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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Waldpflanzen (Formation des Unterholzes und der Waldbodendecke)

der W. in der jüngern Tertiärzeit herbeigezogen. Zur Miocänzeit waren nämlich die meisten der genannten Gattungen auch im heutigen Europa mit zum Teil jetzt noch lebenden Arten (wie z. B. Taxodium distichum) verbreitet. Während der Eiszeit verschwanden dann die atlantischen Formen aus Europa, indem sie zwischen zwei baumfeindliche Gletschergebiete, einem nördlichen, von Skandinavien ausstrahlenden, und einem alpinen, von den Pyrenäen bis zum Kaukasus reichenden, eingeschlossen wurden und nach ihrem infolge des Klimawechsels eingetretenen Absterben auch beim Wiedererwachen eines mildern Klimas ihre alten Standorte nicht wieder zu erobern vermochten; Reste der ursprünglichen Flora haben sich nur im Mittelmeergebiet erhalten (s. Platane, Bd. 18). Anders lagen dagegen die Verhältnisse in Nordamerika, dessen Gebirgszüge vorwiegend von N. nach S. verlaufen und daher während der bis etwa 40° nördl. Br. südwärts reichenden Vergletscherung der zurückweichenden atlantischen Waldflora kein wesentliches Hindernis in den Weg stellten; dieselbe hat sich daher hier in viel reichlicherer Weise erhalten können als in Europa. Daß einst auch im pacifischen Gebiet ursprünglich eine ähnliche Waldvegetation geherrscht hat wie im atlantischen Nordamerika, geht aus fossilen Funden in pliocänen Schichten Kaliforniens hervor, dessen goldführende Sande in Nevada County nach Lesquerreux 56 mit heutigen nordamerikanischen Spezies nahe verwandte oder identische Arten enthalten. Die Anschauungen Asa Grays wurden später von Engler weiter entwickelt und durch eine Reihe inzwischen bekannt gewordener Thatsachen näher begründet (s. Pflanzengeographie, Bd. 18), so daß für einen Teil der Waldflora in gemäßigtem Klima ein arktotertiärer Ursprung als sicher anzunehmen ist. Die Reste der südlichen Tertiärflora haben sich nur im Mittelmeergebiet, in Japan, im Himalaja und in Nordamerika aus den oben angedeuteten Ursachen erhalten.

Die nördliche Waldflora zeigt, soweit sie aus arktotertiären Elementen, wie z. B. bei Alnus, Betula, Corylus, Carpinus, Castanea u. a., hervorgegangen ist, gewisse mit ihrem Ursprung zusammenhängende, biologische Charakterzüge. Von den Nadelhölzern ist dabei abzusehen, da die europäischen Typen derselben, wie Tanne, Fichte, Kiefer und Lärche, schon zur Kreidezeit in verwandten Formen vorhanden waren und deshalb als ältestes, mesozoisches Florenelement nicht ohne weiteres mit den arktischen Pflanzen der Tertiärzeit vergleichbar erscheinen. Die den letztern nächstverwandten W. sind zwar zum Teil auf beiden Halbkugeln vertreten, fehlen aber im tropischen Gebiet und deuten auch in einzelnen biologischen Eigenschaften auf eine Ursprungsstelle mit kälterm Klima hin. Neben den Kälteschutzeinrichtungen wohlverwahrter Winterknospen und der periodisch unterbrochenen Laubentwickelung erscheint besonders die Eintrittszeit der Blütenperiode und der Fortpflanzung bedeutungsvoll. Das Blühen tritt nämlich bei einer größern Zahl nordischer Bäume nicht an heutigen Trieben, sondern erst an erstarkten ausdauernden Zweigen mit längerer Dauer des Wachstums ein; nur Gattungen mit etwas südlicherm Gepräge, wie Tilia, Fagus und Quercus, entwickeln die Blüten schon an den einjährigen Trieben. Ferner wird bei den nordischen W. entweder Blüte- und Fruchtreife früh beendet (z. B. bei Ulmus), oder das Blühen tritt sehr zeitig im Frühjahr, nicht selten schon vor der Laubblattentfaltung ein, um auf diese Weise einen möglichst großen Abschnitt der Vegetationsperiode auf die Ausbildung von Frucht und Samen verwenden zu können; bei Corylus, Betula und Alnus tritt sogar der Blütenstand bereits aus Knospen des Vorjahrs hervor und überwintert in nacktem Zustande, um bei erstem Erwachen der Frühjahrswärme den Blütenstaub ausstreuen zu können. Die frühzeitige Blütenentwickelung hängt weiter mit dem stark reduzierten Bau der Einzelblüten zusammen, wie sie bei den kätzchentragenden Kupuliferen, den Salikaceen, Platanaceen, Ulmaceen u. a. die Regel ist; nur die einen mehr südlichen Ursprung andeutenden Baumgattungen, wie Tilia, Acer, Prunus, Pirus u. a., machen in dieser Hinsicht eine Ausnahme. Übrigens deutet das Fernbleiben auch der Nadelhölzer von der Tropenzone eine Organisation derselben an, welche sie zur Verbreitung in nordischen Klimaten geschickt macht und wahrscheinlich schon in den Gebirgsregionen der Vorzeit von ihnen erworben wurde.

