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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Pädagogische Litteratur 1880-90

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Pädagogische Litteratur 1880-90 (philosoph. Pädagogik).

Schrift bieten die beiden Bücher des Werkes eine staunenswerte Fülle von geschichtlichen und thatsächlichen Angaben. Mutet manches darin den deutschen Leser fremd an, fordert andres Bedenken und Widerspruch heraus, so erweckt doch das Ganze das günstigste Vorurteil für den wissenschaftlichen Ernst und die Gründlichkeit, mit der in Frankreich die berufenen Pfleger des öffentlichen Unterrichtswesens zu Werke gehen. Daß sofort mit dem Abschluß des »Dictionnaire« ein Neudruck nötig ward, ohne daß zu einer durchgreifenden Neubearbeitung Zeit blieb, ist bezeichnend für den glühenden Eifer, mit dem seit 1870 unsre westlichen Nachbarn die Fragen des Unterrichts und der Erziehung auffassen. Der grundsätzliche Standpunkt des »Dictionnaire«, dessen Herausgeber liberaler Protestant und Abteilungsdirektor im Unterrichtsministerium, ist der der modernen französischen Staats- oder Laienschule. Doch waltet in der Würdigung auch andrer Richtungen des Schulwesens (Ordensschulen, deutsches, schweizerisches Schulwesen etc.) ein billiges, sachliches Urteil vor.

Das Bedürfnis eines encyklopädischen Nachschlagebuches für pädagogische Fragen ist durch ein Werk vom Umfang und Preise der Schmidschen Encyklopädie nicht allseitig befriedigt. Die täglich aufstoßenden Fragen des Berufslebens rasch und sicher dem einzelnen Lehrer wenigstens vorläufig zu beantworten, haben sich daher schon früher Handbücher von bescheidenerm Umfang dargeboten, wie nach dem Vorgang von Hergangs jetzt veralteter zweibändiger »Pädagogischer Realencyklopädie« das wiederholt aufgelegte Münch-Loésche Universallexikon der Erziehungs- und Unterrichtskunde, mit biographischem Anhang von Heindl (Augsburg), das Petzoldt-Krodersche Handwörterbuch für den deutschen Volksschullehrer, das an die erste Auflage der großen (Schmidschen) Encyklopädie angelehnte zweibändige »Pädagogische Handbuch für Schule und Haus« und die katholische »Realencyklopädie des Erziehungs- und Unterrichtswesens« von Rolfus und Pfister (Mainz). Im abgelaufenen Jahrzehnt sind diesen Handbüchern zwei neue hinzugetreten, die es unternehmen, in knappster Form, innerhalb des Rahmens eines Bandes, die notwendigste Auskunft samt dem Hinweis auf die Quellen für tiefere Studien darzureichen. Im J. 1884 erschien zu Wien das »Encyklopädische Handbuch der Erziehungskunde, mit besonderer Berücksichtigung des Volksschulwesens« von Gustav Adolf Lindner (s. d.), dem inzwischen bereits 1887 verstorbenen österreichischen Schulmann politisch liberaler, philosophisch Herbartscher Richtung. Sein Werk, freigebig mit Bildnissen, Tabellen, Karten etc. ausgestattet, enthält einen reichen Schatz pädagogischer Weisheit und pädagogischen Wissens. Als besondern Vorzug hebt der Verfasser im Vorwort hervor, daß alle Artikel, als von ihm selbst geschrieben, aus einem Gusse sind, sich gegenseitig stützen und zum Aufbau einer einheitlich geschlossenen, pädagogischen Weltanschauung vereinigen. Wohl; aber darin liegt zugleich die Schwäche des Werkes mit angedeutet. Es ist sehr persönlich gehalten und läßt an vielen Stellen durchblicken, wie sein Urheber, begeistert von dem Gedanken, daß »eine neue Epoche der Menschheit herangebrochen sei, deren Zug dahin gehe, die Bildung als Grundlage der allgemeinen Wohlfahrt zum Gemeingut der Menschheit zu machen«, sich ganz in den Dienst der neuen, allgemeinen Nationalschule seines Vaterlandes stellt und gegen die Kreise kämpft, welche nach seiner Ansicht »dem retograden ^[retrograden] Fortschritt huldigen«. Nun darf man aber wohl sagen, daß eine Encyklopädie bei aller notwendigen Entschiedenheit ihres Verfassers doch dessen Urteil nicht überall voranstellen und überhaupt nicht als Parteischrift auftreten sollte. Anders hat daher bei mannigfacher Berührung im einzelnen F. Sander im gleichzeitigen »Lexikon der Pädagogik« (Handbuch für Lehrer und Erzieher, 2. Aufl., Bresl. 1889) sich das Ziel gesteckt. Er ist mit Lindner überzeugt, daß den sittlichen Ideen der Gegenwart die Zukunft auch im Schul- und Erziehungswesen gehört. Aber er findet diese nicht in so schroffem Widerspruch mit dem, was bisher in Deutschland, zumal in Preußen, gegolten hat, daß ihm der Kampf gegen retrograde Machte das erste Bedürfnis wäre. Ihm scheint gerade für ein Buch dieser Art Ruhe und Billigkeit des Urteils zu den wichtigsten Erfordernissen zu gehören. Schon dadurch war seinem »Lexikon der Pädagogik« dieser Grundzug von vornherein verbürgt, daß dieses aus Meyers Konversationslexikon, an dem er seit 1874 auf diesem Gebiet mitarbeitet, hervorging, um dann freilich sich selbständig weiter zu entwickeln. Der einzelnen Artikel sind infolgedessen weit mehr als bei Lindner; dafür aber sind sie knapper in der Form, sachlicher in der Darstellung und, vielfach wenigstens, reicher im Litteraturnachweis. Die Einschränkung oder vorzugsweise Beziehung auf einen einzelnen Zweig des Schulwesens hat der Verfasser als dem encyklopädischen Charakter entgegen verschmäht und für alle pädagogischen Kreise zu arbeiten versucht. Tiefer auf eine Würdigung des Buches einzugehen, verbietet der Umstand, daß hier Verfasser und Kritiker eine Person sind. Daß nach wenigen Jahren die erste starke Auflage (Leipz. 1885) vergriffen war, und daß auch die zweite, etwas erweiterte Auflage überall freundliche Aufnahme gefunden, so daß die Lebensfähigkeit des Buches feststeht, zeigt, daß es einem in weitern Kreisen empfundenen Mangel entgegengekommen ist.

