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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Schläfenringe; Schlafsucht; Schlagende Wetter.

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Schläfenringe - Schlagende Wetter

Anmerkung: Fortsetzung des Artikels 'Schlaf'

beruht wohl zum Teil der für die Gesundheit zuträgliche Einfluß der Bewegung in freier Luft. Kohlschütter hat festgestellt, daß während der ersten Stunde nach dem Einschlafen die Festigkeit des Schlafes in der Regel zu-, dann aber bis zum vollständigen Erwachen allmählich wieder abnimmt. Letzteres beruht wohl darauf, daß nach und nach mit fortschreitender Entlastung des Gehirns von Leukomaïnen der Schlaf oberflächlicher wird. Mit der Theorie von der schlaferzeugenden Wirkung der Leutomaïne steht es auch im Einklang, daß bei besondern Anforderungen, die an den Organismus gestellt werden, sowie bei besonders lebhaftem Stoffwechsel das Schlafbedürfnis ein weit größeres ist, als unter andern Umständen, daß Kinder und Schwangere weit mehr Schlaf nötig haben als Erwachsene und nichtschwangere Personen weiblichen Geschlechts. Daß große Gemütsaufregungen in derselben Weise wie körperliche Anstrengungen eine schlaferregende Wirkung äußern, beruht wohl darauf, daß erstere ebenso wie letztere zur Vermehrung der im Körper sich anhäufenden Ermüdungsstoffe beitragen. Vgl. Gautier, Sur les alkaloides dérivés de la destruction physiologique des tissues animaux (Par. 1886), Errera, Pourquoi dormons-nous? Communication faite à la Société d'Anthropologie de Bruxelles (1887).

Schläfenringe, s. Anthropologenkongreß, S. 31.

Schlafsucht, eine ausschließlich bei Negern (selten bei Mischlingen) vorkommende, in einer Funktionsstörung der Nervenzentren bestehende Krankheit, welche hauptsächlich an der Westküste und im Binnenland Afrikas zwischen Senegal und Kongo fast endemisch herrscht und als verheerende Seuche ganze Ortschaften entvölkert. Vereinzelte Fälle hat man auf den Antillen und in den amerikanischen Pflanzungen, wohin sie durch Sklaventransporte verschleppt wurde, beobachtet. Den englischen Militärärzten war sie ebenfalls bekannt, da die Engländer gern die befreiten Sklaven in ihre indischen Negerregimenter steckten. Das Krankheitsbild ist ziemlich veränderlich. Schläfrigkeit zu ungewohnter Zeit und von ungleichmäßiger Dauer, in andern Fällen Tobsucht, abwechselnd mit teilnahmlosem Stumpfsinn, bilden meist die Anfangserscheinungen. Zu der steigenden Schlafsucht gesellt sich beständiges Fieber, der Gang wird schwankend, Arme und Zunge zittern stark wie bei Alkoholismus, schließlich treten unüberwindliche Schlafsucht und allgemeines Zittern ganz in den Vordergrund, und zwar so stark, daß die Kranken ihr Nahrungsbedürfnis nicht mehr selbst befriedigen können; sie schlafen ein, noch ehe sie den halbgekauten Bissen verschlungen haben. In lichten Augenblicken machen sie mehr den Eindruck Schlaftrunkener als Geistesgestörter. Fast alle Fälle enden nach Monaten oder Jahren tödlich, wenn auch zwischendurch Unterbrechungen und scheinbare Besserungen mit stets verstärkten Rückfällen abwechseln können. Kein Lebensalter ist gegen die Krankheit gefeit, doch scheint das Alter von 12-18 Jahren, und zwar bei beiden Geschlechtern in gleichem Maße, am meisten gefährdet; die S. wird auch nicht durch Aufenthalt in einem andern Klima oder unter bessern Lebensbedingungen gehoben, sondern kann sich noch nach Jahren entwickeln, nachdem der Kranke den eigentlichen Herd der Seuche verlassen hat, in welchem er mutmaßlich die Keime der Krankheit aufnahm. Über die Ursachen der Krankheit herrscht noch nicht völlige Klarheit. Malaria erscheint ausgeschlossen, da im Blute die spezifischen Krankheitserreger derselben, die Plasmodien, auch die Milzanschwellung, fehlen. Früher sah man in Veränderungen ↔ der Nervenzentren und Hirnhäute, in schwächenden Einflüssen auf das Nervensystem (Hanfrauchen, übermäßiger Palmweingenuß, ungenügende oder schlechte Ernährung) die Vorbedingungen für die Entwickelung der Krankheit; die chronische Schwellung der Halsdrüsen und dadurch bedingter Druck auf die zum Hirn führenden Gefäße sowie Vergiftung mit Pflanzenprodukten, wie im Lager der Nachhut Stanleys von Banalya, sollten ursächlich zur Entstehung der Krankheit beitragen. Neuere Beobachtungen lassen es aber wahrscheinlich erscheinen, daß Blutparasiten die Ursache sind, da man, allerdings nicht in allen Fällen, Filaria sanguinis major oder minor im Blute nachweisen konnte. Die pathologische Anatomie konnte bis jetzt auch noch keine endgültigen Aufschlüsse über die Natur dieses merkwürdigen Leidens geben.

