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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Zweistufige Verdichtung - Zwergvölker

jedoch auf dem europäischen Festlande die Befürchtung und die Thatsache gegenüber, daß diejenigen Zöglinge, welche aus der städtischen oder aus Fabrikbevölkerung stammen, nach der Entlassung aus der Zwangserziehung die Beziehungen zu ihrer Familie in der Stadt wieder aufsuchen und, da sie hier ihre landwirtschaftliche Ausbildung nicht verwerten können, leicht einem unregelmäßigen Leben und schließlich vollständig dem Müßiggang verfallen. Es empfiehlt sich deshalb vielleicht mehr, nur die Zöglinge, welche aus der ländlichen Bevölkerung stammen und mutmaßlich wieder zu derselben zurückkehren, zur Landwirtschaft anzuhalten, Abkömmlingen der städtischen Bevölkerung dagegen eine gewerbliche Ausbildung zu geben, soweit sich nicht ein Mittelweg, z. B. durch Vereinigung landwirtschaftlicher und gewerblicher Ausbildung, finden läßt. Ein andrer Ausweg ist die Bildung einer »Schiffsjungenklasse«, deren Angehörige schon in der Anstalt für den Schiffsjungendienst vorbereitet und unmittelbar aus der Anstalt in eine Schiffsjungenschule gebracht werden.

Die Einrichtung der Anstalt fordert möglichste Einfachheit, damit die Zöglinge nicht an Bedürfnisse gewöhnt werden, welche sie später voraussichtlich nicht befriedigen können. Die Zeit des Aufenthalts ist durch die Anstaltsverwaltung, bei Familienerziehung etwa durch den Vormundschaftsrichter, immer innerhalb einer gesetzlichen Grenze nach freiem Ermessen zu bestimmen. Die Zeit kann durch bedingte Entlassung abgekürzt werden, so daß der Entlassene noch eine bestimmte Frist nach erlangter Freiheit der Gefahr ausgesetzt ist, im Falle schlechter Führung wieder in die Anstalt eingeliefert zu werden; während dieser Probezeit ist eine Schutzaufsicht durch Vereinsorgane angemessen.

Vgl. v. Holtzendorff und v. Jagemann, Handbuch des Gefängniswesens Bd. 2, S. 280 ff. (Hamb. 1888); Wines, The state of prisons and of child-saving institutions in the civilized world (Cambridge 1880); Aschrott, Strafensystem und Gefängniswesen in England (Berl. 1887); Derselbe, Die Behandlung der verwahrlosten und verbrecherischen Jugend (das. 1892); v. Liszt in der »Zeitschrift für Strafrechtswissenschaft«, Bd. 12, S. 161 ff.; Münsterberg, Zwangserziehung, in v. Stengels »Wörterbuch des Verwaltungsrechts«, Bd. 2 (Freib. i. Br. 1889); Gutachten für den Petersburger Gefängniskongreß (1890) von Fuchs, Voisin, Pratesi, Mouat, Toutchew, Taverni, Fowke, Lütken, Krajcsik, Gaal, Reeve, Clifton, Randall im »Bulletin de la Commission pénitentiaire internationale« 1888, 1889, 1890.

Zweistufige Verdichtung, s. Kraftversorgung.

