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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Baden (Statistisches, Geschichte)

(1,61 Proz.) und 4520 Andersgläubige (0,27 Proz.). Danach hat sich das Verhältnis der einzelnen Konfessionen gegen 1885 etwas verschoben, da die Evangelischen um 5,4 Proz., die Katholiken aber nur um 2,4 Proz. zugenommen haben, während die Israeliten um 1,6 Proz. abnahmen. Die städtische Bevölkerung betrug 35,1, die ländliche 64,9 Proz. der Gesamtbevölkerung, jene hat seit 1885 um 10,64 Proz. zugenommen, diese um 0,03 Proz. abgenommen. Wie schon 1885 hatten 5 Städte mehr als 20,000 Einw., nämlich Mannheim (79,044), Karlsruhe (73,496), Freiburg, (48,788), Heidelberg (31,737) und Pforzheim (29,987). Die Zahl der Haushaltungen betrug 345,178, so daß 4,8 Personen im Durchschnitt auf eine entfielen. Bewohnte Gebäude zählte man 224,795 und 415 sonstige Aufenthaltsstätten.

Der Staatsvoranschlag für 1891 beträgt (ohne den Eisenbahnetat) 50,313,220 Mk. in Einnahme, 49,561,877 Mk. in Ausgabe. Die bedeutendsten Posten sind:

Einnahmen:

Direkte Steuern 12 250 659 Mark

Indirekte Steuern 8 789 750 "

Domänen und Forsten 7 238 256 "

Justiz- und Polizeigefälle 3 699 712 "

Salinen 630 418 "

Aus den Reichseinnahmen 10 192 450 "

Ausgaben:

Zivilliste und Apanagen 1 897 698 Mark

Matrikularbeiträge 9 672 597 "

Justizverwaltung 5 627 896 "

Strafanstalten 1 162 484 "

Unterrichtswesen 3 645 688 "

Kultus 322 122 "

Bezirksverwaltung und Polizei 3 706 584 "

Heilanstalten 1 638 077 "

Wasser- und Straßenbau 4 283 338 "

Domänenverwaltung 4 537 911 "

Salinen 510 923 "

Steuerverwaltung 3 329 974 "

Zollverwaltung 1 943 843 "

Pensionen 2 742 251 "

Zuschuß zur Verzinsung und Tilgung der Eisenbahnschuld 2 750 000 "

Von den für die Jahre 1890 u. 1891 auf 9,117,837 Mk. veranschlagten außerordentlichen Ausgaben waren 5,568,342 Mk. nicht gedeckt, dafür sollen 4,2 Mill. aus Überschüssen früherer Jahre, für den Rest ein Zuschuß aus der Amortisationskasse verwandt werden. Der ordentliche Etat für 1891 übersteigt den des Vorjahrs nur um wenige 100,000 Mk. Die Einnahmen der Eisenbahnverwaltung und der Bodensee-Dampfschiffahrt wurden für 1891 auf 52,605,130, die Ausgaben auf 37,808,830, die Reineinnahmen mithin auf 14,796,300 Mk. veranschlagt. Die Staatsschuld belief sich Ende 1890 nach Abzug der Aktiva auf 3,942,011 Mk., hatte sich gegen das Vorjahr um 3¾ Mill. vermindert. Die Eisenbahnschuld betrug 342 ⅖ Mill., aber nach Abzug der Aktiva (13⅔ Mill.) 328¾ Mill. Mk., hatte sich also gegen das Vorjahr um fast 2 Mill. vermindert.

