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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Anthony; Anthropologenkongreß

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Anthony - Anthropologenkongreß

und bilden die Schwimmfähigkeit ans, die den Strandpflanzen bessere Lebensbedingungen bietet. Ebenso bilden sich bei den Pflanzen der nach Ipomoea Pes caprae benannten Pes caprae-Formation, ähnlich wie bei unsern Sandseggen, lange Stolonen aus, die im Flugsand haften. Das sind nun natürlich keine direkten, sondern erst durch den Einfluß der natürlichen Zuchtwahl vollendete Anpassungen, aber dennoch kann man hier besonders gut sehen, wie die äußern Bedingungen neue Sippen und Arten geschaffen haben. Denn die in der Mangrove lebenden Rhizophoreen unterscheiden sich von denen des Binnenlandes hauptsächlich durch ihre Strandanpassungen. Die Gattung Aegiceras weicht von den übrigen Myrsineen, die Gattung Avicennia von den Verbenaceen, zu denen sie gehört, anscheinend weit ab, aber hauptsächlich doch nur durch Veränderungen, welche die Lebensweise im Uferwald an Frucht und Samen hervorgerufen hat. Auch bei den Gattungen Tournefortia, Carapa, Cerbera, bei Terminalia Katappa, Guettardia speciosa, Cordia subcordata, Clerodendron inerme, Morinda citrifolia, Calophyllum inophyllum, Barringtonia speciosa und racemosa, etc. gehören die Strandanpassungen von Frucht oder Samen zu den diagnostischen Kennzeichen der Gattungen und Arten, die vor dem Studium der biologischen Verhältnisse vielfach unverständlich waren. Vor der Gleichmäßigkeit der betreffenden Umwandlungen muß jeder Zweifel an der Wirksamkeit der natürlichen Zuchtwahl auf die Anpassungen sowohl als auf die Bildung neuer Arten und Gattungen schwinden.

Ein sehr merkwürdiges Beispiel funktioneller A. bei Tieren hat D. Barfurth kürzlich an den Larven des braunen Grasfrosches (Rana fusca) studiert. Er hatte bei einer größern Stückanzahl die Schwanzspitze ungefähr im letzten Drittel mit scharfer Schere weggeschnitten und fand, daß die meisten nach etwa 14 Tagen den Schwanz wiedererzeugt hatten, aber bei vielen stand der neue Schwanz schief nach einer Seite, nach oben oder nach unten. Als Ursache ergab sich, daß die Achse des regenerierten Stückes stets senkrecht auf der Schnittfläche stand, so daß jeder nach oben, unten oder nach der Seite schiefe Schnitt eine schiefe Fortsetzung ergab, wie ein Backsteinbau, dessen Grundfläche nicht gehörig nivelliert ist. Nach 3-4 Wochen aber wurden allemal die Schwänze wieder gerade, und zwar infolge der funkionellen A. an die Wirkung der Schwerkraft und der Schwimmbewegungen. Daher trat auch die Wirkung nur im tiefern Wasser ein, nicht aber, oder wenigstens viel unvollkommener, bei Larven, die in so seichtem Wasser gehalten wurden, daß sie nicht frei schwimmen konnten. Eine gewisse Besserung, die der Wirkung der Schwerkraft zugeschrieben werden kann, trat indessen auch dort ein.

Anthony, W., Pseudonym, s. Asmus.

