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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Nordamerikanische Litteratur

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Nordamerikanische Litteratur (Lyrik, Roman und Novelle).

größtenteils aus Übertragungen aus dem Griechischen und Italienischen besteht. Beachtung verdient Christopher P. Cranchs »Ariel and Caliban, and other poems« (1887), während H. B. Carpenters anspruchsvolles Gedicht »Liber Amoris« (1887) einen höchst unbefriedigenden Eindruck hinterläßt. Thomas B. Peacocks »Poems of the plains« (3. Aufl. 1889; mit biographischer Einleitung von Prof. Supplée) enthalten Naturbilder, die mit zu den besten gehören, welche die amerikanische Poesie der Gegenwart aufzuweisen hat. In den Gedichtsammlungen von Stokeley S. Fisher, einem Geistlichen (»Poems«, 1884; »Fanny Fay«, 1887; »Lelia Lee«, 1888), waltet der Ton gläubiger Ergebung vor. S. Weir Mitchell sucht in »The cup of youth, and other poems« (1889) den Mangel an natürlicher Begabung durch elegante Sprache und zahlreiche klassische Anklänge zu ersetzen. Zu guten Hoffnungen berechtigt der junge, besonders im kurzen Liede ausgezeichnete Clinton Scollard (»With reed and lyre«, 1887). John Boyle O'Reilley, der 1890 verstorbene irisch-amerikanische Journalist, verleiht in seiner Gedichtsammlung »In Bohemia« (1886) der Liebe zu seinem Geburtsland rührenden Ausdruck. Frank D. Shermans »Madrigals and catches« (1887) bestehen aus leichten, einfachen, aber lesbaren Versen. O. C. Auringer, der sich früher durch seine »Voices of a shell« als gewaltiger Naturmaler, besonders aber als begeisterter Sänger des Meeres einen geachteten Namen errungen hat, zeigt sich auch in »Scythe and sword« (1887) als ernster Verehrer des Naturlebens. Von den Gedichten Irvin Russels (gest. 1879 in New Orleans) ist erst 1888 zu New York eine Gesamtausgabe erschienen. Eine melancholische, für amerikanische Verhältnisse viel zu unpraktische Natur, beständig im Kampfe mit den Widerwärtigkeiten des Lebens, die auch auf seine Gedichte einen düstern Schatten warfen, war Russel der erste Dichter des Südens, der im Neger einen Leid und Freude empfindenden Menschen erblickte. Seine Darstellungen aus dem Negerleben sind reich an natürlichem Humor. Nachdem Thomas Nelson Page mit seinen Prosaerzählungen aus dem Sklavenleben (»In ole Virginia«, 1887) Glück gehabt, ließ er denselben in Verbindung mit A. C. Gordon auch eine im Negerdialekt verfaßte Gedichtsammlung (»Befo de war«, 1888) folgen, in denen hauptsächlich das Dichten und Trachten der Neger vor dem Bürgerkriege geschildert wird. Stoffe aus dem Indianerleben haben Truman H. Purdy (»Legends of the Susquehanna«, 1888) u. George Adams (»Siouska, and other poems«, 1886) poetisch behandelt. In Isaac R. Pennypackers »Gettysburg, and other poems« (1890) behandelt das Titelgedicht, eins der wenigen »patriotischen« Gedichte, die genießbar sind, in schwungvoller Sprache die blutige Schlacht von Gettysburg, durch welche die Macht der Südländer gebrochen ward. Didaktischen Inhalts ist das Epos Walter L. Campbells: »Civitas: the romance of our nation's life« (1887). Von andern Dichtern der Gegenwart verdienen noch angeführt zu werden: J. J. ^[James Jeffrey] Roche (»Songs and satyres«), W. H. Venable (»Melodies of the heart«), Joaquin Miller (»Songs of the Mexican seas«), John T. Trowbridge (»The lost earl, etc.«), Charles L. Moore (»Banquet of Palacios«), David Proudfit (»Mask and domino«), Daniel C. Brewer (»Madeleine«), Charles L. Hildreth (»Masque of death, etc.«), D. M. Henderson (»Poems«), Dav. L. Foster (»Rebecca the witch, etc.«), H. H. Richmond (»Montezuma«), Herbert M. Sylvester (»Prose Pastorals«), Benjamin F. Taylor (»Poetical works«, 1887). Von Anthologien sind rühmend zu erwähnen: G. B. Griffiths »The poets of Maine« (1888), eine Auswahl aus 400 im genannten Staate wohnenden Dichtern enthaltend; F. Brownes »Bugle echoes« (1886), eine Sammlung der Lieder, welche während des Bürgerkriegs im Norden und Süden allgemein gesungen wurden; eigentliche Kriegslieder sind jedoch ausgeschlossen.

