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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Nematoden

wir haben uns den erstern nicht weiter entfernt zu denken als die letztern. Daß Scheiner zu einem ähnlichen Resultat gelangt ist, haben wir bereits Bd. 18, S. 291 erwähnt. Neuerdings aber ist es mit Hilfe des Spektroskops auch gelungen, bei Nebelflecken ebenso wie bei Fixsternen Bewegungen in Richtung der Gesichtslinie nachzuweisen durch die Verschiebungen, welche die einzelnen Linien des Spektrums zeigen gegenüber ihrer Lage bei ruhender Lichtquelle. Wegen der großen Lichtschwäche der Nebelspektra bedürfte es aber zum Nachweis der Bewegung der Nebel eines so ausgezeichneten Instrumentes, wie der große Refraktor der Lick-Sternwarte auf dem Mount Hamilton in Kalifornien ist. Die außerordentliche Lichtstärke dieses Instrumentes und die vorzüglichen Eigenschaften des dazu gehörigen Spektroskops machen es möglich, durch direkte Messung mit demselben die gleiche Genauigkeit zu erlangen, wie Vogel in Potsdam durch Ausmessung der Photographien der Spektra erhält. Mit Benutzung eines Rowlandschen Gitters mit starker Dispersion hat nun Keeler an dem Refraktor der Lick-Sternwarte im Juli und August 1890 die Lage der hellsten, den Spektren von zehn der hellern planetarischen Nebel gemeinschaftlichen Linie gemessen, welche nahe dem einen Ende des von einer Magnesiumflamme erzeugten Bandes bei der Wellenlänge 500,6 μμ liegt. Da die Natur dieser Linie nicht bekannt war, so kannte man auch ihre Lage für eine in Bezug auf die Erde ruhende Lichtquelle nicht, und Keeler nahm deshalb den Mittelwert aus den verschiedenen Messungen als Normallage an. Die so erhaltenen Werte für die Geschwindigkeit der Nebel in der Gesichtslinie sind daher nur als vorläufige anzusehen. Die größte und die kleinste Geschwindigkeit, welche sich auf diese Weise ergaben, sind in der Richtung zur Erde her 47,2 km und 1,7 km, in der Richtung von uns weg aber 58,5 km und 2,3 km in der Sekunde. Der Fehler der einzelnen Bestimmung dürfte 4 km nicht übersteigen. Bei einigen dieser Nebel hat übrigens Keeler später die Lage einer Wasserstofflinie gemessen, wodurch eine genaue Berechnung der Bewegung möglich wird.

Veränderliche N. sind nur wenige mit einiger Sicherheit bekannt: drei Nebel im Stier, welche von Hind 1852, Chacornac 1855 und d’Arrest 1861 als wahrscheinlich veränderlich bezeichnet worden sind, zwei andre, auf welche Winnecke aufmerksam gemacht hat, und endlich ein von W. Herschel 1785 entdeckter, von Lord Rosse 1854 und 1864 und d'Arrest 1863 unter günstigsten atmosphärischen Bedingungen nicht gesehener, von Bigourdan aber 31. Jan. und 26. Febr. 1891 wieder an der von Herschel angegebenen Stelle beobachteter. Die Positionen dieser Objekte sind:

Rektaszension Deklination

4 h 13,8 m + 19° 11,4'

5 h 28,6 m + 27° 7,3'

3 h 20,7 m + 30° 55'

2 h 23,4 m - 1° 43'

11 h 17,2 m +12° 7'

2 h 34,3 m + 42° 10'

Die Photographie dürfte berufen sein, wie über die Veränderlichkeit der Fixsterne, auch über Nebel zuverlässige Kunde zu geben. Auch hat bereits Roberts, dessen schöne Photographien des Andromedanebels Bd. 18, S. 290, Erwähnung gefunden haben, diesen Nebel als veränderlich bezeichnet, weil drei im Dezember 1890 mit 5, 15 und 60 Min. Belichtungszeit erhaltene Negative einen entschieden sternartigen Kern dieses Nebels zeigen, während andre, mit kürzerer und längerer Belichtung erhaltene keine Spur davon erkennen lassen.

