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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Naturforscherversammlung

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Naturforscherversammlung (Bremen 1890).

chemischen Gegensatz der Elemente überall in das gehörige Licht stellte. Durch Ausdehnung des experimentellen Satzes über den Bereich der beobachteten Thatsachen hinaus ermöglichte er eine Systematik, wie sie einfacher und übersichtlicher kaum denkbar war. Sie wurde aber für die Theorie verhängnisvoll, als die Untersuchung solcher Stoffe in den Vordergrund trat, welche den elektrischen Strom nicht leiten und dem Gesetz des elektrochemischen Dualismus nicht unterworfen sind. Man ging nun zu weit, als man nach Erkenntnis der Schwäche der Berzeliusschen Theorie die Beziehungen zwischen Molekularchemie und Elektrizität ganz zu vernachlässigen begann. Ein Umschwung trat erst wieder ein, als die Liebig zu verdankende Durchführung der Substitutionstheorie die künstliche Schranke zwischen Sauerstoff und Haloidsalzen beseitigte. Faraday stellte das elektrolytische Grundgesetz auf, nach welchem alle Elektrizitätsbewegung in Elektrolyten durch Bewegung der elektrisch geladenen Teilmoleküle oder Ionen erfolgt und an chemisch äquivalenten Mengen der elektrolytischen Teilmoleküle gleiche Mengen Elektrizität haften. Eine unmittelbare Einwirkung auf die Entwickelung der Molekularchemie ergab sich aber erst, als Clausius zu der mit größter Zurückhaltung ausgesprochenen Anschauung gelangte, die wägbaren Träger der Elektrizität in den Elektrolyten könnten nicht unbeweglich verbunden sein, vielmehr müßten die Bestandteile der Elektrolyten, die Ionen, frei in der Lösung vorhanden sein, also freie Ionen von Kalium und Chlor in einer Lösung von Chlorkalium. Eine Schlußfolgerung war unvermeidlich: Bewegt sich die Elektrizität fret in den Elektrolyten und bewegt sie sich dort nur gleichzeitig mit den Ionen, so bewegen sich eben auch die Ionen frei in den Elektrolyten. Clausius nahm nur eine geringe Zahl solcher Ionen an, und erst durch Arrhenius gelangte man zu Aufschlüssen über die Menge der freien Ionen in den Elektrolyten. Ebenso wie nach dem Satze von Avogadro eine gleiche Anzahl beliebiger Gasmoleküle bei gleicher Temperatur und gleichem Volumen auch gleichen Druck ausübt, so beeinflussen auch beliebige Moleküle, zu gleicher Zahl in gleichen Mengen eines Lösungsmittels aufgelöst, dessen Eigenschaften, namentlich den Erstarrungspunkt und den Dampfdruck in gleicher Weise. Van t'Hoff hat in Gemeinschaft mit Le Blanc diesen Verhältnissen die thermodynamische Begründung gegeben. Er stieß dabei auf eine auffallende Ausnahme. Das Gesetz paßte nicht auf die wässerigen Lösungen der Salze, Säuren und Basen, insofern diese sich stets so verhielten, als wenn in ihnen viel mehr Moleküle vorhanden wären, als ihrer molekularen Zusammensetzung entspricht. Nun zeigte aber Arrhenius, daß die Abweichungen von den einfachen Gesetzen und die Fähigkeit, den galvanischen Strom elektrolytisch zu leiten, stets gleichzeitig vorhanden sind und somit auf denselben Grund zurückgeführt werden müssen. Dieser Grund ist die elektrische Dissociation. Verhält sich eine Lösung von Chlorkalium gegenüber einer solchen von Rohrzucker so, als wenn eine nahezu doppelt so große Anzahl von Molekülen, als ihr nach dem Molekulargewicht zukommt, darin vorhanden sei, so muß man annehmen, daß fast alle Moleküle des Chlorkaliums in die Ionen Chlor und Kalium zerfallen sind und die Gesamtzahl der Moleküle sich verdoppelt hat. Arrhenius zeigte ferner, daß die von Kohlrausch studierten Erscheinungen der elektrischen Leitungsfähigkeit