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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Japan (Industrie, Heer u. Flotte)
Gegenteil macht die Durchschnittsgröße einer japani- schen Wirtschaft nur 1^7,5 Hektar aus, eine Fläche, ^ die bei dem gänzlichen Mangel an Arbeitsvieh die Kraft der den Besitzern zur Verfügung stehenden Personen vollkommen in Anspruch nimmt. Auch herrscht Düngermangel, da Spannvieh nicht verwendet wird, dessen Benutzung sich auf den Reisfeldern infolge des sumpfigen Bodens von selbst verbietet, und die Bearbeitung des Bodens seit Jahrtausenden mit der Hand durch Spaten und Hacke erfolgt. Zwar leiden darunter nicht die Felder in der Nähe der Küste und der großen Städte, wohl aber die im Innern des Landes, und es muß hier ein seit nahe an 2000 Jahren bestehendes System künstlicher Bewässerung durch Reservoirs an den Quellen und längs des Laufes der Flüsse, durch Brunnen und Pumpvorrichtungen zum großen Teile die Fruchtbarerhaltung des Bodens übernehmen.
Die Werte der Ländereien sind im ganzen Lande amtlich eingeschätzt und katastriert worden, seitdem die Regierung die früher iu natura. an den Lehnsherrn bezahlte Grundsteuer in eine Geldsteuer umgewandelt hat. Die Höhe der an den Staat zu entrichtenden Steuer wurde ursprünglich zu 3, 1877 aber zu 2,5 Proz. des eingeschätzten Bodenwertes veranlagt, außerdem sind noch Zuschläge an die Vezirksregterungcn und die Gemeinden zu zahlen, welche jedoch die Höhe der Staatssteuer nicht überschreiten dürfen, ferner kommen noch Abgaben für Schulzwecke hinzu, so daß im ganzen 4 Proz. des eingeschätzten Bodenwertes zu zahlen sind. Die gesamte an den Staat entrichtete Grundsteuer betrug 1884 43,033.679 Jen, welche durch die 1889 erfolgte Revision der Grundsteuer um 3,238,376 Jen ermäßigt wurde. Trotzdem ist die Lage der Bauern, die sich zusehends immer mehr in Pachter verwandelt haben, eine wenig befriedigende. Allerdings war nach der Mißernte von 1889die Reisernte von 1890 eine überaus reichliche, so daß von dem Gesamtertrag von 77,4 Mill. kl für die Ausfuhr 7,2 Mill. Iii verfügbar waren. Der Viehstand ist außerordentlich klein. Ende 1887 Zählte man 1,537,606 Pferde und nur 1,020,222 Rinder, wovon 593.104 Kühe.
Industrie. Bis vor kurzem stellte man die Seidenstoffe auf Webstühlen der primitivsten Art her; neuerdings wurden aber zwei große Fabriken in Kioto vollendet, die mit den neuesten ausländischen Maschinen ausgestattet sind. In anbetracht des feuchten japanischen Klimas, das für die Seidenweberei sehr vorteilhaft ist, und der für das Wachstum des Maulbeerbaumes besonders günstigen Bodenbeschaffenheit scheint I. mit seiner sehr billigen Arbeitskraft eins der bedeutendsten Seidenwaren produzierenden Länder werden zu wollen. Aber in keiner andern Industrie ist mehr Kapital angelegt worden als in der Baumwollindustrie. Anfang 1890 zählte man 36 Spinnereien mit über 200,000 Spindeln, in denen mehr und mehr indische Baumwolle statt der chinesischen verarbeitet wird. Große Fortschritte hat auch die Papierfabrikation gemacht; es bestehen 11 Papierfabriken mit 17 Papiermaschinen,2 Cellulosefabriken, 1 Holzschleiferei, 1 Strohstofffabrik, welche hauptsächlich Druckpapier für Zeitungen, Packpapier u. a. erzeugen, während das echte Japanpapier aus dem Baste des Papiermaulbeerbaumes und des Mitsumatastrauches ausschließlich Produkt einer im Innern Japans blühenden Hausindustrie ist. Die japanischen Eisenbahnen hatten 1. April 1891 eine Länge von 2293 km, wovon 864 km Staats- und 1429 km Privatbahnen waren.