Nematoden (Fadenwürmer, Rundwürmer). Für die Stellung der N. im zoologischen System und ihre Verwandtschaft mit den Kratzern (Echinorhynchen), mit welchen sie gemeinsam die Klasse der Nemathelminthes bilden, ist von Wichtigkeit, daß die als Lemnisken bekannten rätselhaften Gebilde der Echinorhynchen nun auch bei den N. nachgewiesen sind. Sie erscheinen als Fortsetzungen der dorsalen wie ventralen Längslinien und schließen sich auch im Bau an die gleichen Organe der Kratzer an.

Auch das Wassergefäß ist bei diesen beiden bisher als sehr verschieden betrachteten Ordnungen homolog; es besteht in zwei oder einem Längsgefäß, welches durch je einen Porus mit der Außenwelt und mit der Leibeshöhle in Verbindung steht. Als typische Sinnesorgane sind die Hautpapillen der N. erkannt worden, indem der Eintritt von Nerven in dieselben verfolgt werden konnte. Von den Untersuchungen über die oft so komplizierte Entwickelung der N. ist besonders bemerkenswert die Klarlegung der Entwickelung der als Feind der Rübenkulturen bekannten Rübennematoden. Sie verläuft bei Weibchen und Männchen am Schlusse der Entwickelung verschieden und ist nicht eine einfache Metamorphose, sondern läßt verschiedene Larvenstadien unterscheiden. Das erste Stadium hat die gewöhnliche cylindrige Nematodengestalt, und in dieser Zeit leben die Larven in der Erde. Sind sie dann in ihre Nährpflanze eingewandert, so kommen sie bald zur Ruhe und häuten sich, wobei sie das Aussehen einer Flasche mit abgerundetem Boden und halsartig verjüngtem Vorderteil gewinnen. Infolge weiterer Nahrungsaufnahme baucht sich der Larvenkörper immer stärker auf; bei den zukünftigen Männchen hört in diesem Stadium das Wachstum auf, während die Weibchen kugelig werden, die Wurzelepidermis hierdurch sprengen, mit dem Hinterende aus der Wurzel heraustreten, in dieser Lage befruchtet werden und schließlich in ihrem Innern nur noch Eier und Junge beherbergen, so daß sie am Ende eine einfache bräunliche Brutkapsel darstellen, die dann von der Wurzel abfällt. Das Männchen nimmt, nachdem die Nahrungsaufnahme und hiermit das Wachstum, wie erwähnt, aufgehört, eine Art Häutung vor, wobei aber die Haut nicht abgestreift wird, sondern hüllenförmig das Tier umgibt, in dessen Innerem sich nun die Geschlechtsorgane bilden. Hierbei nimmt es nun auch eine schlanke, cylindrige Gestalt an und bildet infolgedessen in der Kapsel mehrfache Schlingen; endlich zerreißt das fertige Männchen die Larvenhülle, durchbohrt die Wurzel und geht bald nach der Befruchtung des Weibchens zu Grunde. Die Dauer der Umwandlung des Männchens beträgt 5-6 Tage, die ganze Entwickelung vom Ei bis zur geschlechtsreifen Form 4-5 Wochen, so daß in einer Saison 6-7 Generationen folgen; die Art der Entwickelung des Männchens steht unter den N. einzig da und erinnert an die Entwickelung der Kratzer und der Schildläuse.

Welch große Widerstandsfähigkeit die parasitischen N. besitzen, beweisen Bunges Untersuchungen über die Atmung der Würmer. Die im Dünndarm der Katze lebenden Spulwürmer (Ascaris mystax) vermögen in vollkommen sauerstofffreien Medien vier- bis fünfmal 24 Stunden zu leben und führen während dieser Zeit fast ununterbrochen lebhafte Bewegungen aus; Ascaris acus aus dem Darme der Ratte lebte unter den gleichen Bedingungen bis sechsmal 24 Stunden und A. lumbricoides aus dem Darme des Schweines siebenmal 24 Stunden. Ohne Sauerstoff aufzunehmen, produ-^[folgende Seite]