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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Geldmarkt und Börse 1890/91
suchungen von Bannister und Kekkter, Ärzten am Asyl für Geisteskranke in: Staate Illinois (Vereinigte Staaten von Nordamerika), kommen unter den Angehörigen der weißen Rasse die mit geistiger Depression einhergehenden Gemütskrankheiten häufiger bei Deutschen und Skandinaviern vor als bei den Völkern von keltischer Abstammung. Für jene Formen von Geisteskrankheiten, die mit geistiger Aufregung Hand in Hand gehen, gilt aber das gerade Gegenteil. Die progressive Paralyse findet sich bei allen Völkern und wird durch Rasse und Nationalität in keiner Weise beeinflußt. Daß in Amerika geistige Störungen unter den Eingewanderten viel häufiger vorkommen als unter den in Amerika Gebornen, beruht in erster Linie auf der Veränderung der Lebensweise und Umgebung, auf den Zufällen und Heimsuchungen aller erdenklichen Art, denen die Einwanderer ausgesetzt sind, nicht minder auf dem Heimweh.
Geldmartt und Börse'(bis Herbst 1891). Die Börse befindet sich in einer Krisis, und zwar in einer solchen, welche sich langsam entwickelt und fortschreitet und eine rasche Ausscheidung aller unsoliden Elemente daher nicht gestattet. In den Wirkungen kommt diese Krisis aber jeder andern gleich. Wir müssen, um das Wesen derselben kennen zu lernen, auf die 1890 und früher stattgehabten Erscheinungen zurückgreifen. Der Kapitalzins war in einem ununterbrochenen Rückgänge geblieben; er war allmählich von 4^2 auf 3^/2 Proz. für erste Sicherheiten gesunken, aber nicht allein durch das Übergewicht des Kapitalangebots, sondern auch durch die Wechselwirkung der Verhältnisse. Noch vor wenigen Jahren mußten einige nicht voll kreditwürdige Staaten für ihre Anleihen Zinsen von einer Höhe zahlen, welche der Finanzlage und andern maßgebenden Verhältnissen entsprach. Österreich-Ungarn und Rußland waren die ersten Staaten, deren Finanzen eine so durchgreifende, günstigere Gestaltung erfuhr, daß die Defizits im Staatshaushalt verschwanden. Insbesondere hat in Rußland die Zunahme der Ausfuhr wesentlich zu dieser Umgestaltung beigetragen. Durch die Konvertierung der Anleihen allein schon konnte in diesem Lande eine Ersparnis von vielen Millionen Rubel erzielt werden.
Das Publikum trug dieser Umgestaltung Rechnung und betrachtete österreichisch-ungarische und russische Staatspapiere als vollständige Sicherheit. Die Rente aus denselben ging in höherm Grade zurück als die der deutschen, bez. preußischen Anleihen, welche bis jetzt nur vorübergehend an den deutschen Börsen Zu Spekulationszwecken gedient hatten. Die Konvertierungen wurden im allgemeinen unter Bedingungen durchgeführt, welche die Kapitalisten annehmbar fanden. Zwar soll die Höhe des Zinsfußes fich nach der Güte des betreffenden Papieres richten; doch war die Vertrauensseligkeit des Publikums so groß, daß der Kurs bei vielen Papieren über den Satz hinaus stieg, welcher einer schärfern wirtschaftlichen Bemessung entsprochen hätte. Hierbei war vorzüglich das Bestreben wirksam, die durch die Konvertierungen erlittenen Verluste wieder einzubringen, welches auch die Nachfrage nach Papieren von zweifelhafter Sicherheit erhöhte. Die betreffenden, besonders die südamerikanischen Staaten wußten diese Vertrauensseligkeit nach Kräften auszunutzen, bis endlich die Krisis zum Ausbruch kam.
Die äußere Veranlassung lag in den Engagements des Hauses Baring Brothers in London. Dieselben waren so bedeutend, daß ein vollständiger Zusammenbruch dieses Hauses hätte erfolgen müssen, wenn
nicht die englische Bank helfend eingetreten wäre.
