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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Ornament (hebräisch, griechisch, römisch)
Chrysanthemum zusammenfegt (s. auch Taf. IV, Fig. l u. ^).
Die hebräische Kunsthat sich aufdcm Gebieteder Plastik und Ornamentik auch zur Zeit ihrer Blüte nicht über die primitivsten Leistungen emporzuschwingen vermocht. Die Furcht vor cinreißendem Bilder- und Götzendienst gestattete nur schüchterne künstlerische Versuche, denen die in Gold getriebenen Cherubim auf dem Deckel der Bundeslade und einzelne Darstellungen von Tierfiguren in den Tempel- und Privatbauten zuzuzählen sind. Das Pflanzenornament hielt sich in bescheidenen Grenzen. Lilie, Nose, Koloquinte, Granatapfel und Dattelpalme gehören zu den aus der umgebenden Natur entnommenen Motiven.
Die griechische Ornamentenflora überrascht durch die vielseitige ästhetische Ummodelung der gegebenen Pflanzenformen, durch die sinnige, praktische Auswahl der Pflanzengebilde, durch die ge- ! schmachvolle, systematische Verteilung, den maßvollen Ausdruck und die durchsichtige Verhüllung der entlehnten Naturformen. Sie ist von der naturgetreuen Darstellung der einzelnen Pflanzenarten weit entfernt, und diese Entfernung von dem natürlichen Ausgangspunkt ist derartig, daß man die erhaltenen Resultate als eine wirklich neue Schöpfung betrachten kann. Ungeachtet der verhüllenden Darstellung lassen die griechischen Ornamente dennoch einzelne Pflanzenarten deutlich erkennen: Aloe, Palme, Winde, Lorbeer, Ähren, Epheu, Tulpen, Eichenblätter, Pinienzapfen, der Mohn mit seiner Frucht, die Blüte der Sonnenrose, beide sehr naturalistisch, das Weinblatt mit einer in seiner Mitte befindlichen Traube bilden häufige Wiederholungen (Fig. 1 beifolgender Tafel).
In den Rankenzügen der krönenden Elemente der Bauwerke finden wir in regelmäßiger Abwechselung Palmette und Lotos in freier, geschmeidiger und schwunghafter Entfaltung (Taf. I, Fig. 33 und 34). Die griechische Ornamenten-Lotosblume zeigt einen gestielten, zweiteiligen Kelch; aus ihm schießen in der Regel fünf symmetrisch angeordnete Blätter in die Höhe, von denen je zwei seitliche sich sanft nach außen neigen. Häufig setzt sie sich aus einem Doppelkelch zusammen, der aus lanzettförmigen Spitzblättern besteht. Aus der Mitte des obern Kelches erhebt sich der blattartige Stempel. Nicht selten ist der obere Kelch noch besonders gestielt, und der blattartige Stempel der Blüte wird zu einem mit Beeren besetzten Fruchtkolben. Die zierliche Palmette, aus der auch die Stirnziegel gebildet sind (Fig. 2 beifolgender Tafel), welche in vielerlei Gestalt auf den Tempelfriesen steht und in den Ornamenten bunt-bemalter Vasen wiederkehrt, mag vielleicht der gefügigen Fruchtschote des Iohannisbrotbaumes (l^o latonia silil Mil) oder den entfalteten Blütenblättern des Geißblattes (I^ouießr^l M'ifoliuiu) nachgebildet sein. Die tragenden Elemente der griechischen Denkmäler ziert die'Blätterwelle: eine Reihe nebeneinander fortlaufender Blätter. Dieselben sind entweder eckig, herzförmig oder rund, oft bauchig nach außen gebogen, so daß die Spitze den Fuß des Zierstabes berührt. In die Zwischenräume dieses Blattbandes drängt sich ein Zweites von kleinern spitzen Blättern hinein. Rand und Mittelrippe der Blätter der ersten großen Doppelreihe sind noch besonders entweder in der Bemalung durch eine andre Farbe oder in plastischer Darstellung durch Erhebung über die Fläche ausgezeichnet. Das tragende Element mit runden Blättern bezeichnet man mit dem Namen Eierstab. Daß dieses in Eiform behandelte O. den in aufgesprungenen Schalen der Roßkastanie (^.?30ulu5
Il ii>1)0ca8tamnu) eingebetteten Früchten entnommen sein soll, ist durchaus fraglich (Taf. I, Fig. 37). Die als Fessel der Vlätterwellen an ionischen und korinthischen Säulenkapitä'len und als Deckenornament (Taf. I, Fig. 35 und 36) auftretende Perlenschnur ist nach Lohde als heiliges Symbol anzusehen. Die Scheibchen und Perlen, allein oder paarweise aneinander gereiht, deuten auf die Samenkügelchen und Linsen gewisser, den Gottheiten geweihten Pflanzen.
