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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Mensch (Merkmale tierischer Bildung, Körperproportionen)

ein eifriger Vorkämpfer des Deutschtums. Er ist Mitglied des Klubs der Vereinigten Linken und schrieb: »Die Wahlreform in Österreich« (Wien 1873), »Der böhmische Ausgleich« (Stuttg. 1891) u. a.

Mensch. Merkmale tierischer Bildung. Eigentümlichkeiten der menschlichen Körperbildung, die auf die Abstammung des heutigen Menschen vom Tiere hindeuten und wenigstens teilweise an die Körperbildung der Affen erinnern (daher pithekoide, d. h. affenähnliche, Merkmale), sind teils als Atavismus, teils als rudimentäre Organe aufzufassen, d. h. als Körperteile, die in vergangenen Entwickelungszuständen des Menschen für denselben von Wichtigkeit waren, jetzt aber unter veränderten Lebensbedingungen keine Bedeutung mehr für das Fortbestehen der menschlichen Gattung besitzen. Aus jenen atavistischen Bildungen und rudimentären Organen ergeben sich nun wichtige Schlüsse bezüglich der körperlichen Beschaffenheit der Vorfahren des heutigen Menschen. Nach Wiedersheim ist es zweifellos, daß bei denselben die Wirbelsäule viel länger war als diejenige des heutigen Homo sapiens, daß die Vorfahren des Menschen geschwänzt waren, daß das Becken früher ungleich weiter nach hinten, bez. nach unten lag als heutzutage, und daß ein allmähliches Vorwärtsrücken des Kreuzbeines sowie des gesamten Beckengürtels vom Schwanzende der Wirbelsäule nach dem Kopfende derselben hin stattgefunden hat. Ferner ist es unverkennbar, daß beim Menschen, bez. dessen Vorfahren die Zahl der Rippen ehedem eine größere war als jetzt, daß der Brustkorb sich immer mehr verkürzt hat, dafür aber in die Breite gewachsen ist, und daß auch für die Zukunft eine weitere Verkürzung des Brustkorbes und Verminderung der Rippenzahl (schon jetzt läßt das elfte und zwölfte Rippenpaar die beginnende Verkümmerung erkennen) mit Sicherheit zu erwarten steht. Der bei Amphibien, Reptilien, Monotremen und Marsupialien sich findende Episternalapparat ist beim Menschen durch die im Gelenk zwischen Brustbein und Schlüsselbein auftretenden Knorpel noch angedeutet. Ganz besonders zahlreich sind die pithekoiden Bildungen am Schädel des heutigen Menschen. Der bei gewissen Menschenrassen fast regelmäßig vorhandene Knochenwulst des Hinterhauptsbeines ist als Überrest des mächtigen Hinterhauptskammes der Affen aufzufassen. Ferner werden von Belsanti zu den pithekoiden Merkmalen des menschlichen Schädels gerechnet: ausgesprochene Vieleckigkeit des Schädels, Schwund der Nasenbeine, Fehlen des Nasenstachels, Hufeisenform des knöchernen Gaumens, stark entwickelte Knochenleisten, Einfachheit der Knochennähte, bedeutende Entwickelung des Stirnfortsatzes des Schläfenbeines, rückwärts gebogene Keilbeinflügel und der Reihe nach zunehmende Größe der Molarzähne. Ferner sind als pithekoide, bez. tierähnliche Bildungen anzusehen: die Durchbohrung des Oberarmknochens unmittelbar über dem Ellbogengelenk sowie die starke Entwickelung der »rauhen Linie« (linea aspera) und das Vorhandensein eines dritten Knochenvorsprunges (Trochanter tertius) am Oberschenkelbein. Auch im Bereich des Muskelsystems finden sich beim heutigen Menschen Bildungen, die den charakteristischen Verhältnissen gewisser Affen genau entsprechen. Der breite Halsmuskel stellt beim Menschen wahrscheinlich den letzten Rest eines bei Säugetieren fast über den ganzen Rumpf verbreiteten Hautmuskels dar; die mimische Muskulatur des Menschen, d. h. jene Muskeln, welche den Gesichtsausdruck bedingen, gehören ebenfalls jener Muskulatur an, die ursprünglich den ganzen Körper bedeckt hat. Auch die Muskelgruppe, die ursprünglich zur Bewegung der Ohrmuschel gedient hat, ist beim Menschen noch teilweise erhalten, wie auch jene Muskeln, vermittelst deren geschwänzte Säugetiere den Schwanz bewegen, beim Menschen an der vordern und hintern Fläche sowie am Seitenrande des Steißbeines in rudimentärem Zustand nachgewiesen werden können. Bemerkenswert ist endlich noch die Thatsache, daß jener bei den Beuteltieren zur Brutpflege in inniger Beziehung stehende Beutelmuskel auch beim Menschen in die Scheide des geraden Bauchmuskels mit eingeschlossen in rudimentärem Zustand angetroffen wird. Vgl. Wiedersheim, Der Bau des Menschen als Zeugnis für seine Vergangenheit (Freiburg 1887).

