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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Ungarn (Geschichte)
Einnahmen entfallen auf: Tabaksgefälle 47/; Mill., Salzgefälle 15,2, Lotto 2,?, Verzehrungssteuern 45,6, Schankregale 15, direkte Steuern 99, Ungarische Staatsbahnen 69,7 (gegen 48,6 im 1.1891), Post- und Telegraphenwesen 13,3 Mill, Die Einnahmen aus dem Zollwesen, welche mit Österreich gemeinsam sind, betragen 5,6 Mill. Guld. - Vgl. auch den U. betreffenden Abschnitt im Art. Volksvertretung.
Geschichte.
Der Ackerbauminister Graf Bethlen, früher Obergespan und Comes des Hermannstädter Komitats, hielt sein Versprechen, die berechtigten Wünsche der ! Siebenbürger Sachsen zu erfüllen, das er einst ge- ^ geben hatte. Auf seine Veranlassung erklärte die ün- ! gurische Regierung im Dezember 1890, daß das! sächsische Nationalvermögen Eigentum der Sachsen-, nation und nicht, wie die Rumänen verlangten, des Königsbodens ohne Rücksicht auf die Nationalität sei; somit konnte das Vermögen der sächsischen Universität wieder ausschließlich für deutsche Kulturzwecke verwendet werden. Sodann wurden im Juni ^ 1891 in drei Komitaten des Königsbodens Obergespane sächsischer Abstammung an die Spitze der Verwaltung gestellt. Besonders die Ernennung des ^ Führers der sächsischen Volkspartei, Thalmann, zum ^ Sachsengrafen und Obergespan in Hermannstadt! wurde von den Sachsen dankbar aufgenommen. Die ! Rumänen, welche einst Tisza gegen die Sachsen Schergendienste geleistet hatten, fühlten sich nun um so mehr zurückgesetzt und forderteil einen entschiedenen Schutz ihrer Sprache und Kirche gegen die ungesetzlichen Übergriffe der magyarischen Behörden. ^ Die rumänische Uniuersitätsjugcnd versandte Anfang 1891 ein »Memorandum« über die Lage der Rumänen in U. an die Studierenden aller Nationen.
Dem gegenüber veröffentlichten die magyarischen Studenten der Universitäten und Akademien Ungarns eine in die Hauptsprachen Europas übersetzte Schrift: »Die ungarischen Rumänen und die ungarische Nation«, deren Titel schon die Begriffsverwirrung kennzeichnete, welche nationale Selbstsucht und Überhebung in den Köpfen der magyarischen Jugend hervorgebracht hatten; denn es gibt wohl einen ungarischen Staat, aber keine ungarische Nation, sondern nur eine magyarische neben andern Nationen in U.
Der Reichstag beschäftigte sich im Sommer 1891 mit der Beratung der vom Ministerium vorgelegten Verwaltungsreform. Nicht bloß die Regierungspartei, fondern auch die sogen, gemäßigte Opposition hatte anfangs diese Reform, welche die Komitats verwaltung in die Hände des Staates legen und damit der Verrottung derselben ein Ende machen sollte, mit Beifall begrüßt. Bald aber machte sich ein heftiger Widerstand gegen dieselbe von feiten der äußersten Linken, deren Mitglieder teilweise von der verlotterten Komitatswirtschaft Vorteil zogen, geltend, und um eine Abstimmung zu verhindern, suchte diese durch endlose Reden und durch Herbeiführung von Zlm'schenfällen die Beratung hinzuziehen. Die Geschäftsordnung des Abgeordnetenhauses bot kein Mittel, den Schluß der Beratung gegen den Willen eines Mitgliedes zu erzwingen. Als der Abgeordnete Ugron einen Infanteriehauptmann beleidigte und von demselben gefordert wurde, machte die Linke die Frage der parlamentarischen Immunität zum Gegenstand langwieriger und leidenschaftlicher Erörterungen. Auch dieAbsicht der Errichtung eines deutschen Theaters in Pest mußte zu Interpellationen herhalten. Unter diesen Umständen beschloß die Regierung, nachdem
das Haus die Verwaltungsreform im Prinzip angenommen hatte, die weitere Beratung zu vertagen, und erklärte daher 6. Aug., nachdem endlich der erste Paragraph der Vorlage, welcher die Verstaatlichung der Komitatsverwaltung festsetzte, mit 164 gegen 49 Stimmen angenommen worden war, daß die Beratung der Vorlage bis zu einem Zeitpunkt aufgeschoben werden müsse, wo dieselbe mit größerer Ruhe und Objektivität stattfinden werde; sie hoffe, daß die Nation das Verhalten der äußersten Linken, die rücksichtslose Obstruktion, brandlnarken werde. Es wurde dem ersten Paragraphen nur noch ein zweiter hinzugefügt, welcher die Regierung lediglich ermächtigte, die Neformentwürfe im Hause wieder einzubringen.
