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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Arktische Flora (Gebiete, Ursprung)

pen bringt eine größere Anzahl von Pflanzen ihre Früchte nicht mehr zur Reife.

Am vielseitigsten entwickelt zeigt sich die Pflanzenwelt Grönlands (mit 386 Arten), welche nach neuern Untersuchungen Warmings den Hauptkern der arktischen Flora enthält. In Südgrönland (bei 60-62° nördl. Br.) treten Birkenwälder mit 4-5 m hohen Stämmen und eingesprengten Vogelbeerbäumen, Grünerlen, Zwergwacholdersträuchern und Weidengebüschen, daneben auch Staudenformationen und Graswiesen auf. Auch in Island sowie in Lappland bis zum Weißen Meer bilden Birken die Baumgrenze, im nördlichen Rußland, Sibirien und Nordamerika dagegen Nadelhölzer. Nördlich vom 62. Breitengrad beherbergt Grönland eine Pflanzenwelt, welche zum Teil Ähnlichkeit mit der der alpinen Region hat und in die Formationen der Gebüsche und Matten, der Heide, der Fjelds, der Moore, des Strandes und des gedüngten Bodens gegliedert erscheint. Die Gebüsche entwickeln sich an sonnigen Stellen, besonders im Innern der Thäler sowie an Bachufern, und werden vorzugsweise von Salix glauca, gebildet, denen sich bis zum Polarkreis hinauf Bestände der Grünerle anschließen; vom 62° nördl. Br. an wird von Birkenarten Betula nana vorherrschend. Innerhalb der Weidengebüsche ist eine hochstaudige Umbellifere (Archangelica officinalis) die hauptsächliche Charakterpflanze, zu der sich eine Schar von Rosaceen, Alsineen, Arten von Saxifraga, Pecicularis, Pirola, Campanula, Hieracium nebst Halbgräsern, Gräsern und Farnen gesellen; selbst einige Orchideen (Corallorhiza, Platanthera, Listera) fehlen nicht. Die genannte Pflanzengruppe scheint bis zum 70.° nördl. Br. hinaufzureichen und bildet auf feuchten Senkungen, an Bergabhängen u. dgl. bisweilen eine völlig zusammenhängende, grüne Vegetationsdecke. Auf trocknem, magerm Sandboden entwickeln sich bis zum 73.° nördl. Br. Heiden, die von bräunlichen, niedrigen Sträuchern mit ineinander geflochtenen Zweigen (vorzugsweise Empetrum nigrum, zahlreiche Erikaceen, auch Zwergweiden und Zwergbirken) gebildet werden; dazwischen wachsen zahlreiche Stauden, deren Blüten den bräunlichen Grundton der Heide anmutig unterbrechen. Die meisten Heidepflanzen sind durch die geringe Größe ihrer Blätter, durch Zurückrollung der Blattränder, durch wollige Deckhaare etc. gegen Dürre geschützt, welche nach Abfluß der Schmelzwässer auf flachgründigem Boden auch in Grönland stellenweise eintritt. Die Fjeldformation ist auf schroffern Berglehnen, auf kahlen, von den Gletschern der Eiszeit abgeschliffenen Felsen sowie auf den Gipfeln und Plateaus der Berge angesiedelt und nimmt den größten Teil der eisfreien Oberfläche Grönlands ein. Ihre Bestandteile zeigen am meisten die Tracht der Alpenpflanzen und sind zum Teil mit solchen identisch; die Strauchform erscheint zurückgedrängt; an ihrer Stelle entwickeln sich haufenförmig wachsende Stauden, die an kurzgliederigen Zweigen gedrängte Laubrosetten tragen. Pflanzen des fließenden Wassers besitzt Grönland besonders im N. nur sehr spärlich; Grasmoore (vorwiegend mit Eriophorum-Arten) und Moosmoore treten vorzugsweise längs der Seeufer oder in Bergsenkungen auf; noch bei 76° nördl. Br., bei Kap York, wurde Torfbildung beobachtet. Die Moorpflanzen stimmen teils mit den auch in Deutschland vorkommenden Arten (Oxycoccus palustris, Andromeda polifolia, Ledum palustre, Rubus Chamaemorus u. a.) überein, teils sind sie alpine oder hochnordische Formen. Am grönländischen Strande zeigen sich Andeutungen einer Sanddünen- und Marschflora; auf gedüngtem Boden in der Nähe der Eskimowohnplätze sowie am Fuß der Vogelberge entwickeln sich häufig kleine, frischgrüne Vegetationsstellen, die von Gräsern oder einer Reihe strand- und mattenbewohnender Pflanzen, zum Teil auch von eingeschleppten Ruderal-(Schutt-)Pflanzen gebildet werden.

