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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Gerber - Geschmackssinn
die Wärme leicht leitenden Steinsalzlager zu Sperenberg die g. T. zu 32 m bestimmt wurde, während sie in Schladebach bei schlecht leitendem Untergrund 36,3 m betrug. Soweit unmittelbare Beobachtungen vorliegen, folgt die g. T. einer einfachen arithmetischen Reihe, ändert sich also gleichmäßig mit der Tiefe. Weil aber die Tiefe selbst für das tiefste Bohrloch immer nur einen sehr kleinen Teil des Erdradius beträgt (die Tiefe des Schladebacher Bohrloches übersteigt zwar die Höhe der Schneekoppe, ist
aber nur --^ des Erdradius), so bleibt es zweifelhaft, ob dieses Gesetz für die Zunahme der geothermischen Tiefenstufe auch für größere Tiefen in unveränderter Weise gilt, und deshalb können die nach diesem Gesetz für größere Tiefen berechneten Temperaturen nur als hypothetische angesehen werden.
Wenn aber die Temperatur nach demselben Gesetz wie in den Bohrlöchern auch weiter zunimmt, so würde sich ergeben, daß die höchste Gluthitze der Hoch' öfen, die etwa W50" beträgt, in einer Tiefe von 104,708 in oder 14,i geogr. Meilen stattfinden müßte. Dabei ist freilich noch zu beachten, daß der Schmelzpunkt aller Substanzen durch den Druck der darauf lastenden obern Erdschichten heraufgerückt wird, und daß daher Gesteine und Metalle, welche bei einer bestimmten Temperatur in unsern Hochöfen schmelzen, im Innern der Erde selbst bei einer höhern Temperatur fest bleiben können.
Gerber, 2) Karl Friedrich von, sächs. Ministerpräsident und Kultusminister, starb 23. Dez. 1891 in Dresden.
Gerlach, 1) Leopold von, preuß.General. Seine Tochter gab »Denkwürdigkeiten aus dem Leben Leopold von Gerlachs« heraus, deren erster Band (Verl. 1891) bis 1852 reicht.
Gerrhmander (iftr. gherrimänder), eine Einteilung des Staates in politische Wahlbezirke, die darauf berechnet ist, der am Nuder befindlichen Partei den Wahlsieg zu sichern, so genannt nach Gerry, 1811 Gouverneur von Massachusetts (Vereinigte Staaten).
Geschmackssinn. Nach dem von Joh.' Müller aufgestellten Prinzip derspezifischen Energieder Nerven erklärt man bei gewissen Sinnesorganen die verschiedenen Qualitäten der Empfindung, also z. B. die Fähigkeit, verschiedene Farben wahrzunehmen, verschiedene Tonhöhen zu unterscheiden, in der Regel durch die Annahme spezifischer, in dem betreffenden Sinnesnerv nebeneinander befindlicher Nervenfasern. Diese Annahme hat beim Gesichtssinn zu der Aufstellung dreier Fasergattungen der Sehnerven, einer rot empfindenden, einer grün und einer violett empfindenden, geführt (Joung-Helmholtzsche Farbentheorie); ebenso soll der Hörnerv sich aus Fasern zusammensetzen, die auf die in das Bereich unsers Hörens fallenden Töne gewissermaßen abgestimmt sind. Für die durch die Haut vermittelten Empfindungen des Druckes, der Wärme und der Kälte haben neuere Untersuchungen von Blix und von Goldscheider wahrscheinlich gemacht, daß diesen einzelnen Empfindungen nicht nur spezifische Nervenfasern entsprechen, sondern daß die Endigungen derselben in der Haut sogar räumlich voneinander getrennt sind. Es gelang den genannten Beobachtern nämlich, festzustellen, daß" gewisse Hautpunkte zwar deutlich Druckreize zu empfinden im stände find, daß sie dagegen keine Empfindlichkeit für Temperaturen besitzen, während andre lediglich auf Kältereize, noch andre ausschließlich auf Würmereize reagieren.
