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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Englische Litteratur 1890-91 (Ästhetik etc.)

zahlreichen frühern Werken »The Rogue« besonders bemerkt wird, ist auf seiner novellistischen Laufbahn zu einer höhern Stufe aufgestiegen. Wir haben zwei neuere Bücher von ihm zu verzeichnen: »Jack's father, and other stories« und »Marcia«. George MacDonald fährt fort, Moralpredigt mit Liebesgeschichte zu verbinden; diesmal heißt es »There and Back«; ohne Verdienst sind seine offenbar für die »reife weibliche Jugend« berechneten Sachen nicht. Den Leser zu spannen weiß G. A. Henty, ein gewandter alter Kriegskorrespondent, in »A hidden foe«; es handelt sich darum, Beweise für eine angezweifelte Heirat zu finden, man muß deshalb nach Australien reisen, und nun hat man Abenteuer, Liebe und heroische Handlungen in Hülle und Fülle; analysiert wird dabei nicht, es geht alles Schlag auf Schlag. Aus Australien selbst kommt zu uns »A Sydney-side Saxon« von dem noch Pseudonymen Ralf Boldrewood, den wir schon im Vorjahr als Apostel neuentstandener Litteratur des jüngsten Weltteils zu verzeichnen hatten; er arbeitet ein wenig rasch, und seine Lebensanschauung ist durchweg optimistisch, wie es sich wohl für jene aufblühende Welt schicken mag. Persönliche Erlebnisse aus der wilden Ferne verwertet auch Arthur Paterson, den wir ebenfalls im vorigen Jahr zuerst erwähnten. Er bringt dieses Jahr »A Partner from the West« und »The daughter of the Nez Percés«, mit welchen Rothäuten der Verfasser viel verkehrte. In »The Philadelphian« von dem Parlamentsmitglied Louis Jennings spielt sich die aufgeregte Zeit vor und kurz nach dem amerikanischen Bürgerkrieg ab; zwei Helden hat das Buch, und sie gehören den beiden feindlichen Lagern an; die Situation gibt dem geschickten Verfasser Gelegenheit zu feiner Charakterzeichnung, und der Schrecken jener Tage ist mit kräftigen Zügen gezeichnet. Ein kaum je berührtes, vielleicht seit Victor Hugos »Bug Jargal« nicht mehr angebautes Feld betritt der auch sonst günstig bekannte Manville Fenn mit »Mahme Nousie«, in welchem das Leben der frei gewordenen Neger und Mulatten von Haiti geschildert wird, mit interessanten Seitenblicken auf den Wududienst, den alten Schlangenkultus, der neben dem von außen aufgenommenen Christentum üppig fortwuchert.

