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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Eisenbahnverwaltung - Eisenbau
und praktisch gründlich vorzubereiten. Überdies gehen
zu häufig davon aus, daß die zurückgelegte militärische Dienstzeit zu der Anwartschaft auf einen möglichst bequemen (Ruhe-) Posten berechtige, eine Anschauung, welche gerade mit den Anforderungen des Eisenbahndienstes durchaus unvereinbar ist. Als ein weiteres in dem vorgeschrittenen Lebensalter begründetes Bedenken wird geltend gemacht, daß die Militäranwärter zum großen Teil verheiratet, oft bereits als mehrfache Familienväter in ihren neuen Beruf eintreten. Abgesehen davon, daß hierdurch eine zweckmäßige Ausbildung und Verwendung in verschiedenen Dienstzweigen und den verschiedenen Orten vielfach behindert wird, entstehen hieraus, da der Neueintretende natürlich mit dem niedrigsten Besoldungssatz beginnen muß, häufig von vornherein Notlagen, aus welchen herauszukommen sehr schwer fällt und selten gelingt.
Als Mittel zu einer durchgreifenden Besserung dieser Verhältnisse ist im Laufe vorigen Jahres an beachtenswerter Stelle empfohlen worden, die Zivilversorgungsberechtigung auf das allernotwendigste Maß, nämlich auf die Fälle wirklicher vorzeitiger Invalidität zu beschränken und jeden Zwang zu einer an sich ungerechtfertigten Bevorzugung der zivilversorgungsberechtigten Militäranwärter zu beseitigen, wozu (bei Wegfall des Anreizes der im Heere zu erdienenden Anwartschaft auf eine Zivilstellung) zunächst eine wesentliche Aufbesserung der gegenwärtigen Besoldung der Unteroffiziere, namentlich nach längerer Dienstzeit, erforderlich sein würde, um dem Heere ein wirklich tüchtiges, den auch hier gestiegenen Anforderungen entsprechendes Unteroffizierkorps zuzuführen und zu erhalten.
Als ein fernerer Mangel der jetzigen staatlichen E. wird vielfach die gegenwärtige Organisation derselben mit ihren drei Instanzen (Ministerium als Zentralinstanz, Eisenbahndirektion [Generaldirektion] als Mittelinstanz und Eisenbahn-Betriebsamt [Oberbahnamt] als unterste [Lokal-] Instanz) betrachtet, zumal es den beiden untern Instanzen in mancher Beziehung an der zu einem schnellen und wirksamen Eingreifen erforderlichen Selbständigkeit fehlt, ein schnelles Entschließen und Handeln aber gerade im Eisenbahnwesen not thut, um den vielfach wechselnden Bedürfnissen des Verkehrs und Betriebs überall rasch genügen zu können.
Eisenbau (hierzu zwei Tafeln). Wird nach der allgemeinern Begriffserklärung unter E. im Gegensatz zum Stein- und Holzbau die Herstellung einzelner oder mehrerer zusammenhängender Bauteile aus Eisen verstanden, so hat man, insbesondere in stilistischer Beziehung, zwischen Eisen-Klein- und Großkonstruktionen zu unterscheiden. Die erstern umfassen die Herstellung einzelner Bauteile in Eisen, welche auch Stücke des Stein- oder Holzbaues sein können. Zu ihnen gehören z. B. die Säulen und Träger, die Beschläge aller Art, die eisernen Thüren und Fenster mit ihrem Zubehör, die Treppen, Gitter, Anker, First- und Turmkrönungen und sonstige Gegenstände des Kleingewerbes, im wesentlichen also die Arbeiten des Kunstschmiedes und Schlossers. Sie wurden zum Teil von alters her und besonders seit den Zeiten des Mittelalters ausgeführt, gehören dann den geschichtlichen Stilen an und sind in konstruktiver wie formaler Beziehung unter deren Gesichtspunkten zu betrachten und zu behandeln. Anders die Großkonstruktionen, d. h. die Bauwerke, welche ganz oder doch vorwiegend aus