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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Kunstausstellungen des Jahres 1891 in Deutschland
zusammengebrachte Eliteausstellung über den wirk: liehen Stand der russischen Kunst nicht täuschen konnte. Die absterbende Richtung geht noch im Fahrwasser der deutschen Akademien alten Stiles, wo ihre Vertreter (A. Bogolubow, Nikolaus Gue, Nikolaus Swertschkow, Aiwasowski u. a.) ihre Ausbildung erhalten haben. Die jüngern, die sich fast ausnahmslos mit Schilderungen aus dem russischen Volksleben der Gegenwart, mit Darstellungen der neuern russischen Kriegsgeschichte oder von festlichen Ereignissen beschäftigen, wie z. B. Wladimir Makowski. Alexis Kiws'chenko, Elias Repin (Abschied des Rekruten), Konstantin Sawitzki (die Abreise der Reservisten), Alexander Beggrow, haben sich zuzument in Paris ihren letzten Schliff geholt, einige freilich, nachdem sie zuvor einige Zeit in München gearbeitet. Ein völlig französisches, von Bastien-Lepage und seinen Nachahmern beeinflußtes Gepräge tragen die Bildnisse und Naturstudien der im jugendlichen Alter verstorbenen Marie Baschkirtschew, die nach ihrem Tode durch die Herausgabe ihres Tagebuches auch als Schriftstellerin bekannt geworden ist. Der größte Techniker unter den russischen Malern der Gegenwart ist Stephan Vakalowitsch, dessen altrömisches, mit Kunstwerken reich ausgestattetes Vorzimmer, worin Klienten auf den Empfang durch den Patron warten, in der täuschenden Wiedergabe aller Steine, Metalle und Stoffe das höchste Maß der Illusion erreicht.
Die englische Malerei war bei weitem nicht so glänzend vertreten, wie auf der Jubiläumsausstellung von 1886, was sich zum Teil aus dem Rückgang der englischen Kunst erklärt, der seit einigen Jahren durch die einheimischen Ausstellungen immer deutlicher wird. Dieser Rückgang zeigte sich geradem den Werken derjenigen Künstler, die den Ruf der englischen Malerei im Ausland begründet haben, bei Fr. Leighton, I. E.Millais, Poynter, W. B.Nichmond, Alma-Tadema, G. F. Watts, John Gilbert, W.W. Ouleß am meisten, während Herkomer in der Dame in Schwarz und in dem ländlichen Idyll: Unser Dorf, zweien seiner besten Schöpfungen aus den letzten Jahren, seine hohe Stellung als Bildnis- und Genremaler behauptete. In der Malerei Belgiens, Hollands und Dänemarks gewinnt die naturalistische, von Frankreich eingeführte Richtung immer mehr Anhänger, unter denen jedoch wirkliche Talente selten sind. In Belgien bildet die altflandrische Tradition noch das stärkste Gegengewicht gegen den Naturalismus, während sich die Wege der holländischen Malerei immer weiter von ihrer Glanzzeit im 17. Jahrh, entfernen. Ein Gegengewicht bildet in Belgien auch die Plastik, die selbst bei den gewagtesten naturalistischen Experimenten immer noch in höherm Grade an die Form gebunden ist als die Malerei, und die inmonumentalen Schöpfungen den poetischen Schwung, den heroischen Zug und das edle Feuer des wallonischen Volkscharakters nicht verleugnet.
In van der Stappen, Paul de Vigne und Julian Dillens besitzt die belgische Bildhauerkunst drei Künstler von stark ausgeprägten: Gefühl für das! Monumentale. In der Genre- und Porträtplastik! sind Leon Mignon (.Reiterbildnis König Leopolds II. ^ und belgische Militärtypen in vortrefflichen Bronze-! güssen von höchster Lebendigkeit), Hippolyte le Roy, ! Guillaume Charlier und Jules Weyns die hervor- z ragendsten. Den äußersten Naturalismus vertritt! Constantin Meunier, der in der Gruppe einer Mutter, ! die an der Leiche ihres bei einem Grubenunglück getöteten Sohnes wehklagt, dem Pietämotiv die Meyers Konv.'Lc Mn, 4. Aufl,, XIX. Bd.
stärksten Wirkungen abgewonnen hat. Derjenige unter den Malern Dänemarks, der im Auslande die höchsten Auszeichnungen erhält, ist Peter Kröyer. In der Wahl seiner Motive und seiner Beleuchtungseffekte hat er eine gewisse Verwandtschaft mit Menzel.
