Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

170

Afghanistan (Geographie und Statistik)

finden sich als Haustiere das Kamel, das Schaf (dessen meist rotbraune Wolle und verarbeitete Häute nach Indien gehen), das Pferd (ebenfalls nach Indien ausgeführt), besonders zum Lasttragen benutzte kräftige Ponies, Jabu genannt, viele Maultiere, Esel (der zahme wie auch der weiße wilde), in den Gebirgen auch Rinder. Die Mehrzahl der Vogelarten ist mit europäischen identisch. Die zahlreichen Falken werden zum Teil zur Jagd abgerichtet; Fasane, Lerchen u. s. w. kommen in großer Menge vor, ebenso eine große und sehr giftige Skorpionart.

Die Bevölkerung A.s, nicht einheitlicher Abstammung, wird von A. H. Keane (1880) auf 6145000 Seelen geschätzt, darunter 3520000 Afghanen. Im jetzigen Umfange zählt das Land etwa 4 Mill. E. In ihrem eigenen Dialekt nennen sich die Afghanen Puchtun, im Plural Pachtane, woraus in Indien Pathan geworden ist. Nach den Dialekten zerfallen sie auch in eine östl. (Gildschi) und westl. (Durrani) Gruppe. Die Masse der eigentlichen Afghanen gehört zum iran. Volksstamme im weitern Sinne. Ihre Sprache, eine ostpers. Mundart, hat jedoch in ihrem östl. Teile starke indische, im westlichen pers. Beimischungen erfahren. Die verschiedenen Stämme des Landes haben politisch besondere Vorrechte und Einrichtungen, wahrscheinlich je nachdem sie stoßweise von dem nordöstl. Hochlande eingewandert sind. Der im Westen über die eigentlich afghan. Grenzen hinaus wohnende Stamm der Hasara, etwa 360000 Seelen, sind Berla, ein mongol. Usbegenzweig aus Timurs oder sogar aus Dschingis Chans Zeit. Sie sprechen ein sehr altes Persisch und sind, wie die Perser, schiitische Moslems. Von den übrigen Stämmen, die das Hochland bewohnen, sind besonders die durch das ganze Gebiet zerstreuten Tadschik sowohl als Reste der ursprünglichen iran. Bevölkerung (mit Sinn für Ackerbau) als auch durch ihre Zahl von 1 Mill. Seelen bemerkenswert. Sie sind, wie die Afghanen, Sunniten und sprechen einen fast rein pers. Dialekt. Auch die den Hasara westlich benachbarten Aimak, eine Gesamtheit von wilden, räuberischen Stämmen, sind Sunniten. Türk. Abkunft hingegen sind die Katagan (Usbegen, etwa 200000), ferner die Kisilbasch (75000), Schiiten, die hier seit Nadir-Schah festen Fuß gefaßt, aber die pers. Sprache angenommen haben. Im Osten sind von Indien aus die sog. Hindki und die Dschat eingedrungen. Erstere, ½ Mill. Seelen, beschäftigen sich besonders in den Städten mit Handel und haben sich wahrscheinlich von der Kriegerkaste Ostindiens abgezweigt. Die sunnitischen Dschat dagegen sind sehr arm, ein schöner, kräftiger, dunkler Stamm, Hausdiener, Musiker, Barbiere u. s. w., von unbekannter, vielleicht altscythischer Herkunft. Im Süden von A. wohnen 100000 Belutschen (Iranier); im Nordosten etwa 100000 Badachschi, ferner in geringer Zahl Kafir (s. d.), anderer Einwanderungen, wie die von Armeniern u.s. w., nicht zu gedenken. Über alle diese herrscht der Zahl nach, wenn auch in viele Stämme gegliedert, doch durch Nationalbewußtsein zusammengehalten, der Afghane, kräftig von Körper, trotzig und stolz. Von den einzelnen Stämmen werden die tapfern und gewerbfleißigen Berdurani, im Nordosten, durch ein Offensiv- und Defensivbündnis untereinander zusammengehalten, welches fester ist als die Bande des Blutes. Ausgenommen davon sind die Jußufpehi (Jußufsai), die stolzesten