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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Kurzsichtigkeit

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Kurzsichtigkeit (Statistisches, Ursachen, Verhütung).

K. wächst mit der Arbeitsleistung der Unterrichtsanstalten und in den einzelnen Schulen von Klasse zu Klasse. Für Gymnasien ergaben sich nach Cohn folgende Zahlen: Sexta 22, Quinta 27, Quarta 36, Tertia 46, Sekunda 55, Prima 58 Proz. Schmidt-Rimpler berechnete für das 1.-5. Schuljahr 15,5, für das 6.-10. 31,9, für das 11. Schuljahr und später 51,3 Proz. Auch der Grad der K. wächst mit der Dauer des Schulbesuchs. So fand Schmidt-Rimpler im

^[Liste]

1.-5. Schuljahr 3,5 Proz. mittlere, 0,2 Proz. höhere K.

6.-10. Schuljahr 11,0 Proz. mittlere, 2,2 Proz. höhere K.

11. Schuljahr u. später 21,9 Proz. mittlere, 5,9 Proz. höhere K.

Bei Prüfung der wehrpflichtigen Mannschaft Kopenhagens fand Tscherning, daß die K. mit den Ansprüchen wächst, welche Vorbildung und Beruf an die Augen gestellt haben. Seggel fand unter 1810 bayrischen Soldaten bei Einjährigen, Kaufleuten, Schreibern, Schriftsetzern 56,7, bei Handwerkern etc. 8,7, bei städtischen Arbeitern 4,0, bei Dorfarbeitern 2,4 Proz. Diese Zahlen zeigen zugleich, daß die von Arbeit unabhängigen Formen der K. selten sind; offenbar hat man sie in den 2-3 Proz. der bei Ackerbauern gefundenen K. zu suchen. Sie erweisen zugleich die Irrigkeit der Annahme, daß in den untern und mittlern Klassen vorwiegend die Normalsehenden die Schule verlassen, während die Kurzsichtigen beim Studium bleiben. Man hat auch behauptet, die K. sei eine zweckmäßige Anpassung des Auges an die Nahearbeit, welche den Vorteil biete, in vorgerückten Jahren ohne Konvexgläser arbeiten zu können; gefährliche Folgekrankheiten seien nur den höchsten Graden der K. eigen, und eben diese stärkste K. entstehe nie durch Augenarbeit, sondern sei von Anfang an entzündlicher Natur und gleich häufig bei Bauern und Gelehrten. Nun stören aber schon verhältnismäßig niedere Grade von K. durch die Abhängigkeit vom Augenglas, und die mittlern Grade bilden nicht selten ein Hindernis in der freien Berufswahl; dann aber hat die Statistik gezeigt, daß die Häufigkeit schwerer Folgekrankheiten zwar ohne Zweifel mit dem Grade der K. wächst, daß dieselben aber schon im Bereich der mittlern Grade (von 6,0 Dioptrie an) zahlreicher werden, und ferner, daß diese Folgekrankheiten zwar schon in früher Jugend ausnahmsweise eintreten können, eine größere Häufigkeit aber erst jenseit des 20. Jahres erreichen. Mit diesen Folgekrankheiten sind die Nachteile der K. nicht erschöpft. Es ist nachgewiesen, daß die durchschnittliche Sehschärfe trotz Brillenkorrektion sich mit dem Grade der K. stetig mindert, und daß diese Schwachsichtigkeit zwar erst bei den hohen Graden unter die Hälfte der Norm sinkt, aber schon bei ganz schwacher K. nachweisbar ist.

