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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Sibirien (Verkehrswege, Ansiedelung)
deren jeder denn auch bereits eine namhafte Dampferflotte besitzt. Die Kosten des Transportes von und nach Europa sind unter solchen Umständen so bedeutend, daß nur die wertvollsten Waren sie tragen können. An Ausdehnung des Handels ist dabei kaum zu denken. Bei Herstellung einer Eisenbahnverbindung würde das mit einem Schlage anders. Wie die Erfahrung mit der transkaspischen Bahn bewiesen hat, würde ein solches Verkehrsmittel die Ansiedelung sehr rasch steigern und damit überall neue Interessen schaffen. Die Ausbeutung der natürlichen Reichtümer des Landes würde einen großen Aufschwung nehmen, der Holzhandel, Getreidebau, die Goldgewinnung einer ganz andern Entwickelung als bisher fähig werden und vor allem der Transithandel nach und von China zunehmen. In Erwägung dieser, Umstände setzte die russische Regierung eine technische Kommission ein, welche S. untersuchen und Pläne! für Bahnbauten entwerfen sollte. Nach dreijähriger Arbeit hat man das anfangs empfohlene System, die großen Wasserläufe der Kama, des Tobol, Irtysch, Ob, Tom, des Amur und Ussuri zu benutzen und dieselben nur durch einzelne Eisenbahnstrecken zu verknüpfen, jetzt fallen lassen, wiewohl es das billigste gewesen wäre, und zwar deshalb, weil infolge klimatischer Verhältnisse die Verbindung nur 4 1/2 Monate im Jahre hätte benutzbar sein können. Auch wären mit diesem kombinierten System vorzugsweise öde Gegenden erschlossen, reiche, zukunftbringende aber vernachlässigt worden. Man hat sich daher für eine ununterbrochene Eisenbahnlinie entschlossen und unter verschiedenen Projekten dem nachstehenden den Vorzug gegeben. Ausgangspunkt ist Samara an der Wolga, das nach W. hin in ununterbrochener Verbindung mit Moskau und St. Petersburg steht. Nach O. hin reicht von hier aus die Bahn über Ufa bis Slatoust am Westabhange des Ural. Von dort ab beginnt nun die neue Bahn mit der kurzen Uralstrecke bis Minsk (32 km), worauf dieselbe über Tschelabinsk, Tjukalinsk, Omsk, Kainsk, Tomsk, Mariinsk, Krasnojarsk nach Nishni Udinsk an der Uda geführt wird, im allgemeinen der bekannten großen Straße folgend. Das ist eine Länge von 2912 km, durch den bevölkertsten Teil Sibiriens führend und in Rußland an die fruchtbare Region des Tschernosem anschließend. Die! Kosten dieses Teiles der Bahn werden auf 236 Mill. Mk. veranschlagt. Nishni Udinsk ist der Mittelpunkt der ganzen Bahn. Die Weiterführung derselben von hier nach dem Kriegshafen Wladiwostok am Japanischen Meer soll folgendermaßen geschehen: Zuerst nach Irkutsk, von da nach dem Mweesowski-Imfen am Südufer des Baikalsees, dann nordöstlich über Tschita und Nertschinsk nach Strjetensk an der Schilka, dem großen Quellfluß des Amur. Im Thal der Schilka und des Amur geht es abwärts bis Chabarowka an der Ufsurimündung, alsdann in südlicher Richtung den Ussuri aufwärts und nach Wladiwostok. Diese zweite große Abteilung der Bahn, von Nishni Udinsk bis Wladiwostok, wird 7656 km lang, die ganze Bahn von Minsk bis Wladiwostok demnach 10,568 km. Die Gesamtkosten sind auf 740 Mill, Mk. veranschlagt, die zu ihrer Erbauung erforderliche Zeit auf 10-12 Jahre. Am östlichen Ende, von Wladiwostok aus, ist bereits eine kurze Strecke vollendet. Durch den Bau dieser Bahn wird die jetzt trotz des fast gänzlichen Mangels von Verkehrswegen sich jährlich steigernde Auswanderung russischer Bauern nach S. noch weit größer werden, denn die Lage der Bauern im europäischen Rußland ist eine sehr traurige. Obwohl man meinen sollte, daß hier leicht eine zehnfach stärkere Bevölkerung ihren Unterhalt finden könnte, vermögen jetzt die spärlichen Bewohner der Dörfer kaum ihren Unterhalt zu gewinnen.