Zwergvölker. Daß eine Verbindung zwischen den einzelnen Zwergvölkern, deren man bei genauerer Durchforschung Afrikas immer mehr unter den übrigen Stämmen verstreut aufgefunden hat, früher bestanden habe, gilt allen Forschern als unzweifelhaft. Die durchschnittliche Körpergröße ist als gemeinsames Merkmal dieselbe. Etwanige Abweichungen in der äußern Erscheinung können wegen der räumlichen Entfernung durch andre tellurische und klimatische Einflüsse oder durch eine verschiedene Lebensweise ihre Erklärung finden. Während einzelne Forscher die Z. anthropologisch von den sie umgebenden Völkerschaften scheiden wollen, sehen andre mit mehr Recht in ihnen nach ihren körperlichen Merkmalen nur eine Abart der Negerrasse. Von den als für sie charakteristisch angeführten Hängebäuchen, wie Schweinfurth sie bei den Akka, Fritsch sie bei den Buschmännern fanden, nahmen Emin, Casati, Stanley und Jephson nur bei ganz jugendlichen Mitgliedern etwas wahr. Der Grund für diese abweichende Erscheinung ist wohl darin zu suchen, daß die einen mehr animalische, die andern mehr vegetabilische Nahrung zu sich nehmen. Am Lulua, dem großen rechtsseitigen Zufluß des Kassai, fand Ludwig Wolf die Batua, an denen Wissmann auf seiner spätern zweiten Durchquerung Afrikas Messungen machen konnte. Die Männer (nur solche bekam man zu Gesicht) waren 1,40-1,45 m groß, von lichtgelber Farbe mit bräunlicher Schattierung, langgliederig, mager mit schönen, klugen Augen und feinen, durchaus nicht negerartigen, rosenroten Lippen. Ihre Sprache hatte etwas Singendes. Wegen ihres Pfeilgiftes waren sie bei einigen der sie umgebenden Stämme sehr gefürchtet, während andre sie verachteten. Stanley fand auf seinem Zuge zum Entsatz Emins am obern Aruwimi Zwerge, die er als Batua und Wambutti unterscheidet, und bei denen er auch Weiber und Kinder zu Gesicht bekam. Ihre Größe wechselte von 0,9-1,4 m; ihr Durchschnittsgewicht betrug 40 kg. Die Hautfarbe beschreibt er als der eines halbgebrannten roten Ziegelsteins ähnlich, die Kinnladen vorstehend, die Oberlippe in der Mitte steil nach oben geschwungen, die Gestalt wohlgeformt. Sie waren eifrige und geschickte Jäger, welche nomadisierend umherzogen, wegen ihrer tödlichen Giftpfeile bei den umwohnenden Stämmen gefürchtet, aber auch sehr geschätzt als außerordentlich wachsame Kundschafter. Jephson, der seine Größenmaße den anthropologischen Aufzeichnungen Emins entnahm, welcher eine große Anzahl gemessen hat, sagt, daß sie 1,20-1,24, nie aber über 1,245 m groß sind und auf dem ganzen Körper einen dicken Filz von steifem, graulichem Haar haben, der ihnen ein eigentümliches koboldartiges Ansehen gebe. Die Männer haben oft einen langen Bart, was bei den Negerrassen sehr ungewöhnlich ist, und beide Geschlechter einen eigentümlichen starken und höchst unangenehmen Geruch. Die Wälder schienen sie vorzuziehen, die bei Emin und Stanley verweilenden Zwerge befanden sich im offenen Lande niemals wohl, sie schienen die Sonne und die kalten Nächte nicht vertragen zu können und waren stets fieberkrank. Während die Zwergenfrauen, die im Gegensatze zu den Männern oft hübsche Formen haben, gute Dienerinnen abgeben und unermüdlich arbeitsam sind, sind die Männer weniger zu Diensten geneigt, beide aber, Männer wie Frauen, bewahren stets ein gewisses Unabhängigkeitsgefühl. Nach Jephson scheint bei diesen Zwergen Kannibalismus getrieben zu werden. Casatis Beobachtungen im Lande der Monbuttu ergänzen die vor ihm von Schweinfurth gemachten. Nach ihm leben im S. der von den Sandeh bewohnten Gegenden, die zwischen die Stämme Medsche, Maigo, Monfu und Mabode eingeschoben sind, zahlreiche Kolonien kleiner, kühner, unabhängiger und gefürchteter Menschen. Die Efe, so nennen sie sich selber, werden von den Monbuttu Akka, von den Sandeh Tiki-Tiki, von den Monfu Moriu und von den Mabode Afifi genannt. Die einen, klein und flink, mit rötlichbrauner, reichbehaarter Haut, sind Waldbewohner, die andern, von höherm Wuchs, stärkerm Gliederbau und von dunklerer Farbe der Haut, die mit dickerm, aber spärlicherm Haar bedeckt ist, bewohnen hohe, offen gelegene Ortschaften. Die Größe wechselt zwischen 1,30 und 1,50 m. Den Kopf bedeckt überreiches, rötliches Haar, das in einzelnen Fällen braun, gekräuselt, wollig ist; erwachsene Männer haben starke Bärte, doch mit nur wenig Haaren auf der Oberlippe. Sie sind Jäger, aber keine