Über den Ursprung der arktischen Flora, speziell Grönlands, sind zwei verschiedene Ansichten aufgestellt worden. Warming, der Hauptvertreter der einen Richtung, betrachtet die grönländische Flora in ihrem Kern als eine dem Lande eigentümliche, die sich auch während der Eiszeit an einzelnen eisfreien Punkten erhielt und in postglazialer Zeit durch Einwanderungen aus Amerika und Europa vermehrt wurde. Die durch geologische Gründe gestützte Annahme einer ehemaligen Landverbindung zwischen den Färöerinseln, Island und Grönland, aus welcher eine Einwanderung europäischer Pflanzen hätte stattfinden können, bestreitet Warming aus pflanzengeographischen Gegengründen und sucht die vorwiegende Einwanderung von europäischen Pflanzen in Grönland durch die samenverbreitende Thätigkeit der Winde, der Meeresströmungen und der Zugvögel zu erklären. Als hauptsächliche Scheidelinie zwischen der europäischen und der arktisch-amerikanischen Flora erscheint ihm die Danmarkstraße, zwischen Island und Grönland, nicht die Davisstraße, die man sonst wohl als Florengrenze zu betrachten pflegt, wenn Grönland pflanzengeographisch zu Europa gezogen wird. Dem gegenüber hat Nathorst darauf hingewiesen, daß Grönland während der Eiszeit in einer Weise vergletschert oder an höher gelegenen Punkten derart mit Firnschnee bedeckt gewesen sein muß, daß eine Erhaltung der Flora in irgend welchen nennenswerten Resten ausgeschlossen erscheint. Die Flora kann daher erst nach Abschmelzung des Eises in postglazialer Zeit in die Polarländer eingewandert sein. Da nun aus der speziellen Verbreitung der gegenwärtig in Grönland wachsenden Pflanzenarten hervorgeht, daß die aus Amerika stammenden, westlichen Arten nach O. zu eine schnelle Abnahme zeigen, während sie bei Voraussetzung ihrer Fortexistenz während der Eiszeit sich sowohl in West- als in Ostgrönland hätten erhalten müssen, so kann die von Warming als Scheidelinie angenommene Danmarkstraße nicht die wirkliche Grenze für die westlichen Formen bilden. Das Hindernis ihrer weitern Ausbreitung lag nach Nathorst vielmehr in einem mächtigen Eisstrom, der zur Glazialzeit im südlichen Ostgrönland zwischen 60 und 62° nördl. Br. sich ins Meer ergossen hat; derselbe sperrte während langer Zeit Pflanzeneinwanderungen von S. und W. her vollständig ab. Die östlichen, in Europa weiter verbreiteten Pflanzenarten haben sich von Island aus zunächst nach der Südspitze Grönlands verbreiten können und kommen daher hier vorwiegend in südlichen Breiten vor; an der Ostküste dringen sie wie auch die westlichen Arten in geringerer Anzahl vor; letztere fehlen zwischen 63 und 66° übrigens gänzlich. Nach der Ansicht von Nathorst ist somit im Gegensatz zu der Warmings die grönländische Flora eine postglaziale Einwanderung. Ihren Ursprung nahm dieselbe bereits vor der Eiszeit aus den tertiären Gebirgspflanzen von Grönland, Island, Schottland und Skandinavien, vielleicht auch des nördlichen Amerika; die zirkumpolare Verbreitung vieler arktischer Pflanzen ist der beste Beweis dafür, daß dieselben sich schon vor der Eiszeit in der Richtung der Parallelkreise ausgebreitet hatten und dann bei zu-^[folgende Seite]