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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Afghanistan (Geschichte)

doch geht keine derselben über das 15. Jahrh. zurück. Durch die in A. stets in hoher Blüte stehende pers. Litteratur ist die eigentlich afghanische in ihrem Wachstum stark beschränkt worden.

Handel und Industrie sind in Kabul, Kandahar und andern größern Städten sehr entwickelt, besonders das Kunstgewerbe. Den Verkehr zwischen Ostindien und Centralasien besorgen die sog. Lohani-Kaufleute, Povinda oder Käufer genannt. Diese bewaffneten, auf ihrem Zuge durch Zölle und Abgaben vielfach beschwerten Handelsleute überwinden schwierige Gebirgspässe und räuberische Stämme, wenn sie, von Buchara ausgehend, sich zu großen Karawanen vereinigen. Zweimal im Jahre versuchen sie die Reise aus den Wüsten Bucharas durch die Pässe des Paropamisus, die Gildschi-Hochebenen und die Pässe der Suleimankette bis zum Pandschab. Hier angekommen, lassen sie ihre Kamele und Waffen zurück und gehen mit ihren Ballen auf der Eisenbahn,Dampfschiffen u.s.w. nach Kalkutta, Karatschi, Bombay u. s. w., zuweilen selbst bis nach Assam und Birma. Von Ostindien bringen sie Zeuge aller Art, Töpfer- und Metallwaren, Indigo, Brokat, Zucker, Gewürze, Thee, Cochenille, Ammoniak, Pferde, Kamele, Krapp, Teppiche, Droguen, Münzen, Kupfer, Perlen, Draht, Goldborte, Opium (obwohl für Rußland streng verboten) u. s. w. Der Wert des Povinda-Handels beläuft sich jährlich auf 30300000 M.

Entdeckungsgeschichte. Über die frühere Zeit s. Asien. In der neuesten Zeit wurde A. namentlich in seiner östl. Hälfte bekannter durch die Forschungsreisen und Aufnahmen von Offizieren und Topographen, welche 1878 und 1879 den englischen in A. vorrückenden Heersäulen folgten; Tanner unternahm einen Ausflug zu den Sija-posch-Kafir; Scott bestimmte von dem 4760 m hohen Sikaram, dem höchsten Gipfel des Sefid-Koh, aus zahlreiche Spitzen des Hindukusch. Am eingehendsten wurde das Gebiet zwischen dem Indus und Kandahar untersucht; viele Irrtümer berichtigte hier Gore, welcher das Thal Pischin beschrieb: Campbell besuchte das Thal Schorawak im SW. und das Tobaplateau im N. von Pischin; Roger bewerkstelligte eine Aufnahme von Kandahar; die Straße Kandahar-Girischk, der beste Landweg zwischen Indien und Persien, wurde von Kapitän Beavan untersucht. Die Geographie des nordwestlichen A.s wurde durch die Arbeiten der von 1884 bis 1887 thätigen russ.-brit. Grenzkommission unter Sir Peter Lumsden bereichert. Die geolog. Durchforschung beendete Griesbach 1889. Die Ergebnisse sind zusammengefaßt in der 1891 erschienenen vierblättrigen Karte (1: 520640), die ein ganz neues Bild des Landes entwirft.

