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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Afghanistan (Geschichte)

und viele brit. Offiziere wurden ermordet. Die entmutigten brit. Anführer, namentlich der altersschwache Elphinstone, suchten nun Rettung durch Unterhandlungen. Mit Akbar und den afghan. Häuptlingen kam ein Vertrag zu stande, wonach die Briten gegen sicheres Geleit, Transport- und Lebensmittel für den Rückzug ganz A. räumen sollten. Darauf hin verließ die brit. Armee 6. Jan. 1842 Kabul, um sich durch den Chaibarpaß nach Indien zu wenden. Indes blieb die Lieferung von Lebensmitteln aus und die fanatischen Stämme des Landes fielen über den Zug her. Das brit. Heer, 16000 Köpfe, erlag der Kälte oder den Waffen der Afghanen. Die brit.-ind. Regierung unter Lord Ellenborough schien neuen Kämpfen abgeneigt. Doch zog General Nott von dem in brit. Gewalt gebliebenen Kandahar gegen Ghasni, das er 6. Sept. 1842 besetzte und zerstörte. Nach Kabul war indes General Pollock durch den Chaibarpaß vorgedrungen und vereinigte sich dort mit Nott Mitte September. Der Zerstörung auch dieses Platzes folgte die Zerstreuung der Scharen Akbars und die Befreiung der gefangenen Engländer. Die brit. Feldherren traten im Dezember den Rückzug an und gingen im Siegesbewußtsein so weit, den gefangenen Dost Muhammad freizulassen. Aus Hindustan zurückkehrend und von den Verhältnissen daselbst unterrichtet, wurde derselbe in Kabul als Rächer der Stammehre empfangen und befestigte zunächst seine Herrschaft. Schon 1846 ging er ein Bündnis mit den Sikh (s. d.) ein. Doch vernichtete die Schlacht vom 21. Febr. 1849 die Macht seiner Bundesgenossen. Dost Muhammad besaß bis 1850 nur die Provinzen Kabul und Dschalalabad; bis 1855 eroberte er Ghasni, Kandahar und Girischk, 1856 Balch und Chulm, bis 1858 die Distrikte von Achschi, Schibergan, Andchui, Maimene und Sistan, 1861 Kundus und Badachschan. Zur Sicherung seiner Eroberungen hatte er 30. März 1855 mit der brit.-ind. Regierung ein Schutz- und Trutzbündnis abgeschlossen, in dem er als Emir von A. anerkannt wurde. Als Anfang 1862 ein pers. Heer die afghan. Grenze bedrohte und Sultan Ahmed Chan von Herat, auf Anstiften der Perser, gegen Farrah und Kandahar vorrückte, rief Dost Muhammad die Hilfe der Engländer in Indien an, säuberte die Grenze und zog vor Herat, das 26. Mai 1863, nach langer Belagerung in seine Gewalt fiel. Ahmad Chan war kurz vorher gestorben und Dost Muhammad starb bald nachher (29. Mai) im 92. Lebensjahre, Herat blieb in den Händen der Afghanen.

Dost Muhammad hatte seinen Sohn Scher Ali Chan zum Nachfolger bestimmt; ihm wurde jedoch von seinen Verwandten die Würde streitig gemacht und er sah sich nach der Niederlage bei Schekabad (5. Mai 1866) außer stande, vorderhand seine Ansprüche weiter zu verteidigen. Hierauf wurde Scher Alis ältester (Halb-) Bruder, Afsal Chan, aus dem Gefängnisse geholt, in Kabul zum Emir erhoben und Februar 1867 von der brit.-ind. Regierung anerkannt. Nach seinem Tode (Okt. 1867) riß Scher Alis anderer (Halb-) Bruder, Mehemmed Asim Chan, die Emirwürde an sich, und Abd ur-Rahman Chan, der Sohn Afsals, ging als Gouverneur nach Balch. Inzwischen wurde Scher Ali von seinem Sohne Jakub Chan, Gouverneur von Herat, und sonstigen Anhängern unterstützt, so daß er nunmehr 17000 Mann und 18 Kanonen ins Feld stellen konnte, mit denen er 1. April 1868 Kandahar einnahm. Er eroberte Ghasni und Kabul. Asim Chan, der bisher die Emirwürde in Kabul an sich gerissen, floh nach Balch.

