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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Naturwissenschaftlicher Unterricht (Allgemeines)
2) Die Erkenntnis bezieht sich auf Naturdinge, nicht auf Zeichen, Nnnen und Worte; auf Dinge, denen Materie zu Grunde lie^t, nicht auf bloße Formen und Begriffsinhalte; auf Naturdinge
Hieraus ergibt sich, daß es in vielen Fällen angezeigt ist, zwischen derstreng logischen und streng historischen Methode einen didaktischen Mittelweg der
in Naturgesehe zu fixieren für das leibliche und geistige Leben des Menschen ein unabweisbares Bedürfnis ist, nicht mi?ider wie die Erforschung seiner selbst.
3) Die Methode, welche das Denken auf dem Wege zum Auffinden diefer Erkenntnis leitet, ist vorzugsweise die induktivlogische, allein sie zeigt folgende Eigentümlichkeiten gegenüber der induktiv-logischen der Geisteiwissenschaften. Sie verlangt: a) die eigne Beobachtung nnd das Experiment am Naturdinge, eigne Ana Iyseder Thatsachen nnd Merkmale desselben, nicht befaßt sie sich dagegen mit Berichten über Thatsachen und Vorgänge, nicht mit Formen- uud
Bcgriffsanalyse;
d) das eigne Beschreiben, also das möglichst vollständige Festhalten des Selbstwahrgmommencn und d.sscn alleinige Benutzung zu Induktionsurtcilcn und Schlüssen nicht Beschreibungen und Berichte andrer; o) daß den Induktiousurteilcn nnd Schlüssen Notwendigkeit, also die Evidenz kausaler Gewißheit, innewohne - nicht daß sie nur logische Induktionsurteile und Schlüsse mit Antezedenzien und Konsequenzen sind; sie verlangt en 6) die Erklärung der Vorgänge, also die Angabe der Ursachen, d.h. der Nealgründe der Thatsachen, und führt so zu Naturgesetzen, d.h. den für alle Glieder einer Neihe gleichbleibenden, also zugeordneten Beziehungen nicht ist es ein Beweisen, d. h. die Angabe von Erkenntnisgründen für das Urteil, nicht sind ihre Gesetze solche im juridischen Sinne.
Noch kürzer gefaßt: Der Inhalt der Erkenntnis sind Naturdinge nach dem Daß« und dem »Warum«, die Methode des Erkennens ist die induktivlogische in Beschreibung und Erklärung durch Beobachtung und Experiment bis zu wissenschaftlicher, also systematischer Anordnung, also das »Wie«. In diesen Eigentümlichkeiten liegen die Nechtsgründe
sie bemit der
keiten der induktiv-logischen Methode hier zunächst unser Interesse beanspruchten, so ist damit auch nicht gemeint, daß stets und überall nur die Induktion allein benutzt werde. Es wird vielmehr namentlich im naturwissenschaftlichen Unterricht auch die Deduktion an geeigneten Stoffen an rechter Stelle eintreten müssen; denn darüber ist kein Zweifel, in der Vereinigung beider Erkenntnisniethoden ruht erst die rechte Kraft und der ganze Umfang zur Ausbildung der Denkfähigkeit. Diese Unterrichtsmethode wird natürlich für alle humanistischen Bildungsanstalten, von der Volksschule bis zum Gymnasium, dieselbe sein müssen; die zurückgelegte Wegstrecke wird aber selbstverständlich, durch die geistige Entwickelung des Schülers und die Zeit bestimmt, eine sehr verschiedene sein. Übrigens treten auch die charakteristischen Vildungsmomente bei den einzelnen Fächern
ld Uch ^'^' iiaturwissenschaften, der verschiedenen Entwicke auch gegenüber der Mathematik, denn auch si>
schäftt'gt sich nicht mit der Materie, sondern mil .. ^^ ^
Form der Körper, ihre Methode ist in der Schule ! tüm Wett/ Kompttz^
die deduktive, ihre Beweise sind Urteile durch An-! Organismus, der Gebundenheit an das Leben selbst
lungshöhe entsprechend, in verschiedenem Umfange auf. An: vollkommensten bei der an: meisten zur Wissenschaft entwickelten Physik, die in einzelnen Teilen sogar eine deduktive Behandlung ermöglicht und mit Recht die exakteste der exakten Wissenschaften heißt. Sie und die Chemie sind in der Hauptsache auf das Experiment angewiesen, sie sind auch bis zu wirklichen »Erklärungen« entwickelt, ihre Bezeichnung als experimentelle oder als erklärende Naturwissenschaften ist zutreffend. Weniger hochentwickelt ist die Naturgeschichte. Die Zoologie und Botanik sind kaum oder nur wenig über die Beschreibung und Klassifikation hinausgekommen. Das Tier, die Pflanze werden von Lebenskräften statt der mechanischen regiert, von Kräften, deren Untersuchung und Verfolg nach Ursache und Wirkung wegen ihrer Eigen gabe der Erkenntnis gründe, also keine Erklä'run gen mit Nealgründen.