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Die Körperproportionen sind in verschiedenen Entwickelungszuständen und Lebensaltern verschieden. Infolge des bedeutenden Wachstums des Kopfes sinkt beim Fötus das Verhältnis des Rumpfes zur Gesamtkörperlänge (letztere zu 100 angenommen) von 38,1 auf 36,8 herab. Während der ersten Jahre nach der Geburt wächst dann aber der Rumpf dermaßen, daß sein Verhältnis zur Gesamtkörperlänge auf 42,5 steigt. Vom vierten Lebensjahr an sinkt infolge des rapiden Wachstums der Beine das Verhältnis des Rumpfes zur Gesamtkörperlänge allmählich wieder bis auf 36,3. Bei Europäern ist der Rumpf des Weibes verhältnismäßig etwas länger als derjenige des Mannes; die Länge der Extremitäten ist beim Weibe im allgemeinen geringer als beim Manne. Die Entwickelung der Extremitäten wird durch die Beschäftigung wesentlich beeinflußt. Bei Personen des Arbeiterstandes beträgt die Länge der obern Extremität 43,4 Proz., bei geistig thätigen Männern durchschnittlich nur 42,6 Proz. der Gesamtkörpergröße. Bei Seeleuten, die vorzugsweise die Beine anstrengen, beträgt die Länge der obern Extremität 43,2 Proz., diejenige der untern Extremität 47,5 Proz. der Gesamtkörpergröße; auch ist der Rumpf der Seeleute durchschnittlich kürzer als derjenige der Arbeiter und der geistig thätigen Personen. Während des Fötallebens ist der Vorderarm (inkl. Hand) anfangs länger als der Oberarm; später kehrt sich das Verhältnis um. Beim Fötus und in den ersten zwei Lebensjahren ist der Unterschied zwischen der Länge des Oberschenkels und derjenigen des Unterschenkels geringfügig; vom zweiten Lebensjahr an wächst aber der Oberschenkel dermaßen, daß vom sechsten bis neunten Lebensjahr letzterer zum Unterschenkel im Verhältnis von 100:79 steht. Bei den Kulturvölkern steht das Weib durch die Schmalheit der Schultern, die geringe Entfernung der Brustwarzen voneinander, die geringe Kapazität des Brustkastens und andre Eigentümlichkeiten dem kindlichen Typus nahe. Bei den unzivilisierten Völkern ist insofern eine Annäherung an den Affentypus vorhanden, als bei denselben die obere Extremität durchschnittlich länger ist als bei den Kulturvölkern. Vgl. Ranke, Über die Körperproportionen bei der bayrischen Bevölkerung (»Beiträge zur Anthropologie und Urgeschichte Bayerns«, Bd. 8, Heft 1 u. 2).

Daß der M. während des frühsten Abschnittes der Diluvialzeit (Quartärzeit) sich den aufrechten Gang noch nicht vollständig angeeignet hatte, wird bewiesen durch Untersuchungen, die Fraipont an den Schienbeinen der in der Höhle von Spy (Provinz Namur in Belgien) ausgegrabenen, mit dem Schädel des Neanderthals eine bemerkenswerte Übereinstimmung aufweisenden menschlichen Skelette angestellt hat. Daraus, daß beim Spy-Menschen ebenso wie