Anthropologenkongreß. Die 22. allgemeine Versammlung der deutschen Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte tagte vom 3. bis 5. Aug. 1891 in Danzig. Die erste Sitzung eröffnete Virchow mit einer Rede, welche sich in gewohnter lichtvoller Weise über die mannigfachsten Beziehungen der Wissenschaft verbreitete und namentlich den westpreußischen Teilnehmern ein genaues Verständnis der Arbeiten und Ziele der Gesellschaft zu vermitteln suchte. Er gedachte der schmerzlichen Verluste, welche die Gesellschaft im letzten Jahr erlitten, und wies anläßlich des unvergeßlichen Trojaforschers auf die trojanischen Gesichtsurnen (die Eulenurnen Schliemanns) der Berliner Sammlung hin. Diese Urnen finden ihr Gegenstück in zahlreichen Gesichtsornamenten auf Gegenständen der westpreußischen Sammlung und zwar in so überraschender Weise, daß ein phantasiereicher Betrachter auf den Gedanken kommen könnte, Äneas habe auf seiner Flucht in Westpreußen eine trojanische Kolonie gegründet. Redner machte bei dieser Gelegenheit eine Bemerkung über den Zeichenunterricht auf unsern Schulen. Die Zeichnungen auf den prähistorischen Gegenständen, so unvollkommen und kindlich sie auch erscheinen, sind doch häufig ungemein charakteristisch und ihrer Bedeutung nach leicht bestimmbar. Dem gegenüber sei in der Gegenwart die Kunst, eine Zeichnung in ihren Hauptzügen typisch treu zu entwerfen, trotz allen Zeichenunterrichts nicht häufig, und bei der Wichtigkeit, die namentlich die Naturwissenschaft dem Zeichnen beilege, müsse man erhebliche Vervollkommnungen des systematischen Zeichenunterrichts wünschen. Wenn manche Gelehrte die Zeichnungen der Renntierzeit gerade wegen ihrer Naturtreue nicht für echt halten, so sei er entgegengesetzter Ansicht und möchte sagen, jene alten Zeichner haben ihre Sache um deswillen so gut gemacht, weil sie nicht durch unsre Zeichenschulen hindurchgegangen sind. Im letzten Teil seiner Rede deutete der Vortragende die noch ganz dunkeln ethnologischen Verhältnisse der vorgeschichtlichen Zeit in den baltischen Ländern, wo Kelten, Germanen und Slawen nach- oder nebeneinander gesessen, das Rätsel des Einfalls der Goten, das Auftreten des Eisens und die weiter an diese Dinge sich knüpfenden Fragen an, indem er die Aufhellung derselben als das besondere Arbeitsfeld der westpreußischen Forscher bezeichnete.

Namens der Staatsregierung begrüßte hierauf der Oberpräsident v. Goßler die Versammlung. Vielleicht sei niemand von den Teilnehmern so wie er in der Lage, zu übersehen, welch ungeheuern Fortschritt für die ganze gebildete Welt die Anthropologie in dem seither verflossenen Zeitraum vermittelt habe, vielfach auf Kosten der benachbarten Wissenschaften, welche Teile ihres Gebiets abtraten und manche bis dahin festgehaltene Anschauungen von Grund aus umgestalten mußten. Die Anthropologen könnten versichert sein, daß sie im breiten Strom schwimmen und volles Verständnis bei ihren Volksgenossen finden. Die größten Forscher aller Fächer seien in der Lage und gern bereit, in ihren Mußestunden anthropologische Fragen zu fördern, und anderseits könne jeder gebildete Laie, wenn er Glück habe, bahnbrechend in der Anthropologie wirken. In den Arbeiten der Anthropologen verdiene besondere Anerkennung das Moment der strengen Wissenschaftlichkeit, die mit vorsichtiger Beschränkung für wahr halte, was durch thatsächliche Beobachtungen als wahr erwiesen ist. Freilich lasse sich die letzte wissenschaftliche Wahrheit nicht allein auf dem Wege der sogen, exakten Forschung ermitteln; es werde schließlich ein Augenblick eintreten, wo das zur Hilfe genommen werden muß, was man gewöhnlich als Einbildungskraft bezeichnet, um den Funken des Verständnisses für die gesuchte Wahrheit zu entfachen; aber wann dieser Augenblick eintrete, richte sich ganz nach der Individualität des Forschers. Die größte aller Fragen, diese nämlich, wann und wo der Mensch in die Welt gekommen ist, habe in den letzten Jahrzehnten, nicht ohne Mitverschulden der Wissenschaft, eine Überspannung der Behandlung erfahren. Wenn neuerdings wieder eine Änderung eingetreten sei, so gehöre das Hauptverdienst dieses Umschwunges der