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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Chirurgenkongreß (Berlin 1891)
mit der Anwendung des Mittels zu brechen, die Erfahrungen erstrecken sich noch über einen zu kurzen Zeitraum, und jedenfalls werde sich durch die Versuche em großer Gewinn für die Wissenschaft ergeben.
König (Göttingen) steht im allgemeinen dem Kochschen Mittel hoffnungsvoller gegenüber als Bergmann; seitdem er die Behandlung mit kleinen Dosen beginnt, hat er Zustände sich bessern sehen in einer Art, wie man es früher nicht gewohnt war. Bei Patienten mit mehrfachen tuberkulösen Affektionen und bei Gelenkkranken mit großen Knochenherden ist das Tuberkulin überhaupt nicht anwendbar. Als unentbehrlich erscheint ihm das Tuberkulin bei Lupus der Mundhöhle. Aber er glaubt nicht, daß das Mittel im Sinne Kochs in der Art heilend wirkt, daß es die Gewebe nekrotisiert, sondern infolge einer Durchströmung der erkrankten Teile mit exsudatösen oder transsudatösen Flüssigkeiten, deren Gehalt an bakterienfeindlichem Serum wie an Leukocyten die Heilwirkung ausübt. Was die ungünstigen Wirkungen des Mittels anlangt, so hat auch König einen Fall gesehen, von dem er sagen muß, daß der Tod unter Umständen eingetreten ist, wie in den Fällen, von denen er behauptet hat, daß die allgemeine Tuberkulose durch die Operation einer lokalen verschuldet worden ist. Darin liegt aber kein Vorwurf, und jedenfalls steht es in dieser Beziehung mit dem Kochschen Mittel nicht schlimmer als mit dem scharfen Löffel des Chirurgen. Ähnlich günstig sprachen sich auch andre Redner aus, allgemein wurde betont, daß mit der Anwendung des Kochschen Mittels fortzufahren sei (die meisten befürworten Anwendung sehr kleiner Dosen), und daß man es mit denfrühern Operationsverfahren kombinieren soll. Kaum jemals werden nach König die Resektionen und Arthrektomien in der Weise in den Hintergrund gedrängt werden, wie es eine Anzahl von Heißspornen sich gedacht haben mag.
Senger ^Krefeld) sprach über ein in der Behandlung der chirurgischen Tuberkulose wirksames Mittel und das Wesen der Iodoformeinspritzungen.
Er glaubt ermittelt zu haben, woran es liegt, daß die Iodoformbehandlung der Gelenktuberkulose zuweilen wirksam ist und in andern Fällen nicht. Er hält dafür, daß nicht das Jodoform selbst die Heilung zuwege bringt, sondern die durch Oxydation des Jodoforms entstehende Ameisensäure. Ist nun Gelegenheit zur Oxydation vorhanden, so wirkt das Jodoform, andernfalls nicht. Daraufhin hat Vortragender mit gutem Erfolg Einspritzungen von ameisensaurem Natron und ameisensaurem Äthyläther angewandt. Jedenfalls scheint die Ameisensäure energische lokale Entzündung und unter Umständen Eiterung zu erregen. Am Schlusse sprach Rubinstein (Berlin) über Behandlung von Lokaltuberkulose durch eine Kombination der innerlichen Guajakolbehandlung teils mit chirurgischen Eingriffen, teils mit Injektionen von Iodoformglycerin in die Gelenke und in die tuberkulös erkrankten Weichteile und Knochen. Die antituberkulö'se Wirkung des Gu Q^kols wurde schon vor Jahren durch Schulter experimentell festgestellt, und jetzt konnte er sie dadurch bestätigen, daß in einem Fall von geheilter Lungentuberkulose das Kochsche Mittel keine Reaktion mehr ergab. Die von Schulter erzielten Erfolge sind besonders dadurch wissenschaftlich wertvoll, weil in vielen Fällen konstatiert werden konnte, dah die Heilung zum Teil 8 Jahre seit Abschluß der Behandlung vorgehalten hat.
In der zweiten Sitzung sprach Herzog (München) über den Rückbildungsprozeß der Umbilikalgefäße.
