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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Naturforscherversammlung

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Naturforscherversammlung (Bremen 1890).

und auch er stand voll und ganz auf ihrem Boden. Die Stahlsche Lehre nahm an, daß in den brennbaren Stoffen eine Feuermaterie, das Phlogiston, enthalten sei, welches bei der Verbrennung eines Körpers entweicht. Erst zögernd, dann mit immer größerer Entschiedenheit begann Lavoisier an der Richtigkeit dieser Anschauung zu zweifeln, bis er sie schließlich einer vernichtenden Kritik unterzog. Eigne Arbeiten sowohl als die geschickte Benutzung der Arbeiten seiner Zeitgenossen führten ihn zu seinem abweichenden Standpunkt, den er durch konsequent durchgeführte Anwendung der Wage als den allein richtigen legitimierte. Gerade dadurch ist Lavoisier der Begründer der neuern Chemie geworden. Der von ihm gelieferte Nachweis, daß bei den chemischen Prozessen die Menge des vorhandenen Stoffes weder vermehrt noch vermindert wird, ist seitdem als ein allgemein gültiges Grundgesetz, als das Gesetz von der Unveränderlichkeit des vorhandenen Vorrats an Materie, erkannt worden. Dieses Gesetz gilt nicht nur für die Vorgänge in den unbelebten, sondern auch für alle Vorgänge in den lebenden Wesen und für alle Wechselwirkungen zwischen diesen und der Außenwelt. So selbstverständlich uns dies heute erscheint, so wurden doch noch um die Mitte dieses Jahrhunderts angebliche Thatsachen mitgeteilt, welche ihm widersprachen. Vauquelin z. B. glaubte gefunden zu haben, daß die Hühner mehr Kalk ausscheiden, als sie in der Nahrung aufnehmen. Auch die Physiologen haben in Lavoisier einen Pfadfinder zu sehen. Stahl betrachtete die Wärme des Tierkörpers als ein Erzeugnis der Seele oder des Lebensgeistes, von welchem man überhaupt alle rätselhaften Erscheinungen des Lebens ableitete. Diesem Animismus machte Lavoisier ein Ende durch die Ausdehnung seiner Verbrennungstheorie auf die Vorgänge der Atmung. Er sagte: Der Tierkörper setzt sich im wesentlichen aus Substanzen zusammen, welche aus den Elementen Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff zusammengesetzt sind. Diese Stoffe können aber noch eine größere Menge von Sauerstoff aufnehmen, als sie schon enthalten; sie verbinden sich deshalb mit dem durch die Atmung zugeführten Sauerstoff, wobei Kohlensäure, Wasser und gewisse stickstoffhaltige Körper entstehen, welche ausgeführt werden. Durch diese Verbrennung wird Wärme gebildet. Indem mit den Ausscheidungen stets ein Teil der Leibessubstanz fortgeht, verliert das Tier an Gewicht. Der Verlust wird gedeckt durch die Zufuhr von Nahrungsstoffen welche aus denselben Elementen zusammengesetzt sind, wie der Tierkörper selbst, so daß dieser bei passender Zufuhr längere Zeit fortbestehen kann. Der Lebensvorgang gleicht also in vielen Stücken dem Verbrennungsvorgang in einer Lampe, und in der That sind die Brennstoffe, mit welchen wir die letztere speisen, im wesentlichen von gleicher Zusammensetzung wie die Nahrungsmittel. Während die Herrschaft des Phlogistons unter der Bekämpfung Lavoisiers schnell erlag, blieb man zunächst bei der Meinung stehen, daß die Lebenserscheinungen von einer ganz besondern Art seien, die mit denen der unbelebten Natur zwar in Einzelheiten zusammentreffen könnten, die aber von einer besondern Kraft oder Ursache hervorgerufen werden. Wie die Alchimisten nach der quinta essentia gesucht hatten, so suchte man jetzt nach einer Formel, durch welche alle Rätsel gelöst, alle Geheimnisse erschlossen werden könnten. Die Lebenskraft, der Bildungstrieb