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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Juden (Sprache, Namen)

kommen, sind auch die biotischen Verhältnisse weniger günstig, wie denn z. B. in Niederösterreich unter den jährlich gebornen jüdischen Kindern nur 3,5 Proz. uneheliche (bei der Gesamtbevölkerung 30,9 Proz.!), in der Bukowina dagegen 44,8 Proz. uneheliche sich befinden. Hinsichtlich der unehelichen Geburten der J. in Galizien und der Bukowina ist allerdings zu bemerken, daß dieselben von der dortigen jüdischen Bevölkerung als solche nicht betrachtet werden, indem letztere ihre Eheschließungen nicht nach staatlichen, sondern rituellen Vorschriften vornimmt, daß die Judenehen in diesen Gebieten ungemein frühzeitig geschlossen werden, daß nahezu kein jüdisches Mädchen daselbst ledig bleibt und uneheliche Geburten nach jüdischer Auffassung daselbst so gut wie gar nicht vorkommen (s. Illegitimität, S. 468).

Gewisse körperliche Eigentümlichkeiten der heutigen J. sind zurückzuführen auf ehemalige ungünstige Existenzbedingungen. Die niedrige Statur und der relativ geringe Brustumfang der meisten J. sind aufzufassen als eine durch die gesundheitlichen Nachteile des Ghettolebens bedingte Wachstumsverkümmerung, die selbst bei den unter günstigern Verhältnissen lebenden Enkeln und Urenkeln der solchen Einflüssen ausgesetzten J. noch zur Geltung kommt. Die Häufigkeit des Plattfußes und andrer Mißbildungen der untern Extremitäten bei den J. steht wohl auch im Zusammenhang mit jenen gesundheitlichen Mißständen vergangener Generationen, welche durch Vererbung übertragene Abnormitäten erzeugt haben. Gewisse andre körperliche Mängel der J. (wie z. B. das relativ häufige Vorkommen von Taubstummheit und Farbenblindheit) beruhen wohl im wesentlichen auf der relativen Häufigkeit der Verwandtschaftsheiraten; das verhältnismäßig häufige Vorkommen von Geisteskrankheit bei J. ist vielleicht auf Rechnung jener geistigen Anstrengungen und Aufregungen zu setzen, welche bei dem leicht erregbaren jüdischen Temperament das seelische Gleichgewicht stören. Eine Immunität der J. gegen Lungenschwindsucht und andre Krankheiten, die man früher angenommen und als Rassenmerkmal hingestellt hat, ist in Wirklichkeit nicht vorhanden. In Russisch-Polen sind beispielsweise 1877-80 von den dortigen Rekruten mosaischen Glaubens nicht weniger als 4 Proz. wegen Tuberkulose für militäruntauglich befunden worden. Ebenso wie die J. Europas im Mittelalter durch den »schwarzen Tod« zu Tausenden weggerafft wurden, und ebenso wie die J. des Orients beim Auftreten der Pest in den von ihnen bewohnten Ländern niemals verschont bleiben, ebenso haben die J. Deutschlands, Österreichs, Frankreichs und andrer europäischer Staaten bei Gelegenheit der während der letzten Jahrzehnte in den betreffenden Ländern grassierenden Cholera-Epidemien von dieser Seuche nicht weniger zu leiden gehabt, als ihre christlichen Mitbürger. Ebenso unerwiesen ist es, wenn man behauptet, daß der Jude sich in tropischen Ländern leichter akklimatisiert, als der Arier; höchstens kann zugestanden werden, daß die dem J. eigentümliche Mäßigkeit im Genuß von geistigen Getränken demselben eine größere Widerstandsfähigkeit gegenüber den klimatischen Einflüssen verleiht. Ein der jüdischen Rasse eigentümlicher Geruch (foetor Judaicus) ist nicht vorhanden.