die genauesten ziffermäßigen Beziehungen zu den Abweichungen der Salzlösungen aufweisen, so daß man die einen aus den andern berechnen kann. Er zeigte, daß elektrische Leitfähigkeit und chemische Reaktionsfähigkeit völlig parallel gehende Eigenschaften sind, indem eben beide von der Anzahl freier Ionen, die zur Fortführung der Elektrizität ebenso bereit sind wie zum Eingehen in chemische Reaktionen, abhängen. Was man als Stärke oder chemische Verwandtschaft einer Säure oder Base bezeichnet, läßt sich ganz scharf und in kürzester Frist durch die elektrische Leitungsfähigkeit messen. Das Dissociationsgesetz bestätigte sich bei weitern Untersuchungen in der allerumfassendsten Weise. Dabei blieb jedoch die Forschung nicht stehen. Die Erscheinungen der Diffusion, der elektrischen Ladungen der Flüssigkeiten, die Gesetze der Löslichkeit, die chemisch-analytischen Reaktionen, die Gesetze der chemischen Verwandtschaft, das Heßsche Gesetz der Thermoneutralität und andre Teile der Thermochemie, auch die elektrophysiologischen Erscheinungen sind alles Gebiete, welche durch diese Theorie Aufklärungen, zum Teil grundlegender Art, erfahren haben. Und zwar handelt es sich nicht um Allgemeinheiten, sondern um scharfe, zahlenmäßige Beziehungen, die der Prüfung überall zugänglich waren und sie mit Ehren bestanden haben. Manchen Chemikern sind die neuen Anschauungen noch befremdend. Sie übersehen, daß z. B. Kalium in freiem Zustand durchaus nicht dasselbe ist wie Kalium als freies Jon. Worin der Unterschied besteht, läßt sich vorderhand noch nicht klar ausdrücken; die wichtigste Seite desselben bildet jedenfalls der Umstand, daß die Kaliumionen mit großen Mengen positiver Elektrizität beladen sind, während das freie Kalium unelektrisch ist. Hier tauchen die Anfänge einer neuen Theorie der chemischen Verwandtschaft auf, nach welcher die chemischen Vorgänge nicht durch die sogen. Verwandtschaft zwischen den aufeinander wirkenden Substanzen bestimmt werden, sondern durch die elektrischen Verhältnisse ihrer Ionen. In einer Lösung von Kupfervitriol haben wir die Ionen Kupfer und Schwefelsäure, beide zum größten Teil unverbunden. Bringt man Zink in die Lösung, so scheidet sich Kupfer aus, es entsteht Zinkvitriol, und es bestehen nun die Ionen Zink und Schwefelsäure nebeneinander. Die Beziehungen der Schwefelsäure-Ionen zum Zink sind keine andern als die zum Kupfer, und so erklärt sich der Vorgang nicht aus der Verwandtschaft der Metalle zur Schwefelsäure, sondern daraus, daß das Zink den Kupferionen ihre elektrische Ladung entzieht. Dadurch gelangt es selbst als Jon in Lösung, während Kupfer im unelektrischen Zustand als gewöhnliches Metall ausgeschieden wird. Zum Schlusse sprach der Redner sein Bedauern aus, daß die Zahl der Arbeiter auf diesem Gebiet noch klein, die Zahl der brauchbaren Arbeitsstätten sehr beschränkt sei. Nur eine einzige Hochschule, Leipzig, habe ein besonderes Laboratorium und einen besondern Lehrstuhl für allgemeine Chemie. Es sei dringend zu wünschen, daß diesem ungenügenden Zustand recht bald ein Ende gemacht und so der elektrochemischen Forschung ein breiteres Strombett eröffnet werde. Unzweifelhaft gehen wir einer Ära der Elektrochemie entgegen, und demjenigen Volke werde die Vorherrschaft in der neuen Wissenschaft zufallen, welches zuerst die regelmäßige Arbeit in derselben in die Hand nimmt.

Den letzten Vortrag in der zweiten Sitzung hielt Rosenthal (Erlangen) über Lavoisier und seine Bedeutung für die Entwickelung unsrer Vorstellungen von den Lebensvorgängen. Als Lavoisier vor mehr als 100 Jahren seine Laufbahn begann, war die Phlogistontheorie allgemein anerkannt,