Der Umstand, daß von den Schülern derselben Klasse bei annähernd gleicher Arbeitsleistung nur ein Teil kurzsichtig wird, deutet darauf hin, daß außer der Nahearbeit noch eine entferntere Ursache der K. vorhanden ist. Allgemeine Körperschwäche, insbesondere Rekonvaleszenz nach schweren Krankheiten sind in erster Linie zu nennen. Augenentzündungen, besonders wenn dabei gelesen und geschrieben wird, Hornhautflecke, welche die Sehschärfe herabsetzen, Astigmatismus, manche Formen von partiellem Katarakt können die Entstehung der K. begünstigen. Auch geringe Dicke und Widerstandsfähigkeit der Umhüllungshaut des Auges und Kürze des Sehnervs sind als disponierend bezeichnet worden. In Bezug auf die Erblichkeit kann man unterscheiden die Vererbung einer gewissen körperlichen Eigenart, auf Grund deren sich bei Hinzutritt von Augenarbeit K. entwickeln kann, auch wenn keiner der Vorfahren kurzsichtig war, und ferner die Vererbung einer durch Nahearbeit erworbenen K. Das erstere Verhältnis erweist sich nur als eine Umschreibung dafür, daß wir das Wesen der Disposition nicht kennen, und die Annahme, sie möge erblich sein, sinkt daher zur bloßen Vermutung herab. Das zweite Verhältnis betrifft die vielumstrittene Frage der Vererbung erworbener Eigenschaften. Pflüger stellte 155 Familien mit Elternkurzsichtigkeit 185 Familien ohne solche gegenüber. Bei den 623 Kindern der erstern fand er unter den Kindern der obern Volksschulklassen 19 Proz., unter den Gymnasiasten und Realschülern 26 Proz. Kurzsichtige. Bei den 729 Kindern ohne Elternkurzsichtigkeit fand er entsprechend nur 8,4 und 17 Proz. Kurzsichtige. Kirchner ermittelte, daß K. von Vater oder Mutter bei 49,9 Proz. der kurzsichtigen Schüler vorkam, aber nur bei 34,4 Proz. der normal sehenden und nur bei 24,2 Proz. der übersichtigen Schüler. Ferner ermittelte Kirchner, daß in 356 Kurzsichtigkeitsehen mit 1156 Kindern die K. der letztern bei 31,6 Proz. vorkam; in 630 Familien ohne K. von Vater und Mutter waren von 2069 Kindern nur 14,6 Proz. kurzsichtig. Demnach wären etwa 16 Proz. der K. durch erbliche Anlage verschuldet. Man hat auch die Disposition zur K. in Rasseneigenschaften gesucht, doch ist auch für diese Frage die vorliegende Statistik noch viel zu klein. Stilling glaubte eine Beziehung des Breiten-Höhen-Index (100 Höhe/Breite) der Augenhöhlenöffnung zur K. gefunden zu haben. Bei Normal- und Übersichtigen war derselbe durchschnittlich 89,1, bei Kurzsichtigen nur 77,8, so daß in einer niedern und breiten Augenhöhle die Disposition zu K. gegeben wäre. Schmidt-Rimpler und Kirchner konnten indes diese Angaben nicht bestätigen. Letzterer untersuchte das Verhältnis der Farbe der Augen zur K. und fand bei Helläugigen 33,7, bei Dunkeläugigen 33,8 Proz. Kurzsichtige, ebenso ist die Haarfarbe ohne Einfluß, und von jüdischen Schülern waren 36,5, von christlichen 34 Proz. kurzsichtig. Es läßt sich gegenwärtig nur feststellen, daß Nahearbeit in der Zeit des Körperwachstums zur K. führt, daß die Häufigkeit und Höhe der K. im geraden Verhältnis steht zur Anstrengung des Auges, daß aber eine Anzahl von Individuen trotz Nahearbeit normal bleibt. Manches spricht dafür, daß die Immunität gegen K. nur eine graduelle und keine absolute sei. Gegenwärtig werden 50-60 Proz. der Gymnasiasten kurzsichtig, bei weiterer Steigerung der Ansprüche an das Auge würde dieser Prozentsatz wahrscheinlich noch überschritten werden.

Bei dem Zustandekommen der K. scheinen folgende Faktoren mitzuwirken: 1) Blutandrang zum Auge und zwar die physiologische Blutfüllung jedes arbeitenden Organs sowie Stauung bei Vorbeugung des Kopfes; 2) Wirkung des innern Augenmuskels (Anpassungsvermögen); 3) Wirkung der äußern Augenmuskeln: Konvergenz und Abwärtsblick; 4) Zugwirkung des bei Konvergenz gespannten Sehnervs. Die Verhütung der K. hat die Dauer der Arbeit und den Grad der Annäherung des Auges an die Arbeit zu berücksichtigen, und da Augenarbeit in der Kindheit meist in der Schule oder für dieselbe geleistet wird, so liegt die Prophylaxe der K. wesentlich der Schulhygiene ob. Die Abkürzung der Arbeitszeit, ohne das Maß der Geistesbildung herabzudrücken, ist eine pädagogische Aufgabe. Dabei kommen außer den Lehrplänen in Betracht: das Hinausschieben des Schulbeginns bis nach vollendetem 7. Lebensjahr; die Möglichkeit ausnahmsweisen halbjährigen Vor-^[folgende Seite]