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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Würmer

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Würmer (Eichelwurm, Syllis, Palolowurm).

Es deutet sich dadurch an, daß die Archanneliden, zu denen man noch die Gattungen Polygordius, Protodrilus und Histiodrilus rechnet, nicht nur als Ausgangsgruppe der Oligochäten, Polychäten und allenfalls der Gephyreen zu betrachten sind, sondern auch den Ahnen der Gliedertiere nahe treten.

Eine am andern Ende des Wurmreichs stehende Gattung, der Eichelwurm (Balanoglossus), hatte die wunderbarsten Schicksale in Bezug auf ihr Umherirren im System erfahren. Sie geht aus einer rädertierartigen Larve (Tornaria) hervor und besitzt in ausgewachsenem Zustand einen Kiemenkorb, ähnlich demjenigen der Tunikaten und niedersten Wirbeltiere (Amphioxus u. Neunaugenlarve), und wurde deshalb von Gegenbaur zum Vertreter einer eignen, zwischen Rädertieren und Tunikaten stehenden Würmerklasse (Enteropneusta) erhoben, worauf sie Huxley mit den Tunikaten zur Gruppe der Pharyngopneusta verband. Diese hohe Stellung blieb allerdings nicht unangefochten, denn A. Agassiz betrachtete sie als zwischen Nemertinen und Röhrenwürmern stehend, und Metschnikow wollte sie gar wegen der Ähnlichkeit der Larvenform mit den Echinodermen zum Typus der Ambulacraria vereinen. Nunmehr hat V. M. Schimkewitsch in einer von der Petersburger Zoologischen Gesellschaft veröffentlichten Arbeit die Ansichten von Gegenbaur und Häckel bestätigt und die Gruppe als Mittelglied zwischen Würmern und Chordaten proklamiert. Bisher kannte man von dieser interessanten Gattung nur einige kleine, im Mittelmeer und an der nordamerikanischen Küste lebende Arten von 10-20 cm Länge, nunmehr hat aber Fritz Müller eine weit über meterlange Riesenform an der brasilischen Küste entdeckt. Er kannte dessen Larve seit mehr als 25 Jahren, ohne daß es ihm gelingen wollte, das erwachsene Tier, welches in halbmetertiefen mäandrischen Gängen im Meeressand lebt, aufzufinden. Es waren ihm aber am Strande bei Armaçao zur Ebbezeit große Exkrementhaufen aus gräulichweißem Sande, den menschlichen in Größe und Form ähnlich, der vielgewundene Kotstrang bis 2 cm dick, aufgefallen, und er vermutete alsbald, daß sie von einem Balanoglossus herrühren mochten. Nach vieler Mühe gelang es, das Tier zu entdecken und unversehrt den unterirdischen Gängen zu entwinden. Es hat die für ein in engen unterirdischen Gängen lebendes Tier unverständliche Eigenschaft, zu phosphoreszieren; vielleicht kommt es des Nachts hervor und läßt sein Licht draußen leuchten.

Unter den zahlreichen neuen Formen von Ringelwürmern, welche die Challenger-Expedition den Forschern gebracht hat, ist wohl die merkwürdigste die Syllis ramosa, welche von den bisher bekannten Syllis-Arten und von allen andern Anneliden dadurch abweicht, daß sie nicht wie andre Ringelwürmer (und wie es z. B. auch Syllis prolifera thut) in zwei oder mehr hintereinander belegene Sproßstücke zerfällt, die dann einen neuen Kopf oder Schwanz oder beides bilden, sondern vielmehr durch seitlich am Körper heraussprossende und mit demselben vereinigt bleibende Stücke weiter wächst. Es kommt also dadurch ein verzweigter Wurmstock zu stande, der um so mehr einem pflanzlichen Gewächs ähnlich ist, als die Syllis-Arten allgemein außer den Fußstummeln mit langen Rückencirren versehen sind und kriechenden, beblätterten Pflanzen gleichen. Im übrigen muß ein solcher Wurmstock schwer beweglich sein, und er führt wahrscheinlich im Innern von Schwämmen ein seßhaftes Leben. Aus den Seitensprossen entstehen später sich loslösende Geschlechtstiere, die frei ausschwärmen und die Art verbreiten.

