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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Höhere Lehranstalten (Reform in Preußen)
, 2) Für die Verbindung van Realgymnasium und laceinloser Realschule kann bis aus weiteres der Lehrftlan des Realgymnasiums und der Realschule nach dem sogen. Altonaer System zugelassen werden unter der Bedingung, daß die Zahl der Wochenstundeil der einzelnen Klassen die der Realschule, bez. des Realgymnasiums nicht übersteigt, daß demgemäß die Stundenzahlen fur einzelne Fächer entsprechend herabgeseht werden, und daß das Turnen die vorgesehene Vermehrung erfährt. Wegen d.s Zeichnens in der Realschule gilt dasselbe wie zu v. Zur Einführung dieser Form ist die Genehmigung der Aufsichtsbehörde erforderlich.
Schon aus diesen Tabellen geht hervor, daß die neuen Lehrpläne in den meisten Lehrfächern dem Bisherigen entsprechen oder nahe bleiben. Nur der Unterricht im Lateinischen (Gymnasien und Real' gymnasien) und im Französischen (Realgymnasien! und Oberreal-, bez. Realschulen) ist erheblich ver- z kürzt. Dies hat, geschichtlich angesehen, für die verschiedenen Anstalten auch sehr verschiedene Bedeutung. Die Oberrealschulen und Realschulen, diese seit 1882 höhere Bürgerschulen genannt, sind! überhaupt in der gegenwärtigen Gestalt erst 1882 in die Reihe der als solche anerkannten höhern Lehranstalten eingetreten. Die Verkürzung des Französischen um 9 Wochenstunden trifft hier die drei Unterklassen mit je 2 und die drei Oberklassen (der Oberrealschule) mit je 1 Stunde. In den Realgymnasien ist das Lateinische, dessen wöchentliche Stunden-Zahl 1882 um 10 erhöht war, wieder auf den alten Stand zurückgeführt, das Französische nur unerheblich eingeschränkt. Wesentlich ist der Ausfall in den alten Sprachen für die Gymnasien, wo das Lateinische etwa 20, das Griechische etwa 10 Proz. der bisherigen Stunden verliert. Diese Thatsache ist um so gewichtiger, da beide Sprachen bereits 1882 verloren haben, so daß gegen den bis dahin geltenden Lehrplan von 1856 jetzt das Lateinische um etwa 29 Proz., das Griechische mn etwa 15 Proz. der einstmaligen Stunden zurücksteht. Es erhellt, daß diese Anstalten und sie allein in dein betroffen sind, was bisher für sie als wesentlich und eigentümlich galt. Es muß dem gegenüber aber beachtet werden/daß der leitende Gesichtspunkt für den lateinischen Unterricht nach den neuen Lehrplänen ein wesentlich andrer geworden ist. Im Lehrplan von 1882 standen >> Sicherheit in der lateinischen Formenlehre und Syntax und Fertigkeit, die lateinische Sprache innerhalb des durch die Lektüre bestimmten Gedankenkreises schriftlich mit einiger Gewandtheit zu verwenden« gleichberechtigt neben der Fähigkeit zur Lektüre der dem Bildungsgrade der Schüler zugänglichen bedeutendsten Werke der klassischen Litteratur. Im neuen Lehrplan heißt es unzweideutig: »Grammatik und die dazu gehörigen Übungen sind fernerhin nur noch als Mittel zur Erreichung des bezeichneten Zweckes (d. h. der Vorbereitung auf ein gründliches Verständnis der Schriftsteller und der sprachlich logischen Schulung) zu behandeln«. Demgemäß wird in den angehängten Erläuterungen und Ausführungsvorschristen ausdrücklich erklärt, daß am Gymnasium der Wegfall des früher geforderten lateinischen Aufsatzes Verzicht auf stilistische Fertigkeit im bisherigen Umfange bedeute, »ein Verzicht, welcher ohnehin durch die abnehmende Wertschätzung des praktischen Gebrauchs des Lateinischen und die auch in Gelehrten- und Lehrerkreisen abnehmende Fertigkeit darin bedingt war .. Der einzige Unterrichtszweig, dem vom Abzug des Lateinischen eine erheblichere Stundenzahl zugefallen, ist das Deutsche. Der Unterricht im Deutschen wird demgemäß neben dem in der Religion und der Geschichte als der ethisch bedeutsamste im Organismus der höhern Lehranstalten und die ihm gestellte Aufgabe als ebenso schwierig wie wichtig bezeichnet. Er soll noch mehr als bisher im Mittelpunkt betz ^knnn Nnvevrichts stehen und im
Bewußtsein seiner besondern Aufgabe, den vaterländischen Sinn und den nationalen Gedanken zu pflegen, sich eng mit dem Geschichtsunterricht zusammenschließen. Nach Verhältnis bedeutend ist endlich ancy und vor allem die Vermehrung der Turnstunden von 2 auf 3 in der Woche.