Eine solche räumliche Trennung der spezifischen
Nervenelemente hat kürzlich Holmgren auch für die Endigungen des Sehnervs in der Netzhaut beweisen zu können geglaubt. Aus ähnlichen Gesichtspunkten sind die Untersuchungen hervorgegangen, die Oehrwall über den G. angestellt hat. Derselbe hat versucht, die Geschmack empfindenden Papillen der Zunge mit schmeckbaren Substanzen verschiedener Art gewissermaßen abzutasten. Er benutzte bittere, saure, sühe und salzige Lösungen, die er vermittelst eines Pinsels unter Leitung eines Vergrößerungsspiegels auf beschränkte Stellen der Zunge auftrug. Es zeigte sich nun in der That, daß die verschiedenen Papillen unter sich nicht gleichwertig sind, daß die einzelnen, obwohl für den einen Geschmacksreiz zugänglich, andern gegenüber unempfindlich sind. Von 98 Papillen reagierten:
auf Weinsäure, aber nicht auf Zucker
Zucker
Weinsäure
Chinin
Zucker
Chinin
Weinsäure
Chinin . Weinsäure
Chinin . Zucker .
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?
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7
Die Versuche mit gesättigten Kochsalzlösungen ergaben unsichere Resultate. Die Ergebnisse des Verfassers zusammen mit gewissen frühern Erfahrungen scheinen geeignet zu sein, die Annahme einer Existenz spezifisch verschiedener Geschmacksfasern zu stützen; ob sich aber, ähnlich wie beim Gesichtssinn die Fülle der verschiedenen Farbenempfindungen aus Kombinationen der drei Grundempfindungen, die so ungemein mannigfaltigen Geschmacksempfindungen aus einer beschränkten Anzahl von Grundgeschmäcken werden herleiten lassen, ist noch die Frage. Auf weit größere Schwierigkeiten würde man indessen stoßen, wenn man für jede der möglichen Geschmacksempfindungen eine spezifische Nervenfaser-Kategorie postulieren wollte. Oehrwall hat auch den sogen, elektrischen Geschmack untersucht, d. h. die Geschmacksempfindung, die infolge elektrischer Reizung der Zunge einzutreten pflegt; er fand auch dabei die Annahme verschiedenartiger, spezifischer Nervenendigungen bestätigt.
Auch Hermann und Laserstein haben den elektrischen Geschmack zum Gegenstand einer neuen Untersuchung gemacht. Die am positiven Pol eintretende Geschmacksempfindung finden sie, wie allgemein zugegeben wird, deutlich sauer, die am negativen Pol deutlich laugenhaft, etwas bitterlich. Die Stromstärke, die zur Erregung des Geschmacksorgans ausreicht (Schwellenwert des Reizes), ist nach ihren Beobachtungen außerordentlich gering; zur Erzeugung der sauern Geschmacksempfindung genügte nämlich ein Strom von nur ^/i56 Milli-Ampere. Mit andern Sinnesorganen verglichen, ist demnach die Erregbarkeit des Geschmacksorgans sehr hoch; Auge und Haut werden erst bci viel größerer Stromstärke erregt. Wie schon Volta und Joh. Müller wußten, tritt der saure elektrische Geschmack selbst durch alkalische Flüssigkeiten hindurch auf. Hermann und Laserstein konnten dies bestätigen; sie fanden ihn noch deutlich, wenn die Zunge vorher mit Sodalösung oder mit Zucker, Chinin, Salzsäure bestrichen worden war. Dagegen vermag der alkalische Geschmack des negativen Poles andre gleichzeitige Geschmäcke nicht zu durchdringen. Cocain, welches bekanntlich diö Empfindungsnerven der Haut lahmt, scheint in der Regel die gesamte Geschmacksfunktion der Zunge aufzuheben; der saure Geschmack und damit auch der durch Aufsetzen des positiven Poles bewirkte scheint sich bei der Cocainisierung am längsten zu erhalten.