Eine solche, zu einer bestimmten Zeit eintretende Vermehrungsweise durch Teilung gibt allem Anschein nach zu dem in neuerer Zeit vielfach geschilderten massenhaften Auftreten einer verwandten Polychäte der Südsee Anlaß, des Palolowurmes (Lysidice viridis), der an ganz bestimmten Novembertagen an den Küsten der Samoa- und Fidschi-Inseln erscheint und von den Eingebornen als ein besonderer Leckerbissen betrachtet wird. Es ist ein ca. 25 cm langer und 1-2 cm dicker Borstenwurm, der dadurch ausgezeichnet ist, daß er nur drei Fühler besitzt, nämlich einen unpaaren Stirnfühler und zwei Seitenfühler, während die verwandten Eunice- und Diopatra-Arten mehr Fühler besitzen. Die Männchen sind weiß bis ockergelb, die Weibchen indigblau bis grün. Das Merkwürdigste an ihnen ist das plötzliche Erscheinen des sonst in den Korallenriffen lebenden Tieres an der Oberfläche des Meeres, welches von den Eingebornen nach astronomischen Kennzeichen berechnet wird. Es tritt mit dem Beginn des letzten Mondviertels im November ein und zwar kurz vor Sonnenaufgang, am ersten und dritten Tage nur spärlich, am zweiten aber nach Milliarden. Einen Monat früher, ebenfalls zur Zeit des letzten Mondviertels, erscheinen auch Palolos, aber nur in geringerer Menge. Churchward hat in seinem Buche »My consulate in Samoa« (Lond. 1888) den einem Volksfest gleichenden Hauptfang in der bevorzugten Nacht mit lebhaften Farben beschrieben. Von allen Inseln des Archipels kommen dann Männer und Frauen in ihren Kanoes schon am Abend an den bevorzugten Stellen zusammen, und es entwickelt sich ein Treiben wie bei einem südlichen Nachtfest. Endlich gegen Anbruch der Morgendämmerung wird es still, und alles blickt in höchster Spannung auf den vom niedrigen Wasser bespülten, spaltenreichen Saum des Gestades. Plötzlich steigen wie auf ein gegebenes Zeichen die langen, in den verschiedensten Farben schillernden W. aus allen Rissen und Löchern ringsumher an die Oberfläche, und bald ist der ganze Strand mit einer dicken, wimmelnden Schicht des Gewürms bedeckt. Laut jauchzend und sich einander durch Zuruf ermunternd, greift alt und jung in das Gewimmel hinein, hascht, was sich haschen läßt und füllt die bereit gehaltenen Töpfe. In der That haben sie auch keine Zeit zu verlieren, denn sobald die Sonne ihre ersten Strahlen über das Meer schickt, stürzen die Tiere, wie von einer dämonischen Macht herabgezogen, wieder in ihre Löcher und Spalten zurück, und binnen wenigen Minuten sind sie verschwunden. Die Eingebornen aber rudern, wenn der Fang ergiebig war, in rosigster Stimmung zu ihren Angehörigen zurück. In allen Dörfern werden Feste und Schmäuse veranstaltet; halten doch die Kanaken den Palolowurm für eine der größten Delikatessen ihrer durch allerlei Meertiere reichbesetzten Tafel. Sie verzehren die W. meist roh, und sie haben einen scharfen, seefischartigen Geschmack und werden, da die Körper der Weibchen voller Eier sind, einem Wurmkaviar verglichen. Die dort anwesenden Europäer versuchen das vielgerühmte Gericht dann wohl gekocht, wo es wie grüner Spinat aussieht.

Über die Ursache des auf so kurze und bestimmte Zeit beschränkten massenhaften Auftriebs sind verschiedene Meinungen ausgesprochen worden; zusammengehalten mit dem Eierreichtum der Weibchen klingt es nicht unwahrscheinlich, daß sie zum Zweck