Im Bau befanden sich 574 km, konzessioniert waren 1464 km. Von den im Betrieb befindlichen Bahnen entfallen 2018 km auf Nippon, 165 km auf Kiushiu, 24 km auf Shikoku und 86 km auf Jeso. Die im Bau befindlichen und konzessionierten Strecken sind fast ausschließlich Privatunternehmungen. Ein besonderer Eifer entwickelte sich in der Gründung von Gesellschaften für elektrische Beleuchtung, deren es Ende 1889 fünf mit 11,000 in Verwendung stehenden und 22,300 bereitstehenden Brennern gab, weitere zehn Gesellschaften mit 16,800 Brennern erhielten bis Anfang 1890 die Sanktion der Regierung. In Tokio gibt es jetzt 8 Mill. elektrischer Lampen. Elektro-Vahngesellschaften bildeten fich in Tokio, Kioto, Jokohama und vielen andern Orten. Auch auf andern Gebieten macht sich ein Gründungsfieber bemerkbar. Im Mai 1889 soll sich das Kapital neuer Unternehmungen ohne die Eisenbahnen auf 19,994,900 Jen belaufen haben, mit Zurechnung sämtlicher bis 1890 entstandenen Associationen über 100 Mill. Jen.
Heer und Flotte. Seit 21. Jan. 1889 ist die allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Dieselbe währt vom vollendeten 17.-40. Lebensjahre. Die nicht ganzUntauglichenmüssenvomvollendeten20.Lebensjahre an 4 Jahre in der Reserve und 5 Jahre in der Territorialarmee dienen, alle übrigen Wehrpflichtigen gehören der Reserve der Territorialarmee an.
Me Friedensstärke betrug 1891: 73,190 Mann mit 8496 Pferden, davon 8435 Mann Garde, 63,435 Mann Linie, 1320 Mann Miliz von Jeso. Die Infanterie zählt 4 Regimenter Garde und 24 Regimenter Linie, die Artillerie 1 Regiment Garde, 6 Regimenter Linie. Bei der insularen Gestaltung des Reiches hat I. nur 3848 Mann Kavallerie. Das Reich ist mit Ausnahme von Jeso in sechs Militärregionen eingeteilt, die von je einer Division besetzt sind, mit den Hauptorten Tokio, Sendai, Nagoya, Osaka, Hiroshima und Kunamotu. Außerdem befindet sich in Tokio die kaiserliche Garde, auf Jeso eine besondere Miliz und in Tsushima ein besonderes Korps der Inselverteidigung. Das Heer, das erst seit 1869 besteht, ist fast ganz nach preußischem Muster eingerichtet, die größern Geschütze stammen von Krupp und de Bange; leichteres Geschütz und Handwaffen werden schon im Lande selber hergestellt. Seit 1880 ist die ganze Armee mit einem von dem japanischen Obersten Murata erfundenen und in I. Felder hergestellten Gewehr ausgerüstet; auch ist man jetzt im Arsenal von Tokio mit der Fabrikation eines gleichfalls von dem Genannten erfundenen Repetiergewehrs beschäftigt, bei dem ein in I. erfundenes rauchloses Pulver Verwendung finden soll. Die Flotte stammt größtenteils aus französischen Werften, doch haben Schichau Torpedoboote, Schwarzkovff Fischtorpedos und Krupp Geschütze geliefert. Einen Teil seiner Kriegsschisse baut I. jetzt selbst. Die Flotte besteht aus 75 Fahrzeugen von 49,552T. und 51,987Pferdekräften mit 205 Geschützen, darunter ein Panzerschlachtschiff mit 12 Geschützen. Im Bau befinden sich 29 Fahrzeuge von 21,974 T. und 48.025 Pferdekräften mit 153 Geschützen. Die Marine zählt 208 höhere Offiziere, 1413 Offiziere niedern Grades und Eleven, 1568 Unteroffiziere und 7504 Matrosen, zusammen 10,693 Mann. In Küre bei Hiroshima auf Nippon wurde eine Seestation mit großen Docks gegründet, weitere kleinere Stationen sind geplant. Im Budget für 1891 waren für das Landheer 11,836,938, für die Flotte 12,614,510 Jen vorgesehen, so daß die Ausgaben für Heer und Flotte 29 Proz. der Gesamtausgaben beanspruchen.