Verschiedene Umstände wirken dabei zusammen. In erster Linie die verfehlte Durchführung der Bauernbefreiung und der Mangel der Gemeinden an Ackerland. Um die adligen Gutsbesitzer nicht allzu sehr zu schädigen, hat man seiner Zeit den Bauern so wenig Land wie möglich zugestanden und ihnen große Lasten aufgebürdet. Nach der für einen großen Teil Rußlands geltenden Gemeindeverfassung gehört das Land allen Bauern gemeinschaftlich. Sie verteilen dasselbe unter sich in bestimmten Zeiträumen und tragen gemeinsam auch alle Abgaben. Jeder muß mit dem ihm zufallenden, oft wert von andern abgelegenen Landstreifen zufrieden sein, gleichviel, ob derselbe gut oder schlecht ist. Natürlich gibt er sich keine besondere Mühe mit der Bestellung, Meliorationen kommen gar nicht vor. Auch wächst die Gemeinde beständig an Kopfzahl, die Ackerstücke werden daher immer kleiner; in vielen Gegenden Rußlands lohnen sie gar nicht mehr den Anbau. Daher fortschreitende Verarmung der Bauern wie der Gemeinden, bis schließlich kein andrer Ausweg bleibt, als durch Not gezwungen die heimische Erde zu verlassen, als Feldarbeiter in Südrußland sich zu verdingen oder nach S. zu gehen. Die Regierung hat, um derartiges zu verhindern, allerdings eine Bauernbank geschaffen, welche den Gemeinden Geld zum Ankauf von Land vorschießt. Aber dies Institut verlangt ziemlich hohe Zinsen, so daß die dauern im Fall einer Mißernte oder eines andern Unglücks oft nicht im stände sind, ihre Verpflichtungen zu erfüllen, und ihren Besitz unter den Hammer kommen sehen. Die Willkür der Behörden, Anmaßungen der großen Grundbesitzer und religiöse Motive wirken oft mit, um den Leuten die Heimat zu verleiden. So entschließen sich jedes Jahr Tausende von Familien zur Übersiedelung nach S. Das Land wird verkauft, verpachtet oder, findet sich dazu keine Gelegenheit, einfach verlassen. Gewöhnlich geht der Aufbruch bei Nacht und Nebel ohne Wissen der Behörden, welche die Leute der Steuerrückstände wegen Ulrückhalten würden, im Frühjahr vor sich. Die kleinsten Kinder und das wenige Gepäck sind auf einem Karren untergebracht, den ein magerer Gaul zieht. So geht es zur Wolga, und auf dieser und der Kama bringt ein Dampfer die Wanderer in einigen Wochen nach Perm. Von da geht es wieder zu Fuß oder allenfalls mit der Eisenbahn über den Ural nach Tjumen, wo die wochenlange Fahrt auf den sibirischen Strömen nach Tomsk beginnt. Die aus den südlichen Gouvernements Stammenden und die, welche zu arm sind, um die Dampferfahrt nach Perm zu bezahlen, schlagen meist den Landweg über Samara nach Orenburg und von dort über den Ural nach Tjumen ein. Nicht selten betteln sie sich auch zu Lande durch die ungeheuern Steppen bis zum Altai durch. Die Fahrt von Tjumen nach Tomsk ist an Entbehrungen und Beschwerden überreich und wird oft noch schrecklicher durch den Ausbruch von Epidemien auf den überfüllten Schiffen. Mit dem Erreichen von Tomsk beginnen neue Schwierigkeiten. Zwar hat die Regierung hier seit kurzem einen Kommissar ernannt, dem einige tausend Rubel zur Verfügung gestellt sind, um den Leuten, die, um weiter zu kommen, einen Karren und ein Pferd besitzen müssen, die Weiterreise zu ermöglichen; die Stadt Tomsk hat Baracken errichtet und sorgt für Pflege der Kranken, auch die private Wohlthätigkeit ist organisiert worden. Leider aber ist in S. fast nirgends seitens der Behörden