Daß, abgesehen von der Umgestaltung der Körperbildung, die Eigenart der J. durch die Kreuzung mit fremden Rassenelementen gewisse Veränderungen erleiden mußte, ist zweifellos. Daß die J. zu einer Zeit, wo bei ihnen die Polygamie noch allgemein gebräuchlich war, durch die Anerkennung einer Frau als Herrscherin im Hause doch bereits eine Hinneigung zur Monogamie bekunden, beruht nach Lippert auf der Vermischung mit Indogermanen, bei denen schon in früher Zeit die Monogamie eine hochgeschätzte Institution bildete. Auf denselben Umstand sind wohl auch gewisse in der vorjahvistischen Religion (jener Religion, die dem ausschließlichen Jehovahdienst der J. vorausging) enthaltene Anklänge an den indogermanischen Kultus zurückzuführen.

[Sprache, Namen.] In Bezug auf die Sprache sind die J. unter teilweiser Beibehaltung ihrer eignen hebräischen als einer heiligen Sprache das am meisten kosmopolitische aller Völker geworden; sie nahmen im allgemeinen die Sprache des Volkes an, unter dem sie gerade lebten. Das Hebräische wurde noch bis in die Zeiten der Makkabäer gesprochen und geschrieben, war aber namentlich seit der babylonischen Gefangenschaft mehr und mehr dem Chaldäischen (Ostaramäischen) gewichen, und Christus wie seine Jünger bedienten sich bereits des aramäischen Dialekts, der bis ins 10. Jahrh. das litterarische Idiom der J. blieb. Seit den Zeiten Alexanders d. Gr. begann sich das Griechische bei den J. einzuwurzeln, und in den ersten Jahrhunderten nach der Zerstörung Jerusalems bildeten die J. sich äußerlich nach der griechischen Weise, während Religion und heilige Schriften ihre innere Einheit bewahrten. Aber die Sprache wurde griechisch, und durch die Übersetzung der Heiligen Schrift in das Griechische (Septuaginta) wurde das Judentum in die Weltlitteratur eingeführt. Als dann der erobernde und zerstörende Islam sich über die Länder am Mittelmeer und bis gen Persien hin ergoß, nahmen die zerstreuten J. von Karthagos Trümmerstätte bis nach dem Euphrat hin die arabische Sprache an und schrieben in derselben, während sie im christlichen Abendland, wo die Litteratur darniederlag, hebräisch weiterschrieben, für den Umgang aber sich der Landessprache bedienten. Dies gilt im allgemeinen auch heute noch für die J., doch sind bei denjenigen, welche Europa bewohnen oder die aus Europa stammen, namentlich zwei Sprachen zur Geltung gelangt: die spanische und die deutsche. Die spanisch-portugiesischen J. werden als Sephardim bezeichnet, nach Obadja 20, wo eine Gegend, nach welcher die Exilierten gebracht wurden, Sepharad genannt ist, worunter die Rabbinen im Mittelalter konventionell die Pyrenäische Halbinsel verstanden. Nach der Vertreibung der J. aus Spanien und Portugal (im 15. Jahrh.) nahmen die Flüchtlinge nach Nordafrika, Italien, der Türkei, Kleinasien, Holland die spanische und portugiesische Sprache mit, ja bis Surinam drang dieselbe vor. Im Laufe der Zeit ist dieselbe allerdings entartet und mit Zuthaten aus den Landessprachen verunreinigt worden, gilt aber heute noch ganz oder teilweise bei den J. der genannten Länder. Im Gegensatze zu den Sephardim benennt man mit Aschkenasim die deutsch redenden J., nach Askenas (1. Mos. 10, 3), welcher Ausdruck nach der jüdischen Überlieferung die Germanen, bei spätern Rabbinen die Deutschen im heutigen Sinne bezeichnet. Von Deutschland aus trugen im 16. Jahrh. die J. die ganz eigentümlich verunstaltete Sprache nach Polen, Litauen, Wolhynien und später weiter bis Sibirien. Dieses Judendeutsch zeigt eine eigentümliche Vereinigung der hebräischen und deutschen Sprache, welche, wild und unordentlich durcheinandergewürfelt, auf dem schmutzigen Boden entstand, auf welchem die Hefe des Volkes mit dem Judentum sich zusammenfand. Es ist somit keine gewordene, sondern eine gemachte Sprache, ein Sprachmosaik,