Geschichte. Im J. 1891 schied der Verfassung gemäß die Hälfte der Mitglieder der Abgeordnetenkammer aus und wurde durch Neuwahlen ersetzt. Nach dem mit Hilfe der Deutschfreisinnigen errungenen Sieg der Ultramontanen bei den Reichstagswählen im Februar 1890 und der herausfordernden Haltung der Partei in der letzten Landtagssession 1890/91 durfte man auf außerordentliche Anstrengungen der ultramontanen Parteiführer, bei den Landtagswahlen den Sieg zu erringen, gefaßt sein. Das Ministerium nahm daher Gelegenheit, mit seinen Glückwünschen zum 65. Geburtstag des Großherzogs (9. Sept. 1891) und zum Antritt des Lebensjahres, in welchem er das Jubiläum seiner 40jährigen Regierung feiern wird, einen Überblick über die Entwickelung der badischen Verhältnisse während der letzten 40 Jahre und insbesondere auch über die gegenwärtige politische Lage zu verbinden. In diesem hieß es, der Großherzog habe das badische Land »zu einem blühenden und geachteten Staatswesen erhoben, das in wohlgefügter, auf bewährter Verfassungsgrundlage beruhender Ordnung und durch reich entwickelte freisinnige Einrichtungen dem einzelnen wie dem gesamten Staatsbürgertum die ersprießliche Mitwirkung an der Verwaltung und Förderung der öffentlichen Angelegenheiten, den korporativen Verbänden, Kirchen, Kreisen, Gemeinden, Vereinen dasjenige Maß von Selbständigkeit und Freiheit gewährt, bei welchem das gleichberechtigte Nebeneinanderleben aller Teile, damit aber auch der Friede und das Wohl der Gesamtheit allein bestehen kann.... Wir stehen jetzt in einer erregten Zeit, in der ein heftiger Parteienstreit in die weitern Schichten des Volkes getragen wird und, bis zu konfessioneller Zwietracht anschwellend, seine Geschicke ernst bedroht. Aber höher steht der Glaube an den gesunden Sinn des Volkes, der auch in den Stürmen der Aufreizung und Irreführung die Probe bestehen und vertrauensvoll seinem Großherzog als seinem bewährten, sichern Führer die alte Treue und Liebe bewahren wird.« Der Großherzog befahl die Veröffentlichung dieses Schreibens, da er sich in erfreulicher Übereinstimmung mit dessen Grundsätzen befinde und eine fernere Fortdauer in der festen und sichern Handhabung derselben wünsche; »möge«, bemerkte er, »damit erreicht werden, daß manche Irrtümer beseitigt, eine friedfertigere Stimmung gefördert und dadurch die Stetigkeit in der Entwickelung des politischen Lebens erhalten bleibe«. Die Hoffnung des Landesherrn erfüllte sich indessen nicht. Der Kampf der Parteien entbrannte bei den Vorbereitungen zu den Wahlmännerwahlen auf das heftigste. Die Ultramontanen, Freisinnigen, Demokraten, Sozialdemokraten und auch ein Teil der Konservativen vereinigten sich zum Ansturm gegen die Nationalliberalen, welche die Mehrheit im Landtag besaßen, aber fast alle (28) Mandate bei den Neuwahlen zu verteidigen hatten. In Mannheim stimmten die Ultramontanen Mann für Mann für die sozialdemokratischen Wahlmänner und verhalfen ihnen dadurch zum Sieg; in Karlsruhe (Land) gewann der Konservative v. Stockhorner mit ihrer Hilfe ein Mandat. Die Nationalliberalen verloren daher 14 Mandate, und ihre Mehrheit (32 von 63) schmolz auf eine Stimme zusammen, während die Ultramontanen in der Kammer nun 21, die Demokraten 6, die Konservativen und die Sozialdemokraten je 2 Mitglieder zählten. Der Landtag wurde 17. Nov. eröffnet. Der Staatsminister Turban kündigte außer einigen Gesetzvorlagen von untergeordneter Bedeutung beträchtliche Steuer-Ermäßigungen an, die durch Überschüsse der Einnahmen (25 Mill.) ermöglicht wurden. Auch wurde eine Gehaltserhöhung für die untersten Beamtenklassen beantragt. Als sich bei der Bewilligung der Mittel für ein besonderes Ministerpräsidium für das Innere die Parteien im Januar 1892 zum erstenmal maßen, siegten die Nationalliberalen mit Hilfe der Konservativen mit 32 gegen 28 Stimmen.

Zur Litteratur: v. Chrismar, Genealogie des Gesamthauses B. (Gotha 1891); Maas, Geschichte