte Mädchen in einem von Sonnenlicht durchdrungenen Walde) von dem in Paris lebenden Amerikaner Alexander Harrison. Noch schwächer und unzulänglicher als die Malerei war die französische Plastik vertreten. Das Auffälligste waren zwei Gruppen von E. Fremiet: der Ringkampf eines Menschen aus der Steinzeit mit einem Bären, und Dachshunde, die auf Katzen Jagd machen, welche auf einen Baum geflüchtet sind, und mehrere Porträtstatuen und Büsten von Ringel d'Illzach, der in der polychromen Behandlung von Gips, Wachs, Bronze und Thon die stärksten koloristischen Wirkungen zu erzielen sucht, ohne dabei von einem feinen Geschmack geleitet zu werden.

Die englische Abteilung war insofern von Wichtigkeit, als sie dazu beigetragen hat, die hohe Wertschätzung, welche die englische Malerei infolge einiger mit großem Geschick in Szene gesetzter Eliteausstellungen auf dem Kontinent erworben hat, auf das richtige Maß zurückzuführen. Der Schwerpunkt der englischen Malerei liegt im Bildnis und, im Zusammenhang damit, in der genrehaften Darstellung von Einzelfiguren oder in der Verbindung mehrerer Figuren zu einer ruhigen Existenz ohne leidenschaftliche Erregung oder dramatische Handlung. Zunächst kommt die Landschaft, in deren Auffassung und Wiedergabe ebenfalls eigenartige nationale Züge zur Erscheinung kommen, während die Geschichtsmalerei und die Malerei großen Stiles sich als künstliche, zum Teil auf italienischem Boden gewachsene Zierpflanzen darstellen. Die besten Bildnisse hatte W. Ouleß eingesandt, der zwar als Kolorist stark unter dem Einfluß von Tizian, Rubens und van Dyck arbeitet, aber in der Kraft und Tiefe der Charakteristik doch den Beweis einer selbständigen künstlerischen Natur gibt. Hinter ihm zurück blieb Hubert Herkomer, dessen Bildnis der Lady Eden sich weder in der Feinheit der Charakteristik noch in dem Geschmack der koloristischen Behandlung mit den berühmten der Miß Grant und der Dame in Schwarz messen konnte, während die Herrenbildnisse in der robusten, auf derbe Wirkungen ausgehenden Mache eine starke Hinneigung zum Naturalismus erkennen ließen. Auf der Höhe seines Könnens stand Herkomer dagegen in dem Genrebild: unser Dorf (Hauptplatz des Dorfes mit heimkehrenden Feldarbeitern). Von hervorragenden Schöpfungen hatte die englische Abteilung außerdem eine idyllische Landschaft unter dem Titel: die Liebe besiegt alles (ein Prinz wirbt um die Liebe eines Hirtenmädchens) von G. H. Boughton, badende Mädchen am Strande von W. H. Bartlett, zwei Landschaften von J. ^[John] Clayton Adams, Marinen von Henry Moore und William Wyllie und die Rettung der Schiffbrüchigen von John Robertson Reid aufzuweisen.

Als eine völlig neue Erscheinung, die sich bisher den Blicken der übrigen Welt entzogen hatte, traten zum ersten Male die schottischen Maler oder eigentlich nur die Maler von Glasgow in eine größere Öffentlichkeit. Dieses Auftreten einer neuen Malerschule, deren Erzeugnisse ebenso warme Bewunderer