und unruhigsten aller Berdurani, berüchtigt durch die in ihren Stämmen herrschende Anarchie. Obwohl vom Ackerbau lebend, überlassen sie doch die ganze Arbeit den sog. Fakir, welche Fremde sind oder unterworfenen Stämmen angehören. Diese dürfen von ihren Herren sogar getötet werden; zahlen sie jedoch ihr Schutzgeld und thun ihre Arbeit, so können sie nebenher nach Belieben Handel treiben und werden dann milde behandelt. Die Turkolani, thätige und freundliche Leute, stehen unter einem einzigen mächtigen Häuptlinge von großem Ansehen. Die Afridi und Schinwari am Spingargebirge sind die schlimmsten und verräterischsten Räuber in ganz A., die Babur ein civilisierter, handeltreibender Stamm. Die Sturiani waren Hirten, bis sie durch die Kaker ihrer Weidelandschaften beraubt wurden; seitdem sind sie Ackerbauer und haben, wie alle dortigen ackerbauenden Stämme, ihre Arbeiter oder Leibeigenen. Die Dschaudschi und Turi, stets einander feindlich, leben in den Thälern und Schluchten der Suleimankette. Die Schirani, um den Tacht-i-Suleiman, sind sehr arm und uncivilisiert, plündern jeden aus, brechen aber nie ihr Wort; Aussehen und Lebensweise sind überaus wild. Ähnliches gilt von den ihnen benachbarten Smurri und Wasiri. In dem langen Sawurathale wohnen die bedeutenden Handel treibenden schwarzen und weißen Serin. Die edelsten und wichtigsten Stämme sind die Durrani und Gildschi, hauptsächlich Hirten mit patriarchalischen Sitten, meist auf hohen dunkeln Hügeln hausend, die bald wüst, bald spärlich angebaut, überall aber offen sind und Weidegründe bieten. Größtenteils leben sie in Zelten (Kisdi) aus dunkler Wolle, die im Winter durch Felle warm und behaglich gemacht werden. Man schätzt die Zahl der Durrani auf 800000, die zwischen Herat und Kandahar, sowie in Kabulistan wohnen. Sie hießen früher Abdali, bis ihr Herr, der Häuptling Ahmad (gest. 1773), den Titel Durri Durrân, d. h. Perle der Perlen, annahm. Ihr Chan ist erblicher Häuptling, militär. Oberhaupt. Sie sind unter den afghan. Stämmen am meisten der Civilisation zugänglich. Die Gildschi, ein tapferes, hochsinniges Volk von etwa 600000 Seelen, am obern Tarnak und in einem großen Teile des Kabulthals, mit einigen wichtigen Städten, waren ehemals der Hauptstamm; ein Zweig derselben eroberte Persien. Aus den Holeki sind Könige und aus den Tochi sind Wesire hervorgegangen. Sie umfassen etwa 100000 Familien und ähneln den Durrani, welche sie als Rivalen sehr hassen. Dem undisciplinierbaren Selbstbewußtsein entsprach die eigentümliche Stammverfassung; aber auch jetzt, gegenüber dem Alleinherrscher, sind die Unterschiede der einzelnen Ulus oder Stämme mit ihren Chanen durchaus nicht aufgehoben. Die staatliche Organisation ist sehr locker.

Sprache und Litteratur. Die Sprache der Afghanen, das Pachtu (s. d.), in westafghan. Aussprache auch Puchtu oder Puschtu genannt, ist ein ostiran. Dialekt. Schriftstellerische Versuche begannen erst sehr spät und nur in Anlehnung an pers. Vorbilder. Einer der frühesten und zugleich berühmtesten Dichter ist Abdurrahman aus dem Distrikt von Pischawar, ein gelehrter Sufi. Ferner sind zu nennen: Mirza Chan Anßari, der in der ersten Hälfte des 17. Jahrh. dichtete; Chuschhal Chan Chatak, sein Zeitgenosse, der einen Aufenthalt in Indien nahm; besonders aber Ahmad Schah Abdali, der Gründer der Durrani-Dynastie. Auch fehlt es nicht an histor. und religiösen Aufzeichnungen,