Geschichtliches. Die Afghanen treten erst sehr spät in die Geschichte klar erkennbar ein. Zwar erscheint ihr Name schon in den Paktyern (Puchtun) des Herodot; ihr jetziges Gebiet wird zum Teil mit dem Vaekereta des Avesta gemeint sein, ebenso mit den Bezeichnungen der alten Geographen Drangiana und Ariana. Aber es ist zweifelhaft, ob Stämme der heutigen Bewohner schon damals in diesen Grenzen saßen. Von nahen Beziehungen zu Indien zeugen noch heute die buddhistischen Kolosse von Bamian. Zuerst werden die Afghanen bestimmt genannt in den Kriegszügen des Mahmud von Ghasni. Die Nachwanderungen fanden indes sehr langsam statt, und noch im 14. Jahrh. saßen einzelne Stämme außerhalb der jetzigen Grenzen. Später noch wohnten die Kafir massenhaft in Ostafghanistan, wie damals wahrscheinlich auch die Tadschik in Westafghanistan als herrschender Stamm. Die Zeit der pers.-mongol. Herrschaft öffnete den kriegerischen Stämmen den Weg ins Land; doch sammelten sie sich erst um die Mitte des 18. Jahrh. zu geschlossenem Auftreten und durchzogen unter Mahmud und Aschref siegreich ganz Persien. Unter Nadir Schah waren sie den Persern wieder unterthan. Als nach dessen Tode (1747) in Persien selbst Unruhen ausbrachen, benutzte Ahmad Schah (s. d.) die Gelegenheit, das Joch der Perser abzuwerfen, und begründete die Dynastie der Durrani oder Abdali; vor seinem Tode erstreckte sich das Reich vom Oxus bis zum Meere und von Nischapur in Chorassan bis Sirhind im Pandschab. Auch Kaschmir war ihm unterthan. Er baute Kandahar wieder auf. Sein Sohn Timur starb 1793 und dessen zweiter Sohn Siman bestieg den Thron. Seinen Bruder Mahmud, der in Herat residierte, nötigte er, auf pers. Gebiete Schutz zu suchen. Doch bald verbanden sich Fath Chan (engl. Futeh Chan), Oberhaupt des mächtigen Geschlechts der Bariksai, und Mahmud gegen Siman, setzten sich in Besitz von Kandahar und vertrieben 1800 Siman, der, geblendet, in Ludiana den Schutz der brit.-ind. Regierung fand. Nach kurzem Zwischenregiment seines Bruders Schudscha ul-Mulk bestieg Mahmud zum zweitenmal den Thron. Durch die Hinrichtung seines Bundesgenossen Fath Chan zog er sich den Haß der Bariksai zu und mußte 1823 abermals die Regierung niederlegen. Er starb 1829 in Herat, das allein noch in seinem Besitze geblieben war. Mit ihm brach die Durrani-Monarchie, die 76 Jahre bestanden, zusammen. Das Reich ging, mit Ausschluß Herats, an die Bariksai über; in Kabul gelangte Dost Muhammad, in Kandahar Kohan Dil, in Pischawar Sultan Muhammad zur Herrschaft. An der Spitze stand der älteste der drei Brüder, Dost Muhammad, als Chan von Kabul. Im Osten geriet dieser in Kampf mit Lahaur; im Westen wurde Herat von Persien mit Krieg überzogen. Am 1. Okt. 1838 erklärte der brit. Generalgouverneur von Indien, Lord Auckland, A. den Krieg, da Dost Muhammad den brit. Alliierten Randschit Singh unrechtmäßig bekämpft und Schudscha Schah als rechtmäßiger Thronerbe Englands Schutz angerufen habe. Ein anglo-ind. Heer von 12000 Mann und 40000 Köpfen Lagergefolge überschritt 20. Febr. 1839 den Indus, im März mit Verlusten den Bolanpaß, 7. April den Kodschakpaß und gelangte 25. April nach Kandahar, wo Schudscha Schah von seinem Reiche förmlich Besitz ergriff. Am 22. Juli wurde Ghasni besetzt und 7. Aug. zog der Schah mit der brit. Hauptmacht in Kabul ein. Dost Muhammad, in hilfloser Lage jenseit des Oxus, gab sich zwar den Engländern gefangen, aber sein Sohn Akbar trat an die Spitze einer Verschwörung, an die, trotz aller Anzeichen, weder der brit. Kommissar Alex. Burnes noch Macnaughten, der brit. Minister am Hofe zu Kabul, glaubten. Macnaughten bezahlte mit engl. Gelde den königl. Hofhalt Schudscha Schahs sowie die Beamten und kirrte die Häuptlinge durch Geld, so daß A. dem ind. Schatze jährlich fast 27 Mill. M. kostete. Sobald aber den Häuptlingen die fernern Geldzahlungen entzogen wurden, brach der Sturm los. Am 2. Nov. 1841 erhob sich das ganze Land gegen die meist in Kabul stationierten 8000 Mann europ. Truppen und Sipahi; Burnes, Macnaughten