Blumenbachs, die Irritabilität Hallers, die Formel Stahls, daß das Wesen des Lebens in der Fähigkeit des Widerstandes gegen die Fäulnis zu suchen sei, gehören hierher. Die Naturphilosophie und der Galvanismus förderten dies Suchen nach einem obersten Prinzip. Der mit Lavoisiers Lehre zusammenhängende Stoffwechsel blieb völlig unerörtert, und weder Lotze noch Johannes Müller, der das ganze physiologische Wissen seiner Zeit in mustergültiger Weise zusammenfaßte, gelang es, den richtigen Standpunkt in Bezug auf diese Grundfrage zu gewinnen. Erst dem Chemiker Liebig, der die von Lavoisier geschaffene Elementaranalyse wesentlich verbesserte, war es vorbehalten, die wissenschaftliche Untersuchung des Stoffwechsels neu anzuregen und die Grundlehren Lavoisiers in ihrer wichtigen Bedeutung den Physiologen wieder zum Bewußtsein zu bringen. Durch seine Beseitigung der Humustheorie gelangte man zu einer endgültigen Feststellung des Kreislaufes des Stoffes in der Natur, welche den Grundsatz der Erhaltung des Stoffes für das große Getriebe der Stoffwanderung auf der ganzen Erde feststellte und erwies. Dazu kam dann die Entdeckung des zweiten wichtigsten Satzes aller Naturerkenntnis, der Erhaltung der Kraft oder der Unveränderlichkeit des Energievorrates. Mit Hilfe dieser beiden Sätze gelangte man zu der Höhe, welche die Naturwissenschaft heute einnimmt, und auf welcher anzuerkennen ist, daß Lavoisier den Weg, der zu derselben führte, gebahnt und angelegt hat. Es kann nicht geleugnet werden, daß Lavoisier Vorgänger gehabt hat, daß Priestley vor ihm den Sauerstoff entdeckt und dessen Beziehungen zum Blute erkannt hat; es ist auch zuzugeben, daß Lavoisier nicht immer gerecht in der Anerkennung der Verdienste seiner Vorgänger gewesen ist, eins aber verdient jedenfalls festgehalten zu werden: erst aus seiner Hand ist die Lehre von der Atmung und von der Wärmebildung der Tiere in einer solchen Form hervorgegangen, daß alle seine Nachfolger zwar viele Einzelheiten hinzuzufügen, an den Grundlagen aber nichts zu ändern vermochten. Lavoisier war entschieden ein wissenschaftlicher Geist ersten Ranges. Hatte er eine wissenschaftliche Frage in Angriff genommen, so verfolgte er sie mit allen ihm zu Gebote stehenden Hilfsmitteln, soweit es ihm möglich war. Als er durch Versuche gefunden hatte, daß durch Arbeit die Kohlensäureausscheidung vermehrt wird, schloß er daraus, daß der schwer arbeitende Mensch auch mehr Nahrung zum Ersatz des verbrauchten Kohlenstoffs bedürfe, und forderte deshalb, daß man sich bestrebe, das Los der arbeitenden Klassen nach Möglichkeit zu verbessern. Nicht der Beamte allein, sagt er am Schlusse der Abhandlung über die Atmung vom Jahre 1789, macht sich um sein Vaterland verdient. Auch der Naturforscher kann patriotische Pflichten erfüllen, wenn er durch seine Arbeiten das Maß des Übels verringern lehrt. Und wenn er auch nur die Mittel gesunden hat, die mittlere Lebensdauer der Menschen um einige Jahre, selbst nur um einige Tage zu verlängern, so kann er auf den Ruhmestitel eines Wohlthäters der Menschheit Anspruch machen. Man spürt in dieser Arbeit, der einzigen, in welcher Lavoisier über den Rahmen streng wissenschaftlicher Erörterungen hinausgeht, den Hauch der gewaltigen Bewegung, die damals Frankreich erschütterte. Aber die Republik, die aus dieser Bewegung hervorging, hat seine Verdienste schlecht gelohnt. Angeklagt, als Generalpachter Erpressungen verübt zu haben, wurde er, ohne daß der Beweis einer Schuld erbracht worden, verurteilt und 8. Mai 1794 hingerichtet.

In der dritten Sitzung sprach Engler (Karlsruhe) über das Erdöl und begann mit Erörterungen über