Mitte Dez. 1868 schlug Scher Ali den Abd ur-Rahman bei Bamian, so daß dieser sich nach Balch zurückziehen mußte, und im Jan. 1869 seinen Halbbruder Asim und Abd ur-Rahman bei Ghasni, so daß sie Schutz auf brit. Gebiete suchen mußten. Der Prätendent Asim Chan starb im Okt. 1869; Abd ur-Rahman suchte indes dem Scher Ali in den Nachbarländern Feinde zu erwecken, während ein von Jakub gegen seinen Vater mit Hilfe der altnationalen Partei, der die Reformbestrebungen Scher Alis verhaßt waren, erregter Aufstand mit der Eroberung Herats 8. Mai 1870 durch Scher Ali endete. Später fand zwar eine scheinbare Ausgleichung zwischen Jakub und seinem Vater statt; als jedoch im Herbst 1874 Jakub zur endgültigen Schlichtung der Streitigkeiten nach Kabul kam, wurde er sofort verhaftet, sehr bald indes frei gelassen und ein abermaliger Ausgleich geschlossen. Ein neuer Aufstand zu Gunsten Jakubs fand 1875 statt, wurde aber von Scher Ali unterdrückt. Jakub wurde gefangen gesetzt, Ende 1877 aber wieder entlassen.

Die Engländer hatten sich lange von jeder Einmischung in die innern Angelegenheiten A.s fern gehalten; ihre Politik nahm erst eine bestimmte Richtung wegen der Fortschritte des russ. Einflusses in Centralasien an, als Scher Ali seine Herrschaft fest begründet hatte. Ende März 1869 veranstaltete der brit. Generalgouverneur von Indien, Lord Mayo, zu Ambala eine Zusammenkunft mit Scher Ali, die dessen Anerkennung als Herrscher A.s besiegelte und an die sich Bündnisverträge knüpften. Die nächste Folge davon war, daß Ende 1869 zwischen Scher Ali und dem Emir von Buchara (Musaffer Eddin) der Streit um die turkestan. Grenzgebiete gütlich beigelegt wurde, indem man den obern Amu als die Grenzscheide zwischen A. und Buchara annahm. Seitdem Rußland thatsächlich auch in Buchara herrscht, bildet A. die freilich weite Schranke, welche die beiden europ.-asiat. Großmächte England und Rußland noch voneinander scheidet. Durch Vereinbarung zwischen der russ. und engl. Regierung, insbesondere durch die engl. Depesche vom 17. Okt. 1872 und die russische vom 31. Jan. 1873, wurde die Nordgrenze A.s so festgesetzt, daß Badachschan mit Wachan, die Distrikte Kundus, Chulm, Balch, Achschi, Siripul, Maimene, Schibergan und Andchui zu A. gehörten.

Gegen Ende des Russisch-Türkischen Krieges von 1877 und 1878, als Großbritannien geneigt schien, seine bisher neutrale Haltung aufzugeben, und bereits Truppen aus Indien nach dem Mittelmeer herangezogen hatte, erschien im Frühjahr 1878 eine russ. Gesandtschaft in Kabul, wo sie von Scher Ali mit den höchsten Ehren empfangen wurde. Der brit. Vicekönig von Indien, Lord Lytton, ordnete im August desselben Jahres ebenfalls eine Gesandtschaft nach Kabul ab, doch wurde dieselbe im Chaibarpasse zurückgewiesen. England rüstete sich deshalb zum Kriege. Am 2. Nov. 1878 wurde dem afghan. Kommandanten von Ali Masdschid, einem Sperrfort im Chaibarpasse, ein Ultimatum zur Übermittelung an Emir Scher Ali übergeben, und am 20. Nov., nach Ablauf der für die Beantwortung gestellten Frist, den brit. Truppen der Befehl zum Einrücken nach A. erteilt. Dies geschah in drei Kolonnen mit zusammen 41000 Mann und 144 Ge-^[folgende Seite]