Aber er erreicht ihn weder in seiner Eisengießerei, noch in seinem Konzert im Atelier bei Lampen- und Kerzenlicht. Einen imponierenden Eindruck im ganzelt wie im einzelnen machte die sehr sorgfältig zusammengestellte österreichische Abteilung, in der die Porträt-, Genre-, Landschafts- und Stilllebenmalerei gleich glänzend vertreten war, während die Geschichtsmalerei großen Stiles nur zwei hervorragende Werke in Julius v. Payers Tod Franklins und in dem Fenstersturz in Prag 1618 von dem in Paris lebenden Böhmen Vacslav Brozik aufzuweisen hatte. Die Wiener Landschaftsmaler I. E. Schindler, R. Ruß, H. Tarnaut und W. Bernatzik bezeichnen mit ihren reifsten Werken den höchsten Stand der Entwickelung, den die moderne Stimmungsmalerei bis jetzt erreicht hat. Auf gleicher Höhe steht die österreichische Plastik, die besonders glänzend durch R. Weyr (Reliefs zum Grillparzer-Denkmal in Wien), Arthur Strasser (s. d.), I. Benk und den Medailleur Scharff (s. d.) vertreten war.
Da der Schwerpunkt der Ausstellung auf die Beteiligung der fremden Nationen gelegt war, traten die deutsch en Künstler, die sich auch eine räumliche Beschränkung gefallen lassen mußten, in den Hintergrund. Den günstigsten Eindruck machten die Ausstellungen von Düsseldorf, München und Karlsruhe, die eine Auswahl der besten Schöpfungen aus den letzten 3-4 Jahren geboten hatten. Am empfindlichsten war der Mangel an Gemälden großen Sales. Doch ist dieser Mangel keineswegs charakteristisch für die neuere deutsche Malerei, da gerade im letzten Jahrzehnt eine ungewöhnlich große Zahl von monumentalen Gemälden entstanden ist, die selbstverständlich in einer Ausstellung nicht vorgeführt werden können. Dafür entschädigte reichlich die deutsche Bildhauerkunst, die in ihren Einzelleistungen auf dem Gebiete der monumentalen, Bildnis- und Genreplastik denen aller andern Nationen nicht nur ebenbürtig ist, sondern sie an Vielseitigkeit noch übertrifft. Das Gleiche gilt von der deutschen Architektur, in welcher Phantasie der Erfindung und praktische Lösung großer Aufgaben immer mehr zu glücklichem Ausgleich gelangen.
Das materielle Ergebnis der Berliner Ausstellung besteht in einem Überschuß von 110,000 Mk. und in einem Umsatz von 800,000 Mk. für verkaufte Kunstwerke. Von dieser Summe kamen 426,557 Mk. auf Arbeiten Berliner Künstler, 119,000 auf die Spanier, 109,000 auf die Italiener, 81,000 auf Düsseldorf und 75,000 Mk. auf München.
II. Die Münchener Iahresausftellung.
Im Gegensatze zu der Ausstellung von 1890, auf der die Glasgower Maler mit ihrer eigentümlichen Art, die Natur anzuschauen und in Farben wiederzugeben, zum erstenmal aus ihrer örtlichen Abgeschlossenheit und Verborgenheit in die europäische Kunstbewegung eintraten, fehlte der dritten Münchener Ia hresausstellung der beherrschende Mittelpunkt und überhaupt jeder irgendwie charakteristische Grundzug, obwohl die Zahl der eingesendeten Kunstwerke die der frühern Jahre noch übertroffen hatte. Trotz der Konkurrenz von Berlin zählte der Münchener Katalog rund 2500 Nummern auf, wozu noch die in einem abgeschlossenen, tempelartig dekorierten Raume vereinigten Ehrengaben (meist Aquarelle U.Zeichnungen,
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