Philosophische Pädagogik.

Wenn vor zehn Jahren über die philosophische und systematische Pädagogik im allgemeinen gesagt werden konnte, daß ihre Vertreter mit wenigen Ausnahmen in den Spuren Herbarts wanderten, ist dies während des inzwischen verflossenen Jahrzehnts wesentlich anders geworden. Allerdings tritt auch jetzt noch eine große Zahl der pädagogischen Schriftsteller unter Herbarts Fahne auf; aber verhältnismäßig wenige im Sinn eines unbedingten Bekenntnisses zur Herbartschen Schule, so wie sie sich namentlich unter Zillers Führung geschichtlich herausgebildet hatte. Schon immer hatte der aufmerksamere Beobachter zu unterscheiden zwischen der starrern, aber darum nicht gerade treuern Nachfolge Herbarts im Zillerschen Kreise und der etwas freiern Art, wie namentlich Stoy in Jena die Grundansichten des Meisters theoretisch und praktisch verwertete und ausbaute. Aber erst in der neuern Zeit hat das mehr oder minder deutliche Bewußtsein dieser unterschiedlichen Auffassung sich zu ausgesprochener Kritik und hier und da zu einem ziemlich schroffen Gegensatz verschärft. Dadurch ist einer freiern Fortbildung des Herbartschen Gedankenkreises auch in pädagogischer Hinsicht erst die Bahn eröffnet, und in der That liegen beachtenswerte Versuche aus dem abgelaufenen Jahrzehnt vor, die den Grundgedanken des Meisters in dieser verjüngten Gestalt zeigen. Freilich gehen diese Versuche ohne scharfe Grenze über zu denen, die nur noch eklektisch an Herbart anknüpfen, aus seinem System einzelnes entnehmen, andres verwerfen oder gar nur gewisse pädagogische Folgesätze sich aneignen, deren meta-^[folgende Seite]