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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Norwegische Litteratur 1885-90

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Norwegische Litteratur (1885-90).

werden sollten. Diese Vorlage wurde dem Storthing in der Thronrede, mit welcher es im Februar 1891 eröffnet wurde, angekündigt. Sofort stellte aber die Linke den Antrag, daß N. seinen Verkehr mit andern Nationen selbst ordnen müsse. Stang erklärte denselben für unannehmbar, da er die Auflösung der Union bedeute. Dennoch wurde der Antrag 23. Febr., allerdings mit der geringen Mehrheit von 59 gegen 55 Stimmen, angenommen. Das Ministerium Stang reichte seine Entlassung ein, und der König übertrug dem Führer der radikalen Partei, Rektor Steen, die Bildung eines neuen Ministeriums, das 5. März nur aus radikalen Mitgliedern, wie Quam, zusammengesetzt wurde. Die Stellung des neuen Ministeriums war, da es nicht über eine Mehrheit im Storthing verfügte, von Anfang an eine unsichere, und es beschloß, bis zu den bevorstehenden Storthingswahlen nur die laufenden Geschäfte fortzuführen. Da der Beschluß des Storthings vom 23. Febr. kein Gesetzbeschluß war, so hatte er keine praktische Folge und nötigte den König nicht, zu demselben Stellung zu nehmen. Der Vermittelungsvorschlag des Königs über die Beteiligung Norwegens an der Leitung der auswärtigen Politik war aber damit gescheitert.

Norwegische Litteratur 1885-90. Die belletristische Litteratur Norwegens hat auch in der letzten fünfjährigen Periode wesentlich dieselbe realistische Richtung befolgt, die im Anfang des letzten Jahrzehnts die bisher überwiegende romantische und historische Dichtung ablöste. Unter den norwegischen Dichtern nehmen Henrik Ibsen und Björnstjerne Björnson immer noch unstreitig den ersten Rang ein. Ibsen, der sich fortwährend in Deutschland aufhält, trat mit vier Schauspielen: »Vildanden« (»Wildente«), »Rosmersholm«, »Fruen fra Havet« (»Die Frau vom Meere«) und »Hedda Gabler« hervor, die sämtlich dem sogen. Problemdrama angehören. Sie zeichnen sich alle durch glänzende Technik und vorzügliche Komposition aus, während sie hinsichtlich der Klarheit des Inhalts und der Prägnanz der Charakterzeichnung kaum auf der Höhe seiner besten frühern Werke stehen. Björnson hat außer einem Lustspiel: »Geografi og Kærlighed«, in dessen Hauptperson, Professor Turman, man ein humoristisches Selbstporträt des Dichters zu sehen geglaubt hat, die n. L. mit zwei größern Romanen bereichert. Der eine, »Det flager i Byen og paa Havnen« (ins Deutsche u. d. T. »Das Haus Kurt« übersetzt), behandelt die Erziehungsfrage, und obgleich die von dem Verfasser aufgestellten Theorien von zweifelhaftem Gehalt sein dürften, nimmt doch die Erzählung mit ihrer ernsten Tendenz und vortrefflichen Charakteristik eine hervorragende Stelle unter den Arbeiten Björnsons ein. Ebendasselbe gilt auch von seinem letzten, die Glaubenstoleranz verherrlichenden Werk »Paa Guds Veie« (wo brave Leute gehen, da sind auch die Wege Gottes). Jonas Lie, der sich als liebenswürdig-humoristlscher Erzähler von optimistischer Lebensauffassung großes Ansehen erworben hat, behauptet in den Erzählungen »En Malström«, »Kommandörens Döttre« und »Maisa Jons« seinen Ruf als begabter und glaubhafter Schilderer des norwegischen Familienlebens. Den Gegensatz zu ihm bildet Alexander Kielland, der, ebenso hervorragend als Erzähler, sich besonders als Satiriker und Pessimist geltend macht. Von seinen neuesten Werken sind, außer den Schauspielen »Tre Par«, »Bettys Formynder« und »Professoren«, die allerdings von untergeordneter Bedeutung sind, vorzüglich die Erzählungen »Fortuna« und »Sanct Hans-Fest« zu erwähnen, letztere eine scharfe Satire gegen die religiös-politische Partei der Linken. Unter die hervorragendern jüngern Schriftsteller Norwegens gehört auch Arne Garborg (s. d.) mit dem politisch satirischen Schauspiel »Uforsonlige« und zwei Erzählungen: »Manfolk« und »Hos Mama«, von denen die letztere den Preis der Freien Bühne erhielt. Ein gewisses Aufsehen erregte das Schauspiel Gunnar Heibergs: »Kong Midas«, dessen Hauptfigur, der selbstgefällig und gebieterische Redakteur Ramseth, auf den Dichter Björnstjerne Björnson abzielt, der sich vornehmlich durch seine Opposition gegen die sogen. Bohême-Litteratur einer Fraktion der litterarischen Linken mißliebig gemacht hat. Unter den jüngern sind noch zu nennen Kristoffer Kristoffersen (die Erzählung »Dagligdags«); John Paulsen (die Novellen: »En Digters Hustru« und »En Fremtidskvinde«); Kristian Winterhjelm, von dessen novellistischen Arbeiten zwei Sammlungen von kleinern Erzählungen und Skizzen, »Intermezzoer« betitelt, besonders zu erwähnen sind; Didrik Grönvold (die Erzählungen: »Storstadgutterne« und »Af Kopistens Papirer«) und Nordahl Rolfsen, dessen Märchenkomödie »Svein Uræd« (mit Motiven von norwegischen Volksmärchen) in verhältnismäßig kurzer Zeit eine große Anzahl Ausführungen erlebte.