Die letztere stützte sich dabei auf eine Garantie für die Deckung der Verpflichtungen seitens erster Londoner Firmen. Diese Hilfeleistung wurde später mittelbar die Ursache der mißlichen Lage, in welche fast alle europäischen Börsen gerieten. Zwar wurde der Fall des Hauses Baring verhindert, aber trotzdem konnten die vollständig verfahrenen argentinischen Verhältnisse nicht zur Ausgleichung gebracht werden; die Folge hiervon war, daß sich Argentinien bankrott erklären mußte. Staat und Private hatten fich eine Schuldenlast aufgeladen, deren Zinsen sie nicht auf-I zubringen vermochten. Die Hypothekenbanken gaben! Cedulas in solchen Mengen aus, daß eine Überflu^ tung entstand und das Aufgeld auf Gold bis über 300'Proz. stieg. Die Goldschulden hatten sich also vervierfacht. Andre südamerikanische Staaten folgten in demselben Fahrwasser, aber in weniger großer
Ausdehnung.
Auch die Finanzverwaltung einiger europäischer Staaten war nicht günstig gewesen, infolge davon entwickelte sich ein allgemeiner Kurssturz um viele Prozente, von welchem besonders portugiesische, spanische und griechische Papiere betroffen wurden. Dem Übermaß an Vertrauen folgte nun eine Periode der Vertrauenslofigkeit, welche schließlich auch Wertpapiere traf, die als solide gelten mußten.
Hierzu kam die Änderung in der Lage des Edelmetallmarktes, welche besonders durch die Umgestaltung in der Münzgesetzgebung der Vereinigten Staaten von Nordamerika bedingt wurde, aus welchem Lande nun Gold in großem Umfange abfloß, bis in neuester Zeit infolge der Ernteverhältnisse sich eine entgegengesetzte Strömung entwickelte.
Mittels mannigfacher Operationen sind sehr bedeutende Posten Gold aus den Vereinigten Staaten nach Europa ausgeführt worden; Deutschland, Frankreich und Großbritannien haben einen großen Teil erhalten. Die deutsche Reichsbank gibt leider in ihren Übersichten Gold und Silber nicht getrennt an, es ist deshalb nicht möglich, den Anteil des Goldes an ihrem Barvorrat genau mitzuteilen. Es ist aber bemerkenswert, daß im Verkehr jedermann die deutsche Reichsbanknote als den Repräsentanten der vollen Summe Gold anerkennt. Der Metallvorrat der deutschen Reichsbank stellte sich 15. Aug. 1891 auf 931,617,000 Mark. Die Bank von Frankreich, deren Goldvorrat unter die Höhe des Silbervorrates gefallen war, hat den erstern in solcher Weise vermehrt, daß er nun auf mehr als 52 Proz. des gesamten Metallvorrates gestiegen ist. Der Goldvorrat der englischen Bank hat sich am 1. Juli auf 28 Mill.
Pfd. Sterl., und zwar gegen den 6. Mai um 7 Mill.
Pfd. erhöht. Dies verdankt die Bank in erster Linie den Vereinigten Staaten und dem Ansatz höherer Kaufpreise für Gold feitens der englischen Bank.
Der Metallvorrat der deutschen Reichsbank war 15. Aug. 1891 u:n 106 Mill. Mk. größer als im Vorjahr. Dieses Plus besteht ganz und gar aus Gold, weil es fich aus den Zuflüssen aus fremden Ländern, besonders aus London und den Vereinigten Staaten, gebildet hat. Das Verhältnis des Goldes zum Silber hat sich also, weil der Vorrat an Thalerstücken sich gleich geblieben ist, günstiger gestaltet. Wird der Vorrat in Thalerstücken auf 250 Mill. Mk. geschätzt, dann waren 15. Aug. rund 575 Mill. Mk. oder 69,69 Proz. des gesamten Metallvorrates, 61,09 Proz. des Notenumlaufs und 44,85 Proz. aller täglich fälligen Verpflichtungen mit Gold bedeckt. Das sind jedenfalls fehr günstige Zahlen.