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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Italien - Italienische Litteratur
weisen: die Einfuhr hatte in den verflossenen 10 Monaten im Vergleich zum Vorjahre um 133 Mill. ab-, die Ausfuhr um mehr als 36 Mill. zugenommen.
Nachdem diese Vorlagen dem Antrag der Regierung gemäß an die Budgetkommission verwiesen waren, begann in der Kammer die Beratung der Interpellationen über äußere und innere Politik der Regierung, deren bei Eröffnung der Sitzungen nicht weniger als 53 vorlagen. Nach fünftägiger Debatte erhielt die Regierung 7. Dez. ein Vertrauensvotum für ihre innere und Kirchenpolitik, das mit 248 gegen 92 Stimmen der äußersten Linken und der persönlichen Anhänger Crispis angenommen wurde. Weniger günstig verliefen die Beratungen über die Kolonialpolitik. Am 5. Dez. war in Massaua das Prozeßverfahren gegen Livraghi und seine Mitangeklagten zu Ende gelangt: Livraghi war freigesprochen, da sich ergab, daß die Schuld für die in Afrika verübten Gewaltthaten auf die frühern Gouverneure der Kolonie, die Generale Valdissera, Orero, Cosfato, zurückfiel.
Gegen diese nachträglich einzuschreiten, lehnte die Regierung als unmöglich ab; so blieb die Diskussion der Kammern resultatlos, indem 12. Dez. auf die Bitte Rudinis alle Anträge zurückgezogen wurden; aber die immer allgemeiner werdende Mißstimmung über den Verlauf des ganzen afrikanischen Unternehmens trat dabei deutlich zu Tage.
Nach Beendigung dieser Debatten kehrte die Kammer zu den finanziellen Fragen zurück. Am 20. Dez. gewährte sie der Regierung ein Vertrauensvotum für ihre Finanzmaßregeln mit 248 gegen 121 Stimmen; am 21. nahm sie die bei Eröffnung der Sitzungen eingebrachten Gesetzentwürfe an, die zwei Tage später aucy vom Senat genehmigt wurden. Kurz darauf fand eine Veränderung innerhalb des Ministeriums statt: der Iustizbewahrer Ferraris nahm 31. Dez. seine Entlassung und wurde durch Chimirri, den bisherigen Minister für Handel und Ackerbau, ersetzt, dessen Portefeuille Rudini zu dem der auswärtigen Angelegenheiten hinzu übernahm. So siel dem Ministerpräsidenten die Aufgabe zu, im Januars 892 die Handelsverträge, die mit Deutschland und Österreich abgeschlossen waren, vor dem Parlament zu vertreten: sie wurden 21. Jan. in der Deputiertenkammer und 29. Jan. im Senat mit großer Mehrheit genehmigt. Ein dritter Vertrag mit der Schweiz, wie ihn Deutschland und Österreich abgeschlossen hatten, kam dagegen nicht zu stände; im Februar wurden die bezüglichen Verhandlungen abgebrochen, und zwischen Italien und der Schweiz traten ebenso wie zwischen Italien und Frankreich die durch keinen Vertrag ermäßigten allgemeinen Zolltarife in Kraft.
Inzwischen hatte sich herausgestellt, daß die Erwartung, der Etat des Jahres 1891/92 werde ganz ohne Defizit oder wenigstens nur mit einem sehr kleinen Fehlbetrag abschließen, doch zu optimistisch gewesen war. Die Zolleinnahmen hatten, da infolge der glänzenden Ernte Italiens die Einfuhr an Getreide beträchtlich geringer geworden war, den Voranschlag nicht erreicht; hierdurch und durch eine Reihe andrer Umstände ergab das berichtigte Budget für 1891/92, über welches 8. März die Verhandlungen begannen, ein Defizit, das von der Regierung auf 19 Mill., von andrer Seite noch beträchtlich höher geschätzt wurde. Bei den Debatten darüber sprach der Schatzminister Luzzatti sich dahin aus, daß er nichtsdestoweniger das Gleichgewicht des Etats für das nächste Jahr, wenn nötig, durch neue Ersparnisse sichern würde; er erhielt 17. März ein neues Vertrauensvotum, und am Tage darauf wurde das Bud get angenommen. Mit dieser Ersparnispolitik stand es in Zusammenhang, daß 26. März ein Gesetz über die Gisenbahnbauten angenommen wurde, welches die Ausgaben für diesen Zweck in den beiden nächsten Jahren auf je 30 Mill. herabsetzte.