Von den Leistungen auf dem Gebiete der poetischen Übersetzungslitteratur sind außer den bereits angeführten zu nennen: die Übertragung der »Gudrun« von Mary P. Nichols (1890); George H. Gibberts Bearbeitung des Buches Hiob (1890); W. E. Griffis' »The lily among thorns« (1890), eine Übersetzung des Hohenliedes; John De Witts »Praisesongs of Israel« (1885), eine Wiedergabe der Psalmen in freien Versmaßen; John M. Crawfords »Kalevala« (1888), eine hauptsächlich nach französischen Texten bearbeitete Übersetzung des finnischen Nationalepos; K. Knortz' »Representative German poems« (1885), eine mit den Minnesängern beginnende und bis auf die Neuzeit fortgeführte Sammlung der hauptsächlichsten Lieder und Balladen Deutschlands in englischer und deutscher Sprache.

Roman und Novelle.

Seit dem Erscheinen von »Onkel Toms Hütte« hat kein Buch in Amerika ein solches Aufsehen erregt wie Edward Bellamys »Looking Backward«, ein Bild des sozialen Zukunftstaates, zugleich eine vernichtende Kritik der jetzigen Zustände mit ihrer sich beständig erweiternden Kluft zwischen arm und reich. Es wurde in die meisten Sprachen übersetzt und gilt uns hier als der Typus der amerikanischen Tendenznovellistik auf sozialistischem Hintergrund, mit welcher die amerikanischen Novellisten die soziale Frage der großen Masse, die sich nur selten an trocknen Fachschriften vergreift, nahegebracht haben. Auch Henry D. Lloyd hat in der Novelle »A strike of millionaires against miners« (1890) die Arbeiter gegen das von den Monopolisten ausgeübte Ausbeutungssystem kräftig in Schutz genommen. Soziale Zukunftsbilder von New York entwerfen Anna B. Dodd, eine entschiedene Verehrerin deutscher Anschauungen und Sitten (»The Republic of the future«, 1887), und Edward Boisgilberts Erzählung »Caesar's Column« (1890). Charles J. ^[Joseph] Bellamy hat in der Novelle »An experiment in marriage« (1889) das Prinzip der freien Liebe verherrlicht. Von den amerikanischen Novellisten, welche den Tendenzschriftstellern nicht zuzuzählen sind, steht William D. Howells in erster Reihe. Seine neuern Erzählungen (»April hopes«, »The minister's charge«, »The rise of Silas Lapham« u. a.) zeichnen sich wie alle seine frühern Werke durch elegante, aber ungekünstelte Sprache, sorgfältige Charakterschilderungen, gesunde, zuweilen allerdings etwas spießbürgerliche Anschauungen aus; unbedeutend ist dagegen seine Posse »A sea-change« (1888). Daß der Humorist Oliver Wendell Holmes ein Mediziner ist, kann er nirgends verleugnen, so auch nicht in seiner Novelle »A moral antipathy« (1886), übrigens eine seiner schwächsten Arbeiten. Bret Harte hat in den letzten Jahren einen lobenswerten Fleiß entwickelt, ohne aber mit seinen Schöpfungen immer glücklich gewesen zu sein. Seine alten Vorzüge entfaltet er wieder in »By shore and sedge«, drei kleinern frischen, humorvollen Erzählungen, von denen sich besonders die in Kalifornien spielende Novellette »A ship of 49« durch feine, sorgfältig durchgeführte Zeichnung des Hauptcharakters auszeichnet. Dagegen vermögen andre Erzählungen, wie »The Argo-^[folgende Seite]