In andern schmückenden tzaftmitteln der architektonischen Glieder, den Laubbändern und Vlättersträngen, begegnen uns Weinrebe, Lorbeer, Eiche, Sphen und Myrte in mehr oder minder stilisierter Form. Der berühmteste Ornamententypus der griechischen Kunst ist jedoch das Blatt des Akanthus, dessen edel geschwungene, geschmeidige Form sich in alle griechischen Kunstschöpfungen mischt, durch alle Perioden der klassischen Kunst den Vorrang behauptet und vom korinthischen Säulenkapitäl unzertrennlich ist. Das korinthische Kapital hat in seinem sehr zart und sehr frei behandelten Akanthusornament die geschmackvollsten Modifikationen aufzuweisen. Der Künstler hielt sich durchaus nicht streng an die natürliche Form des Blattes, sondern benutzte nur den Formgedanken desselben. Die einzelnen Blätter des Akanthusornaments ruhen auf breiter Basis. Die Nebenrippen der Blattfiedern laufen nicht, wie in imtni'n. an die Hauptrippe des Blattes, sondern einzeln an die Basis. Bei in sanftem Schwünge vornübergeneigten Spitzen der mittlern Partie des Blattes kommt jeder einzelne Teil desselben, Ränder, Einschnitte und Vuchtungen, voll zur Geltung. Bald jedoch genügt das einfache Akanthusornament nicht mehr. Schon erhebt sich über dem ersten Kranz ein zweiter, ja über diesen noch ein dritter von Akanthus- oder Spitzblättern, die sich leicht nach außen neigen. Das Atanthusornament beschränkt sich in seinem Auftreten nicht auf das Kapital, sondern geht auch in die Rankenzüge der Ornamente über, wo es sich entweder selbständig oder in Verbindung mit Lotos und Palmetten durch geniale Führung der Linien und reiche Modellierung auszeichnet.
Die Römer waren die Erben der Griechen. Sie hatten durch sich keine Kunst. Nach der ersten Kunstepoche, welche sie den Arbeiten der Etrusker (vollendete Vasen, Goldarbeiten, Gewölbe- und Arkadenbau, Taf. I, Fig. 4l)-43) verdanken, verlieren dieselben nach der Eroberung der griechischen Kolonien ihre ursprüngliche Originalität, und es existiert in Rom nur noch eine griechische Kunst, die h ier freilich nicht die erwünschte Pflege fand, sondern bald durch geschmacklose Überladung, namentlich der Ornamente, mehr und mehr von ihrer ursprünglichen klasfifchen Reinheitverlor. Das römische Akanthusornainent erscheint unschön und schwülstig, Blattspitzen und Vlattlauven sind widernatürlich abgerundet und nehmen ihm den Hauch genialer Entfaltung (Taf. I, Fig. 53). Kelch und Vlütcnblättcr des Lotos- und Palmettenornaments sind in einzelne Partien zerpflückt (Taf. I, Fig. 51 u. 52), und wir vermögen in dieser römischen Blume den ägyptischen Typus nicht wieder zu erkennen. In die Übergangszeit der hellenischen zur römischen Kunst fallen die vollendeten Wandgemälde von Herculaneum und Pompeji (Taf. I, Fig. 48,53, 54), auf deren Feldern frei und leicht schwebende Gestalten, Genien, Tänzerinnen, Bacchantinnen und Bacchanten, verschiedene mythologische Gestalten, Götter, Heroen, allerlei vierfüßige Tiere, Vögel, Szenen aus dem täglichen Leben und Landschaften zur Darstellung kommen. Hauptsächlich aber ist es