Der am Äquator gelegene, beiderseits von einer Wüstenzone begrenzte Gürtel der Erde beherbergt den Tropenwald (s. d.). Über die nähere geographische Verbreitung der verschiedenen Gruppen der W. ist die Karte zum Artikel Pflanzengeographie (Bd. 12, S. 960) zu vergleichen, welche die Zonen der Nadelhölzer, der laubabwerfenden Bäume, der immergrünen Gehölze (Buschpflanzen) und des tropischen Urwaldes durch verschiedene Farbentöne zur Anschauung bringt.

Die zweite Hauptgruppe der W., die Gewächse des vom Walde beschatteten Untergrundes, gliedert sich zunächst in zwei übereinander liegende Schichten, die als die Formation des Unterholzes und der Waldbodendecke unterschieden werden kann. Im mitteleuropäischen Wald wird erstere durch eine Reihe von Gebüsch- und Strauchformen, wie Juniperus, Crataegus, Lonicera, Sambucus, Rhamnus, Evonymus, Rubus, Rosa, Calluna, Vaccinium u. a., vertreten. Die den Waldboden bedeckende Flora ist teils von dem Grade der ihr zu teil werdenden Beschattung, teils von dem Wassergehalt, der Durchlässigkeit Und andern physikalischen oder auch chemischen Eigenschaften des Untergrundes abhängig; in ihr kommen daher die Unterschiede der Bodenmischung auch am deutlichsten zum Ausdruck. Dicht geschlossene, dunkle, mit einer mehr oder weniger mächtigen Schicht vermoderter Pflanzenteile ausgestattete Wälder entwickeln bei uns und in noch größerm Maßstabe in den Tropen eine Reihe von Humuspflanzen (s. d., Bd. 18), zu denen in unsern Waldungen auch die Schwämme gehören. Die Waldhumusschicht ermöglicht ferner die Vegetation von Wurzelpilzen (s. Mycorhiza, Bd. 17 u. im Hauptwerk, Bd. 11.), die für die Ernährung einer größern Zahl von W. von außerordentlicher Bedeutung zu sein scheinen und diesen den Stickstoffgehalt der Humusbestandteile erschließen. Oft zeichnen sich schattenreiche Waldungen durch Reichtum an frühblühenden Stauden aus, die schon vor oder während der Laubentfaltung der Bäume die Hauptstudien ihres oberirdischen Lebens zurücklegen. In dürren, geschlossenen Nadelholzwäldern bedecken Schichten von Calluna- und von Vaccinium-Arten, in andern Fällen auch Grasbestände oder dichte Moos- und Flechtenpolster den Erdboden. Wieder anders gestaltet sich das Bild der Waldgrundflora an niedern Berglehnen oder in höhern Bergregionen, in Überschwemmungsgebieten oder auf sumpfigen Strecken. Die Mannigfaltigkeit der Mischung ist hier eine so große, daß es selbst inner-^[folgende Seite]