Dem naturwissenschaftlichen Unterricht ist hiernach die Aufgabe gestellt, die Erkenntnis von Naturdingen im allgemeinen nach diesen Eigentümlichkeiten der induktiv-logischen Methode herbeizuführen und dadurch mit den Regeln und Hilfsmitteln bekannt und durch Übung vertraut zu machen. Wir sagen: im allgemeinen. Mag auch die Methode in der Forschung sich herausgebildet und bewährt haben, der Unterricht stellt auch didaktische Forderungen, welche nicht durch die Natur des Gegenstandes, sondern durch die psychologischen Naturgesetze der intellektuellen Entwickelung des Lernenden vorgezeichnet sind. Oft muß infolgedessen die logische Forderung hinter der Rücksicht auf diese psychologischen Vorbedingungen des Verständnisses zurücktreten.
Ferner ist bekannt, daß die historische Entwickelung, der Weg, auf dem die Forscher zu manchen Naturgesetzen vorgedrungen sind, durchaus nicht immer und in allen Phasen mit der induktiv-logischen Methode sich deckt, wovon z. V. die Feststellung der Fallgesetze, die Lehre vom Luftdruck, die Einleitung zum Galvanismus zeugen. Galilei begann die Feststellung der Fallgesetze bekanntlich mit der mittlern der
drei Formeln(8--.t?, v--- At, ^v^v - ^), obwohl logische (und auch didaktische) Gründe darauf hinweisen, mit der ersten der drei Formeln als der direktesten Beschreibung der Fallbewegung anzufangen.
mit ungeheuern Schwierigkeiten umgeben ist. Zwar bemüht sich die Neuzeit, mit Hilfe der vergleichenden Anatomie, Physiologie und Entwickelungstheorie die Mannigfaltigkeit der organischen Gestaltungen zu begreifen und namentlich auch die Stufenfolge (im morphologischen und genetischen Sinne) durch entwickelungstheoretische Hypothesen zu erklären und die Begriffe der »natürlichen Stufenfolge« und der -»natürlichen Klassifikation« tiefer zu begründen, indes sind die Resultate doch nur in einzelnen Fällen so einfach und sicher beglaubigt, daß der Unterricht gelegentlich auf sie mit Erfolg zurückkommen kann.
Zoologie und Botanik (Mineralogie) sind daher zutreffend als Veobachtungs- und deskriptive Wissenschaften zu bezeichnen und auch im Unterricht als solche zu behandeln. Entspricht die Methode den oben geltend gemachten Forderungen, so müssen die eigentümlichen humanistischen Bildungselemente an einem interessanten und verhältnismäßig einfachen, leichter begreiflichen Stoffe namentlich für die Verstandesbildung wirksam werden, und das kann nur von Vorteil sein, auch nach Seite der Geisteswissenschaften hin. Denn diese werden dann nach dieser Seite entlastet zugunsten der Bildung des Gemütes und der Phantasie. Nur zum Schaden der unmittelbaren Wirkung im Sinns ihrer Urheber werden z. B. noch gegenwärtig die Blüten hellenischer und deutscher Litteratur vielfach grammatisch und logisch zerpflückt, um ein dürftiges Verständnis und Übung der Formen zu erzielen. Auch dem natürlichen