In die englische Heimat kehren wir mit »The trial of Parson Finch« zurück. Der Verfasser, Somerville Gibney, ein neuer Schriftsteller, bewegt sich in einer längst vergangenen Atmosphäre; er erinnert uns durchaus an den »Landprediger von Wakefield«, und es liegt in der altfränkischen Weise etwas Anheimelndes, während die Geschichte uns in durchaus anziehender Weise erzählt wird, in gesundem Sinn für gesunde Leser. Vielleicht stellen wir am besten hier gleich und ohne Kommentar dem Buch das neueste der Frau Braddon gegenüber: »Gerard, or the World, the Flesh and the Devil«. Der geistliche Herr Baring-Gould fügt seinen zahlreichen frühern Arbeiten »Urith« bei. Er weiß die Kost, die er seinen Lesern vorsetzt, immer schmackhaft zu machen; diesmal haben wir es mit einer originellen Frauennatur zu thun, die einen deutschen Leser an die »Geier-Wally« erinnern mag. Die wildschöne Gegend von Dartmoor, das wüste Treiben des dortigen Landadels vor 200 Jahren, der politische Zwiespalt, der lebendige Aberglaube der Bevölkerung jener abgelegenen Gegend bilden für die Geschichte einen eindrucksvollen Hintergrund. Frau Humphry Ward hat ihrem freireligiösen Roman »Robert Elsmere« ein ähnliches Buch: »The history of David Grieve«, folgen lassen, auch eine Gesellschaft zur Verbreitung ihrer Ansichten gestiftet. Eine Dame, deren Name auf anderm Feld viel genannt worden, Lady Colin Campbell, die Schwiegertochter des Herzogs von Argyll, die selbst viel erlebt, tritt nun auch in die Litteratur ein mit dem ziemlich günstig aufgenommenen Roman: »Darell Blake«. Ein andrer Neuling ist Frau F. H. Williamson mit »A Child Widow«. Fergus Hume, ein Australier, dessen »Mystery of a Hansom cab« vor einigen Jahren auf der Bühne einen großen Sensationsspektakel verursachte, hat sich mit »Whom God has joined, or a question of marriage« auf einen höhern Standpunkt geschwungen, und es darf von seinem unzweifelhaften Talent noch mehr erwartet werden. James M. Barrie (s. d.), bisher nur durch kurze humorvolle Schilderungen aus seiner schottischen Heimat bekannt, tritt mit »The little Minister« auf den Plan des dreibändigen Romans. J. H. Shorthouse, dessen »John Inglesant« vor einigen Jahren einen großen Erfolg errungen, brachte »A teacher of violin, and other stories« und »Blanche Lady Falaise«. Die Enkelin eines großen Schriftstellers, Fräulein Mary Angela Dickens, hat mit »Cross currents« freundliche Aufnahme gefunden.

Die in Frankreich so häufige Autorengemeinschaft findet sich seit einigen Jahren bisweilen auch im englischen Roman. Wir nennen zwei so entstandene Bücher. »He fell among thieves« von Christie Murray und Henry Herman, von denen der erstere durch selbständige Werke längst bekannt ist, erzählt uns, dramatisch bewegt und mit vielem Humor, eine Gaunergeschichte. In »My face is my fortune« (der Titel ist ein Vers aus einem artigen englischen Volkslied) von F. C. Philips und Percy Fendal wird mit vielem realistischen Beiwerk die Geschichte eines hübschen Mädchens erzählt. Als wir zuerst ihre Bekanntschaft machen, singt und tanzt sie um das tägliche Brot in der Bude des Concert algérien, dann wird sie eine Lady, hat zwei Ehemänner, und wir scheiden von ihr, da sie ein jährliches Einkommen von 8000 Pfd. Sterl. besitzt, woraus hervorgeht, daß die Tugend wirklich sich bisweilen recht gut rentiert. Denn es wird uns nicht erlaubt, die reine Keuschheit der Heldin einen Augenblick zu bezweifeln.

Ein Inder, D. Chanda Menon, hat in »Induleka« die Form eines Romans erwählt, um uns mit den Sitten seiner Landsleute vertraut zu machen. Er gehört Südindien und dem nicht-arischen Teil der Bevölkerung an. Das Buch ist in Madras erschienen.

Ästhetik, Kritik, Litteraturgeschichte.

Auf diesem Gebiet ist dieses Jahr wenig zu verzeichnen, und das Wichtigste ist das Buch eines Franzosen, der seine diplomatische Verbindung mit England zu gründlichem Studium der englischen Litteratur benützt hat. In »Deux gentilhommes-poëtes de la cour de Henry VIII« behandelt Edmond Bapst den Georg Boleyn, Lord Rochford, Bruder der unglücklichen Anna Boleyn, und Henry Howard, Grafen von Surrey, seinen Zeitgenossen (1517-47), ebenfalls hingerichtet, den ersten, der in England den blank verse schrieb, und einer der beiden ersten (Wyatt war der andre), die das Sonett aus dem Italienischen herübernahmen. Der Buchhändler C. Kegan Paul, kürzlich von Freidenkerei zum Katholizismus übergegangen, hat in »Faith and unfaith« über den »English prosestyle« über »Production and life of Books« und verwandte Gegenstände recht Lesenswertes geschrieben. Joseph Jacobs hat sich in