Das Neue in den Lehrplänen von 1892 beschränkt sich jedoch nicht auf das, wovon die Ziffern zeugen.
Darüber hinaus ist noch ein Dreifaches hervorzuheben: der Nachdruck, den die Lehrpläns durchweg auf die erziehliche Aufgabe der höhern Schulen legen, die Gesichtspunkte für die Bemessung der Hausaufgaben, die Gliederung der höhern Schulen in Unter- und Oberbau durch die Abschlußprüfung nach dem 6. Schuljahr.
In Bezug auf die erziehliche Aufgabe der Schulen genüge die Allführung einer Stelle aus den Erläuterungen: Soll die Schule auch nach dieser (der erziehlichen) Seite ihre Aufgabe lösen, so hat sie auf äußere Zucht und Ordnung zu halten, Gehorsam, Fleiß, Wahrhaftigkeit und lautere Gesinnung zu pflegen und aus allen, besonders den ethischen Unterrichtsstoffen fruchtbare Keime für die Charakterbildung und tüchtiges Streben zu entwickeln. Indem so der jugendliche Geist mit idealem, sittlichem Gedankeninhalt erfüllt und sein Interesse dafür nachhaltig angeregt wird, erfährt zugleich der Wille eine bestimmte Richtung nach diesem Ziele Die dem Lehrer damit gestellte Aufgabe ist eine ebenso schwierige wie lohnende und muß immer von neuem zu lösen versucht werden. Daß dabei ein liebevolles Eingehen auf die Eigenart des Schülers notwendig ist, erscheint selbstverständlich. Erste Voraussetzung für eine auch nur annähernde Lösung der Aufgabe, zumal unter den heutigen Verhältnissen und in den meist überfüllten Klassen ist eine ernste und gewissenhafte Vorbereitung des Lehrers auch auf seinen Erzieherberuf. Wie der angehende Schulmann jetzt zu einein methodischen Unterricht angeleitet wird, so wird er auch für seine erziehliche Aufgabe durch Benutzung aller auf der Universität und in der praktischen Vorbereitungszeit gebotenen Hilfsmittel sowie durch eigne Beobachtung und Übung sich mehr und mehr selbst befähigen müssen. Daß sein Beispiel in erster Linie von entscheidendem Ginfluß auf seinen Erfolg ist, hat er sich stets gegenwärtig zu halten. Eine weitere Voraussetzung ist, daß das gesamte Lehrerkollegium einmütig nach demselben Ziele hinstrebt und so dem Geiste der Schule eine bestimmte Richtung gibt. Nicht minder hängt die Erreichung dieses Zieles von der Stärkung des Einflusses und der gesamten Wirksamkeit des Klassenlehrers gegenüber dem Fachlehrer besonders auf den mittlern und untern Klassen ab. Die jetzt vielfach vorkommende Zersplitterung des Unterrichts auf diesen Stufen unter zu viele Lehrer ist ein Hindernis für jede nachhaltige erziehliche Einwirkung, ebenso der oft von Stufe zu Stufe eintretende Wechsel des Klassenlehrers.^
Für die Hausaufgaben sind in einem eignen Anhange folgende Gesichtspunkte aufgestellt und aufz die einzelnen Stufen und Fächer des Unterrichts angewandt: 1) Alle Hausarbeiten dienen lediglich entweder der Anleitung zu Ordnung und Saubsri keit (Reinschriften) oder der Aneignung des unent-