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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Innere Medizin (10. Kongreß, Wiesbaden 1891)
siert durch den aussirablcnden Schmerz unterder Mitte des Brustbeins und das sich mit ihm verbindende Angst-oder Vernichtungsgefühl, von denen das letztere sich nicht selten bis zu der Empfindung des unmittelbar bevorstehenden Todes steigert. Bezüglich der Intensität der einzelnen Erscheinungen und ihrer Konstanz zeigen sich große Abweichungen, nicht minder in der Dauer, Häufigkeit und dem Ausgang der einzelnen Anfälle. Dieselben können sich auf Sekunden, Minuten beschränken, auch über Stunden ausdehnen.
Nicht selten endet gleich der erste Anfall kurze Zeit nach seinem Entstehen tödlich, es werden aber auch bei zweckmäßiger Lebensweise und rationeller Therapie jahrelange Pausen beobachtet. Ausgelöst werden die Anfälle durch bestimmte Gelegenheitsursachen, wie Muskelbewegungen, Überfüllungen des Magens, Kälte, Exzesse :c. Zur Erklärung der Angina nahm Parry einen plötzlich zunehmenden Schwächezustand des Herzens an, welcher infolge der bestehenden ungenügenden Zirkulationsverhältnisse die Leistungsfähigkeit des schon geschwächten Organs auf ein Minimum herabdrückt. Dadurch kommt es zu einer abnormen Blutansammlung in den Herzhöhlen, und die hiermit Hand in Hand gehende Spannungszunahme der Herzventrikelwände soll, indem sie eine direkte Reizung, resp. Zerrung und Quetschung der sensibeln und motorischen Nervenelemente in der herzwand zur Folge hat, die Symptome des Anfalls auslösen. Potain erklärte dagegen die Erscheinungen des Anfalls aus einem anomalen Zustand von Blutleere des Herzmuskels und vergleicht sie mit den Symptomen, die man bei gehemmter, aber nicht vollständig unterbrochener Blutzufuhr unter Umständen auch an den Extremitäten beobachtet. Nicht zu verwechseln ist die echte Angina mit der Pseudoangina. Unter dieser versteht man aus sehr verschiedenen Ursachen entspringende Herzsymptome, welche nicht auf schweren organischen Läsionen des Gefäßapparates beruhen, sondern mit wenigen Aus' nahmen in die Kategorie der rein funktionellen Störungen gehören. Die Mehrzahl dieser Umstände zeichnet sich von vornherein durch das Vorwalten des neuralgischen Charakters der Anfälle aus, und selbst da, wo zugleich schwere Ovpressionszustä'nde wahrgenommen werden, pflegen dieselben nur sehr selten init dem die wahre Angina kennzeichnenden Gefühl des bevorstehenden Todes verbunden zu sein. über Diagnose, Vorhersage und Behandlung der Brust bräune sprach Vierordt - Heidelberg. Er hob die Schwierigkeiten hervor, die ^ii^in^ peetorig gegen das ^8tkmH eonliaie und besonders gegen andre anfallweise auftretende Herzkrankheiten abzugrenzen sowie die verschiedenen Formen der Angina zu unterscheiden. Nicht minder schwierig ist die Prognose, da der Verlauf der Krankheit ein durchaus schwankender ist. Bei der Behandlung des Anfalls habe der Arzt in der einen Hand das Stimulans, in der andern das Narkotikum zu halten. Bei der ersten Spur von Kollaps sind frühzeitige, energische subkutane Kampferinjektionen am Platze. Von den narkotischen Mitteln ist das Morphium allein empfehlenswert. In den freien Intervallen ist dir Behandlung zunächst eine prophylaktische, muß also streng individualisiert werden und ergibt sich aus dem über die Ursachen der ^n^ina. p6otoli8 Gesagten. Im übrigen ist das Grundleiden zu behandeln. Quincke-Kiel berichtete über Punktionen, welche er bei akutem und chronischem Hydrocephalus gegen Hirndrucksymptome ausführte. Flüssigkeitsansammllmgen im Gehirn, seien sie welchen Ursprungs sie wollen, können
! durch den Druck, den sie innerhalb der geschlossenenl Schädelhöhle hervorrufen, schwere Schädigungen, )a den Tod herbeiführen. Man hat versucht, dieser Schädlichkeit durch Eröffnung der Schädelhöhle mittels, Trepanation zu begegnen, und damit in gewissen Fäl! len vorübergehende und dauernde Erfolge erzielt.