Darauf wurde der Reichstag 14. Aug. vertagt. Da im Herbst das Budget beraten werden muhte, war die Beratung der Verwaltungsreform bis zum nächsten Jahr verschoben.
Die Herbstsession des Reichstags wurde 3. Okt. eröffnet. Der Finanzminister Wekerle legte 7. Okt. den Voranschlag des Staatshaushalts für 1892 vor; durch entschiedenen Einspruch gegen die vom Reichskriegsminister vorgeschlagene Erhöhung der Ausgaben für das Heerwesen hatten der ungarische wie der österreichische Finanzminister das Gleichgewicht in ihren Budgets gerettet, das für die beabsichtigte Valutaregulierung unerläßlich schien. Die ordentlichen Ausgaben wareil auf 368,100,562 Guld., die außerordentlichen auf 7,275.728 Guld., die Anlagen auf 13,317,528 Guld., die außerordentlichen gemeinsamen Ausgaben auf 6,647,123 Guld., die Ausgaben zusammen also auf 395,340,941 Guld., gegen das Vorjahr 26,371,618 Guld. mehr, festgesetzt. Die ordentlichen Einnahmen betrugen 389,528,981 Guld., die vorübergehenden 5,824,955 Guld., zusammen 395,353,936 Guld., gegen das.Vorjahr 26,345,353 Guld. mehr. Es kam also ein Überschuß von 12,995 Guld. heraus. Die Rede des Finanzministers, welche den Voranschlag erläuterte, wurde mit stürmischem Beifall belohnt; er konnte mitteilen, daß die Schlußrechnung von 1890 einen Überschuß von 28 V2 Mill. ergeben habe, welcher zusammen mit andern verfügbaren Mitteln die Valutaregulierung ermöglichen werde. Auch eine Umwandlung der direkten Steuern konnte er in Aussicht stellen. Unter diesen günstigen Aussichten war die Annahme des Staatshaushaltsvoranschlags unzweifelhaft und erfolgte noch vor Ende des Jahres. Auch die Handelsverträge (s.d.)mit Teutschland, Italien und der Schweiz wurden genehmigt. Darauf wurden die Sitzungen des Reichstags 5. Jan. 1892 geschlossen und derselbe unmittelbar nachher aufgelöst, weil seine Mandatsdauer doch im Sonnner 1892 ablief und das Ministerinn: für die notwendigen Reformgesetze Zeit zur ruhigen, ununterbrochenen Beratung gewinnen wollte.
Trotz eifrigster Agitation der äußersten Linken und der Apponyischen Nationalpartei errang die Regierung bei den Reichstagswahlen die Mehrheit, namentlich mit Hilfe der nichtmagyarischen Wähler. Die beiden oppositionellen Parteien durften sich rühmen, die magyarische Nation reiner zu vertreten als die Regierungspartei, und verbanden sich zu gemeinschaftlichem, entschiedenem Vorgehen in allen nationalen Fragen. Die Thronrede, mit der der neue Reichstag 22. Febr. 1892 eröffnet wurde, kündigte außer einer gerechten Steuerreform und der von neuen: vorzulegenden Verwaltungsreform die durch die erstarkte Finanzkraft des Landes ermöglichte Währungsregelung an und wies auf die 25. Jahreswende des Ausgleichs von 1867 hin; auf dieser be-