Die älteste und hervorragendste der norwegischen Dichterinnen, Camilla Collett, die Schwester Henrik Wergelands, hat in den letzten Jahren nichts geschrieben. Magdalene Thoresen, ebenfalls zu den Veteranen der norwegischen Litteratur gehörend, trat mit Naturschilderungen aus den nördlichsten Gegenden Norwegens unter dem Gesamttitel: »Fra Midnatssolens Land« hervor. Von jüngern Schriftstellerinnen, deren Werke ein größeres litterarisches Interesse darbieten, sind zu nennen: Amalie Skram, die vor etlichen Jahren mit dem sozialen Roman »Constance Ring« debütierte und später unter anderm zwei Erzählungen: »Sjur Gabriel« und »To Venner«, folgen ließ, von welchen die erstere eine derbe, auf genauer Kenntnis gegründete Schilderung des Lebens der armen Fischer auf der Westküste Norwegens gibt, und Alvilde Prydz, deren Erzählungen: »I Moll« und »Underveis« gute novellistische Anlagen verraten. Die lyrische Dichtung weist gegenwärtig nur wenige Vertreter auf: Kristoffer Randers mit dem Cyklus »Unge Sange«, Theodor Caspari mit der Sammlung »Lyrik og Satire« und Nils Collett Vogt mit einem Bande Gedichte. Auch Jonas Lie hat seine zerstreuten Lieder und Gedichte gesammelt herausgegeben. Endlich ist in unsrer Übersicht auch eines besondern Vertreters des modernen Naturalismus, der sogen. Bohême-Litteratur, zu gedenken, wenn auch diese Richtung bisher keine tiefen Wurzeln in der norwegischen Litteratur zu schlagen vermochte. Ihren Namen verdankt diese Gattung einem Roman Hans Jägers: »Fra Kristianiabohêmen«, einer krassen Schilderung von dem Leben und Treiben einer Jugend, deren extravagante Ideen vorzüglich auf die Beseitigung aller bestehenden sozialen und sittlichen Schranken gerichtet sind. Vertreter dieser Richtung sind besonders der schon erwähnte Arne Garborg (s. oben), Knut Hamsun (»Sult«) und der Genremaler Christian Krohg (»Albertine«). Während die Erzählungen Garborgs und Hamsuns nach Inhalt und Darstellung ein gewisses Interesse bieten, sind die genannten Werke von Jäger und Krogh mangelhafte u. unkünstlerische Arbeiten, die das Aufsehen, das sie trotzdem bei ihrem Erscheinen hervorriefen, wohl dem Umstand mit zu verdanken hatten, daß sie beide mit Beschlag belegt wurden und ihren Verfassern ge-^[folgende Seite]