Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

567
Kuppelgräber in Griechenland (Ausgrabungen)
senkrecht aufsteigenden Mauern der dunkeln Pforte zu (der sogen. Dromos). Wir schreiten zu ihr hin und stehen bald vor einer hohen Mauer, welche einst mit buntein, reich ornamentiertem Relief von oben bis unten geschmückt war, heute nur durch ihre wohlgegliederten Verhältnisse gefällt und durch die Größe der Steine eine Vorstellung von dem starken Geschlecht erweckt, welches sie erbaute. Das Thor in dieser Mauer selbst ist an der Schwelle breiter als an der Decke; der Thürsturz, die Oberschwelle des Thores, lesteht aus zwei kolossalen, wohlbearbeiteten Felsblo'cken. Nber ihm öffnet sich heute ein leeres Dreieck, welches aus dem technischen Grunde ausgespart wurde, um den Druck des auf der Thür ruhenden Gewölbes von dem hohlen Thürraum weg auf die Thürpfosten überzuleiten. Im Altertum war es durch skulptierte Reliefplatten geschlossen. Wir treien in das Thor, dessen 5 m dicke Seitenmauern einen Gang bilden, welcher aus dem breitern Vorraum auf schmälerm Wege in den eigentlichen Grabraum überleitet. Dieser Thürgang wird das Stomion (Mundstück) genannt und ist an dem größten mykenischen Grabe 5 m lang, 3^2 m breit und nur von zwei Steinen bedacht, welche seitwärts noch sehr tief in die Mauer reichen, alles von wuchtigen, massenhaften Dimensionen. Adler berechnet das Gewicht des sauber behauenen, kolossalen Innensteines der Oberschwelle auf 132,000 k^. Der Innenraum des Grabes (die sogen. Tholos) enttäuscht die erregte Erwartung nicht: ein feierliches Halbdunkel umfängt uns, und es dauert einige Zeit, bis sich das Auge gewöhnt hat, das Einzelne zu unterscheiden. Wir stehen in einem kreisförmigen Raume von ca. 15 in Durchmesser bei ebensoviel Höhe. Aus wohlbehauenen, mächtigen Steinblöcken bauen sich 33 Ringe übereinander auf, von denen jeder nächsthöhere etwas enger wird als der, auf welchem er ruht, so daß an die Stelle des obersteil Ringes ein einziger Stein tritt. Doch ist der runde Grabbau kein Gewölbe in neuerm Sinne, sondern die Steinschichten liegen parallel übereinander, jeder Steinring in sich gespannt. Dieser runde unterirdische Tom diente bei den größten Denkmälern dieser Art dem feierlichen Totenkultus, das Grab selbst war besonders gearbeitet. Rechts öffnet sich im Mauevring ein kleineres, aber in seiner Konstruktion der großen Eingangspforte völlig entsprechendes Thor. Es führt in eine viereckige Seitenkammer, in welcher die Toten ruhten. Dieser eigentliche Gräberraum war an den Seiten und der Decke mit Alabasterplatten verkleidet; Schliemann hat die prächtige Decke des Kuppelgrabes von Orchomenos aufgefunden, welche jetzt im Berliner Museum für Völkerkunde in den Schliemannsälen als Decke in Metall nachgebildet ist. Im Altertum drang von außen noch weniger Licht hinein als heute, weil das heute offene Entlasiungsdreieck überdem Eingang durch Neliefplaiten zugesetzt war; bei reichlichem Fackellicht aber erglänzten von der Wölbung des Domes Hunderte von Bronzerosetten wie ein blinkender Sternenhimmel, die Thürpfosten waren mit Bronze oder noch edlerm Metall verkleidet; das Ganze machte einen erhabenen und prächtigen Eindruck. Nur ein lange herrschendes, mächtiges Fürstengeschlecht auf der Höhe einer reichentwickelten Kultur konnte solche für die Ewigkeit berechnete Riesenbauten planen und errichten.
Den ursprünglichen Zweck dieser Bauten kannte man im spätern Altertum nicht mehr, sondern hielt sie für Schatzhäuser; die neuern Ausgrabungen aber, bei welchenin solchen Domen die Gräber mit den Skelettrösten gesunden worden sind, belehrten uns über
ihre ursprüngliche Bestimmung als Erbbegräbnisse reicher, mächtiger Familien. Neben diesen prächtigstell Exemplaren, deren wir zwei kennen, gibt es eine ganze Skala abwärts bis zum Grabe des armen Mannes; alles in allem ist die oben gegebene Gliederung von Zugangsstraße, Thorgang, Grabbau überall kenntlich, nur daß alles viel kleiner wird.
Die technische Herstellung geschah derart, daß man'im Abhang eines Hügels eine tiefe Grube von dem untern Durchmesser des zu bauenden Grabes aushob, und zwar derart, daß man die Seitenwände je nach der Kohärenz des natürlichen Bodens steiler oder flächer böschte. Ein seitlicher, allmählich ansteigender Einschnitt, in der Richtung des abfallenden Terrains geführt, diente zur bequemern Fortschaffung der Erde, welche vorläufig daneben aufgeschüttet wurde. Der Boden der Grube wurde sorgfältig ge Durch schnitt durch das Atreu 3 grab.
glättet und auf diesen direkt ohne tiefere Fundierung der unterste Steinring gestreckt, welcher behufs gleichmäßiger Verteilung des Druckes auf den Boden aus größern Blöcken besteht. Iiber dieser untersten Schicht beginnt sofort die Aufmauerung aus allmählich kleiner werdenden Steinen, bei den einfachern Gräbern sogar aus ziemlich unregelmäßigen Steinen, ohne jede Spur von Verband. Mit der wachsenden Höhe ging auch die Hinterfüllung des Mauerwerks durch Erde und das Feststampfen derselben zusammen, da nur so allein für die Mauer durch den gleichmäßigen Druck von außen her die nötige Stabilität gewonnen werden konnte. Hierdurch wurde auch ein mit dem Fortschreiten des Baues stetig steigender Staudplatz für die Arbeiter gewonnen, ohne daß dar durch von der Innenseite her andre Rüstungen notwendig geworden wären, als eben nur einfache Vorrichtungen, wie z. B. eine radiale Schnur zur steten genauen Fixierung des Horizontalschnittes. Aus dieser Baugeschichte ergibt sich, daß alle diese Bauten unterirdisch sind, höchstens daß einmal die Spitze etwas hervorragte, aber auch dann dicht mit Erde überschüttet wurde.
Nur wenige dieser Bauten waren an der Thürfassade so prächtig verziert wie der oben beschriebene.
Bei diesem blieb der Thorgang fortwährend offen, das Thor wurde durch Thürflügel verschlossen; bei den meisten übrigen fehlt die kleinere Grabkammer, die Toten wurden in dem runden Dome selbst beigesetzt, nach jeder neuen Beisetzung wurde das Thor mit Steinen zugesetzt, der Thorgang mit Erde zugeschüttet.
Die großen unterirdischen Kuppelgräber sind bisher
nur an der Ostseite Griechenlands gefunden worden,
von Thessalien anfangend bis hinab nach Lakonien.
Wir kennen ihrer 15. 1) Das nördlichste liegt nahe
am Golfe voll Volo und ist gut erhalten. Höhe des
Tholos 9 m, unterer Durchmesser 8,50 in, Thürhöhe
> 3,60 m. 2) Das nächstsüdliche war wohl das präch^ tigste von allen und steht in dem sagenberühmten
^ böotischen Orchomenos, dem Sitze des reichen Königs