Die afrikanischen Debatten hatten noch ein weiteres Nachspiel. Durch einen Erlaß vom 18. Dez.
1891 wurde, um Gewaltthaten, wie sie im Prozeß Livraghi aufgedeckt waren, in Zukunft vorzubeugen, der Kriegszustand in der erythräischen Kolonie aufgehoben. Der Gouverneur General Gandolfi wurde im April 1892 abberufen und durch den Oberst Baratieri ersetzt.
Italicnische Litteratur. Das Gebiet der erzählenden schönen Litteratur ist auch im abgelaufenen Jahre von den Italienern fleißig angebaut worden, hat aber eine inhaltlich wenig befriedigende Ernte ergeben. De Amicis hat die Vorwürfe zn seinen neuen Erzählungen ausschließlich dem Leben in der Schule oder, genauer gesprochen, dem der Lehrerinnen entnommen. Recht interessant schildert er in »IIn äi'ainnm uelia Leuola« die Vorgänge in einer Mädchenschule; minder gelungen sind dagegen »^.moi'6 6 Ainna.3t)iok« und »1^9. inaeßti'in«. äsß'Ii upki'ki«, in denen das Tendenziös-Pädagogische sich schon mehr bemerklich macht, als dem nicht dem Lehrfache angehörenden Leser lieb ist. Eine moralische Tendenz hat auch Mathilde Seraos »?K636 äi Ouccnß.'uu.«,in dem sie die besonders bei ihren nächsten Landsleuten, den Neapolitanern, weitverbreitete Lotteriespielsucht bekämpft. Der Roman, in den sie diefe Tendenz einkleidetest aber auch reich an ergreifenden Vorgängen, die, sowie die lebhaften, mitunter schon grellen Farben ihrer Schilderungen neapolitanischen Volkslebens, ihm das Interesse der Leser gewinnen. Auch in A. Arghis Roman »Oolitti le^aii«, der die Folgen einer unglücklichen Ehe schildert, macht sich, wie schon der Titel verrät, die Tendenz bemerklich. Salvatore Farina hat mit seinem auch ins Deutsche übertragenen »I^er Ik vita o z)6r 1a moits«, einen: moralischen Ehebruchsroman, nur bestätigt, was schon längst von ihm gesagt wurde, daß er wohl die tugendhafte Hausfrau und das unschuldige Mädchen, aber weder die Weltdame noch die lüsterne und kokette Frau gut zu zeichnen weiß. Aber auch die Männer sind ihm in diesem Roman minder gelungen als in seinen frühern. G. D' Annunzios nawra M^cher Roman 6i0vanniNpi8e0po« istkeine angenehme Lektüre, und A. G. Barrilis Ehebruchsroman mit dem irreführenden Titel »K08H äi<Ä6rio0« zeigt uns keine neue Seite des viel mißbrauchten Themas. In seinen »8ou6i 6 eo i'0U6« hat er die gerade für eine Novelle ausreichende Handlung zu einem nicht eben unterhaltenden Roman gewaltsam ausgedehnt, und in den »^moii a.iiti Hi , , Novellen aus altrömischer Zeit, macht sich das Archäologische so aufdringlich geltend, daß pedantische Kritiker sich die Mühe nahmen, die darin vorkommenden Anachronismen und Kostümfehler nachzuweisen.
Kein archäologischer, wie der irreführende Titel vermuten läßt, sondern ein Schriftstellerroman ist Onorato Favus »1^3. äißcesÄ äi ^midkis«, dem mangelhafte Charakterzeichnung und ungenügende Motivierung vorgeworfen werden. In Luigi Albinis »^ä Lielii« bilden politische Vorgänge nus neuerer Zeit, und in G. Faldellas in teils geziertem, teils holperigem Stile geschriebener »1^ ?ont688g, äi ^itx« Garibaldis mißlungene Expedition von 1867 den Hintergrund der Handlung" Napoleons Corazzini erzählt in »I^ntyra ner^« recht gruselige Liebesgeschichten aus Ägypten und Abessinien, in