Quincke hat nun versucht, den schweren Eingriff der Eröffnung des knöchernen Schädeldaches durch einen viel weniger schweren zu ersetzen, und ist dabei von! der Thatsache ausgegangen, daß das Gehirn mit dem! Subarachnoidealraum des Rückenmarks in Verbin> düng steht. Er hardie Nadel einer Pravazschen Spritze! zwischen drittem und viertem Lendenwirbel in diesen Hohlraum des Rückenmarks eingestoßen und Flüssigkeit aspiriert und zwar in drei Fällen zunächst mit dem Erfolg, daß mit dem Momente der Entleerung der Flüssigkeit ein Aufhören der Druckerscheinung zu konstatieren war. Es hängt von der Natur des zu Grunde liegenden Leidens ab, ob hierdurch eine dauernde Heilung herbeigeführt werden kann. In einem der Fälle des Vortragenden, einem akuten Hydrocephalus bei einem zweijährigen Kinde, war dies in der That der Fall. Es handelt sich hier um ein Verfahren von prinzipieller Bedeutung, das, wie Bäumler Freiburg betonte, für manche Krankheitsfälle eine verheißungsvolle Perspektive eröffnet. Kallay-Karlsbadz sprach über Zuckerkrankheit. Schon der Inder! Susruta beschrieb die Krankheit vor mehr als 2000! Jahren und erklärte die Nieren als den Sitz derselben;! auch Galen teilte diese Anschauung, welche durch viele! Jahrhunderte die herrschende war. Celsius hielt den! Diabetes für eine Darmerkrankung und Agretäus für^ eine Art Wassersucht, Theorien, die ebenfalls eine Zeitlang geltend waren und wieder andern Platz machten.
Auch heute bestehen mannigfache und kontroverse Diabete^theorien, und wir wissen nicht, welche feststehend ist, und an welche wir uns halten sollen. Wir haben die noch nicht ganz erschütterte Lebertheorie, die Pankreas-, die gastro-intestinale, die Kohlensäuretheorie und die neuropathologischen Theorien. Diese letztern hätten am meisten Berechtigung, wenn sie überhaupt zu Recht bestehen sollen. Der Weg, den die Forschung zur Erklärung des Diabetes einschlug, ist wohl der richtige, unrichtig ist es jedoch, daß jeder Forscher bis jetzt nur ein einziges Organ als Sitz des Tiadetes suchte und, wenn ein solches gefunden, daraufhin eine ausschließliche Diabetestheorie gründen wollte. Alle hier in Betracht gezogenen Organe können thatsächlich, wenn erkrankt, Ausgangspunkte des Diabetes sein, aber denselben ist lediglich ein ätiolo! gischer Wert beizumessen. Der Diabetes gleicht in gewissem Sinne dem Fieber: so wie alle Krankheiten geeignet sind, Fieber zu erzeugen, so sind alle Organe, welche für die Funktionen des Stoffwechsels bestimmt sind, und jene Organe, die allen Funktionen des Organismus vorstehen, nämlich Gehirn und Rückenmark, in erster Linie geeignet, im pathologischen Zustande Diabetes zu erzeugen, bez. der Sitz desselben zu setit, und vielleicht hat beim Diabetes, cktsris Mridus, die Leber eine ähnliche Rolle wie die Milz beim Fieber. Nach dieser Auffassung müßte man allerdings den Diabetes nur als symptomatische und nicht als selbständige Krankheit betrachten, und wahr scheinlich wird man mit dieser Auffassung der Lösung der noch rätselhaften Diabetesfrage näher rücken, denn selbst derjenige Diabetes, den wir nach dem heutigen Stande der Forschung noch als selb! ständigen ansprechen müssen, ist im engern Sinne auch nur ein symptomatischer, da einem jeden Diabetesl eine Stoffwechselstörung und dieser wieder eine