Schlagende Wetter. Unter den Unglücksfällen beim Steinkohlenbergbau erregen diejenigen, welche durch s. W. veranlaßt werden, stets das größte Aufsehen. Thatsächlich betragen von der Gesamtzahl der beim Steinkohlenbergbau zu Tode Gekommenen die durch s. W. Verunglückten in Preußen (1852-84) nur 12,54, in Österreich (1875-80) 13,35, in Belgien (1871-79) 18,99, in Frankreich (1871-80) 22,34, in Großbritannien (1871-80) 23,67 Proz. Auf 1 Mill. Ton. geförderte Kohle entfallen im Durchschnitt in den genannten Ländern und in der angegebenen Zeit 2,38 und auf 1000 Arbeiter jährlich 0,429 Todesfälle. In Preußen ereigneten sich 1861-84 437 todbringende Explosionen, bei welchen im ganzen 1137 Personen das Leben verloren. Von diesen Explosionen töteten 257 je 1 Person, 85 je 2 und 66 je 3-5 Personen, ferner 17 Explosionen je 6-10 Personen, 7 je 11-20 Personen, 3 je 21-50 und 2 mehr als 50 Personen.

S. W. sind Mischungen von Luft mit brennbaren Gasen. Letztere entwickeln sich überall, wo organische Substanz im Boden angehäuft liegt und langsame Umwandlungen unter Bildung eines an Kohlenstoff reichern Produktes erleidet, wie in Steinkohlen-, Salzbergwerken, auf Petroleumlagern etc. Strömen diese brennbaren Gase in geschlossene Räume aus, so mischen sie sich mit der in letztern enthaltenen Luft, und es entsteht ein Gemisch, welches sich sehr leicht entzündet und unter heftiger Explosion verbrennt. Die Beschaffenheit der brennbaren Gase im speziellen ist abhängig von der Art der Verwesung, welcher die organische Substanz unterliegt, der Dauer des Verwesungsprozesses, dem Vorhandensein und der Beschaffenheit unterirdischer Wasserläufe, der Natur und der Mächtigkeit des Deckgebirges, den geologisch-dynamischen Verhältnissen und von lokalen Eigentümlichkeiten. Bei der Darstellung von Leuchtgas geben die in Retorten erhitzten Steinkohlen zuerst Gase, die mit leuchtender, rußender Flamme brennen, dann nicht rußende, dann weniger leuchtende Gase und zuletzt fast nur noch Wasserstoff, während fast reiner Kohlenstoff (Gaskoks) zurückbleibt. Ganz ähnliche Prozesse verlaufen bei der Kohlenbildung in der Erde, nur daß hier sehr langsam erfolgt, was in der Retorte bei sehr hoher Temperatur in wenigen Stunden erreicht wird. Daher sind die jüngern Kohlen ärmer an Kohlenstoff und reicher an flüchtigen Produkten, während die ältern immer reicher an Kohlenstoff werden und die flüchtigen Bestandteile bis auf geringe Mengen verlieren. Im speziellen ist der Verlauf des Prozesses von den lokalen Verhältnissen abhängig und geologisch gleichalterige Kohlen können von sehr verschiedener Beschaffenheit sein. Man kann auch nicht im allgemei-

Anmerkung: Fortgesetzt auf Seite 810.