Dann erstattete Gurlt (Berlin) Bericht über die von dem vorjährigen Kongreß beschlossene Sammelfor schung über Chloroformnarkose. Es sind im ganzen 24,675 Fälle von Narkotisierungen gemeldet worden, darunter 22,656 mit Chloroform, 470 mit Äther, 1055 mit Ätherund Chloroform, 417 mit Äther, Chloroform und Alkohol und 27 mit Bromäthyl.
Unter den Chloroformnarkosen sind71mal Erstickungsgefahr und 6 Todesfälle vorgekommen, unter den Ntherfällen keins von beiden, unter den Atherchloro^ formfällen 5mal und unter den Ätherchloroftrmalkoholfällen 4mal Erstickungsgefahr, unter den Bromäthylfällen kein Unfall. Das Verhältnis der Todesfälle ist also beim Chloroform 1:3776, das der Erstickungsgefahr 1:319 gewesen. Bei den übrigen Mitteln verhielten sich die asphyktischen Fälle wie 1:211 (Ätherchloroform), bez. 1:104 (Ätherchloroformalkohol). Das benutzte Chloroform war meist aus Chloral bereitet. Unter 2732 Narkosen dauerten 278 eine Stunde oder länger. Die längste Narkose dauerte 3 Stunden. Der Verbrauch von Chloroform beträgt bei der gewöhnlichen Narkose durchschnittlich1 F, bei der Iuncker-Kappelerschen 0,6 ^^ auf 1 Minute. Eine Privatklinik berechnet den Durchschnitts' verbrauch auf 25 F für jeden Fall; die größte bei eine'.-Narkose verbrauchte Menge betrug 180 «-. In 6806 Fällen (14 Berichterstatter) wurden 2194mal Morphiumeinspritzungen als Unterstützungsmittel der Narkotisierung angewandt. Die Erstickungsgefahr wurde durch Anwendung der gewöhnlichen Mittel beseitigt 4mal mußte Tracheotomie ausgeführt werden. Die Erstickungsgefahr trat ein ohne Unterschied des Alters oder des Kräftezustandes der Kranken. Auf Antrag von Bruns (Tübingen) wird beschlossen, die Sammelforschung fortzusetzen. Bruns hält die Zahlen noch für zu klein, jedenfalls aber ergeben sie, daß die Erfolge der fast ausschließlich geübten Chloroformnarkose noch nicht derartig sind, um sich dabei beruhigen zu können. Er empfiehlt ausgedehntere Versuche mit der Äthernarkose. Bruns berichtete dann weiter über die Heilung eines sehr großen Cystenkropfes durch Exstirpation, Escher (Trieft) und Landerer (Leipzig) über die Radikaloperationen der Leistenbrüche, Karewski (Berlin) über Radikaloperationen großer Hodenbrüche ber Kindern im ersten Lebensalter.
In der dritten Sitzung sprach Barth (Marburg) über das Prostatasarkom. Die Krankheit hat bis jetzt immer zum Tode geführt, wie es icheint, gibt es aber Fälle, die der Operation zugänglich sind, vorausgesetzt, daß sie rechtzeitig zur Diagnose und Behandlung kommen. Landerer (Leipzig) sprach über Behandlung der Krampfadern. Er demonstrierte eine Bandage, deren mit Wasser gefüllte Pelotte auf der Vkiik ß^plikna. in^Fn^ zu liegen kommt.
Wird das Band geschlossen, so drückt die Pelotte auf die Vene, ohne daß eine zirkuläre Abschnürung stattfindet. Da die Krampfadern der untern Extremitäten durchweg dem Verbreitungsgebiete der genannten Vene angehören, so konnte der Vortragende in 80 Fällen zufriedenstellende Resultate erzielen. Die Bandage ist außerdem den Patienten bequemer und billiger als ein Gummistrumpf. Vardcleben (Berlin) setzt keine allzu großen Hoffnungen auf dieses wie auf alle andern Verfahren zur Heilung der Unterschenkelvaricen, denn erstens hängen dieselben bei weitem nicht alle mit der genannten Vene zusammen, und zweitens hat bis jetzt keins der zahlreichen, von ähnlichen Voraussetzungen ausgehenden Heilverfahren dauernde Resultate ergeben. Petersen (Kiel) sprach