Eisen bestehen und den E. im engern Sinn ausmachen. Sie find durchaus ein Produkt der neuern Zeit (wenn diese begrenzt werden soll, des gegenwärtigen Jahrhunderts) und bilden in der Architekturentwickelung desselben eins der wichtigsten und interessantesten Kapitel. Vielfach wird sogar der Satz aufgestellt, daß der E. vor allem berufen sei, der Neuzeit ihren Stil zu geben. Inwieweit dies der Fall, ist für den in der Zeit Stehenden schwer zu entscheiden. Zweifellos sind die durch die Programme der neuern großen Kulturbauten bedingten Eisenkonstruktionen berufen, einen bedeutenden Einfluß auf die Stilbildung auszuüben. Mit Vorsicht aber ist jener Satz aufzunehmen. Durch eine der wesentlichsten Eigenschaften des Eisens, seine verhältnismäßige Masselosigkeit, werden der formalen Ausbildung des Eisenbaues fast unüberwindliche Schwierigkeiten bereitet. Man hat sich über dieselben hinweggesetzt, indem man die überkommenen Formen des Stein- und Holzbaues in Eisen nachahmte. Eine gesunde Bauweise aber kann das nicht genannt werden; denn für eine solche gilt nach dem Stande der Erkenntnis allgemein das Gesetz, daß die Gestaltung der Kunstform abhängig sein muh von dem Wesen, den Eigenschaften des Materials, aus dem sie gefertigt ist. Bei der Durchführung dieses eigentlichen Materialstils hat man für den E. zwischen den beiden Haupteisenarten, die bei ihm in Betracht kommen, zwischen dem Guß- und Schmiedeeisen zu unterscheiden. Für das Gußeisen wird man sich noch eher an die Formen des Stein- und Holzbaues, insbesondere des erstern, halten dürfen, weil es dem Wesen des Gußeisens durchaus entspricht, in Gestalt hohler Massenstücke, wenn auch unter gewissen, von der Gußtechnik abhängigen Einschränkungen, in jede beliebige Form gebracht zu werden. Charakteristischer freilich sind diejenigen Gußeisenbildungen, welche man als Wandstücke bezeichnet, z. B. Platten aller Art, kreuzförmige Stützen, Barren mit Flantschen u. dgl. m., Stücke also, die aus einer oder mehreren dünnwandigen Flächen bestehen und die allein oder zusammengesetzt, aber, nicht unter Bildung von Hohlräumen auftreten. Für sie kann die Stein- oder Holzform nicht mehr vorbildlich sein und mit ihrer Ausgestaltung ist ein Schritt vorwärts in der Entwickelung des Eisenbaues gethan. In weit höherm Maße gilt dies vom Schmiedeeisen, welches auch in der neuesten Zeit die bei weitem bedeutendere Rolle spielt. Seine Formen müssen, weil seine Herstellung an bestimmte Temperaturzustände gebündelt ist, also schnell erfolgen muß, zunächst einfach sein. Bei Handarbeit sind aus gleichem Grunde gewisse Zufälligkeiten für die Formgebung bezeichnend. Ganz besonders wichtig für die Gewinnung guten, homogenen Schmiedeeisens ist dann aber seine Herstellung in geringen Dicken. Hieraus und aus Rücksicht auf die beim E. in der Regel nach dem Gewicht berechneten Kosten folgen die erwähnten formalen Schwierigkeiten der Masselosigkeit. Der Materialüberschuß welcher bei andern Baustoffen aus Schönheitsrücksichten gegeben werden darf, wird hier verschwindend klein, und damit verliert die Schmuckform ihren Boden. Auf diese wird also beim reinen E. thunlichst zu verzichten, seine Schönheit vornehmlich in der Wirkung im großen, in der allgemeinen Anordnung der Großkonstruktion, in der Kühnheit und Schönheit der Linienführung des Werkes zu suchen sein. Es gilt dies besonders von den einschlägigen Eisenbauten des Ingenieurwesens, den Brücken, welche jetzt fast nur noch in Schmiedeeisen und ihm verwandten Eisenarten,