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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Afghanistan (Geschichte)

schützen. Bei der Besetzung Dschalalabads (20. Dez.) durch die Pischawarkolonne unter S. J. Browne erfuhr man, daß Emir Scher Ali 13. Dez. Kabul verlassen und sich nach dem nördlichen A. begeben hätte. Hier starb er 21. Febr. 1879 zu Mesar-i-scherif. In Kabul war Scher Alis Sohn Jakub zum Emir ausgerufen worden. Am 31. März wurde die Vorhut der Pischawarkolonne unter General Gough in der Richtung auf Kabul in Marsch gesetzt und erreichte nach leichtem Gefecht 6. April Gandamak, wo 8. Mai Emir Jakub erschien, veranlaßt durch das Vorrücken der beiden andern engl. Kolonnen, und nach längern Verhandlungen mit dem polit. Bevollmächtigten, Major Cavagnari, 26. Mai 1879 daselbst den Frieden abschloß. Die Kurumkolonne unter General Roberts hatte am 22. Nov. 1878 die von den Afghanen geräumte Festung Kurum besetzt und 2. Dez. die Stellung der Afghanen am Paiwarpaß genommen. Am 26. Dez. hielt Roberts einen von den benachbarten Stammfürsten besuchten Darbar in Kurum ab, bei dem sich dieselben fast sämtlich der brit. Regierung unterwarfen. Im April begannen die Vorbereitungen für den weitern Vormarsch, aber der Friede von Gandamak beendete vorläufig auch hier die Operationen. Die Quettakolonne unter General D. Stewart besetzte während des Krieges Kandahar, Kelat-i-Gildschi und Girischk am Hilmend ohne Widerstand.

In dem Friedensvertrag gestattete der Emir die Zulassung eines ständigen brit. Residenten in Kabul, sowie die unbeschränkte Zulassung brit.Waren in ganz A., sicherte die Verbesserung der vorhandenen Straßen sowie die Einrichtung einer Telegraphenlinie zwischen Kabul und Kurum zu und verpflichtete sich, keine Beziehungen zu andern Mächten zu unterhalten. England erkannte Jakub als Emir an, versprach sofortige Räumung des besetzten Landes mit Ausschluß der Gebiete von Kurum, Pischin und Sibi sowie des Chaibarpasses, die in brit. Besitze verbleiben sollen (die sog. "wissenschaftliche Grenze", die nach Angabe von Lord Beaconsfield für Indiens Sicherheit unentbehrlich, aber auch ausreichend ist), und Zahlung einer beträchtlichen Rente, durch die man Jakubs Einfluß im Innern zu festigen gedachte. Der Vertrag wurde 30. Mai vom Vicekönig von Indien ratifiziert, und schon 1. Juni begann der Rückmarsch der brit. Truppen hinter die neue Grenze, doch behielt man vorläufig noch Kandahar besetzt.

Am 24. Juli 1879 traf die brit. Gesandtschaft unter Major Cavagnari in Kabul ein und wurde vom Emir anscheinend mit Wohlwollen empfangen. Am 18. Aug. trafen 3 afghan. Regimenter aus Herat ein, forderten ihren rückständigen Sold und bedrohten die brit. Gesandtschaft; gleichzeitig reizten Priester das Volk auf, 3. Sept. wurde das Gesandtschaftsgebäude durch 12 Regimenter angegriffen, wobei die gesamte Gesandtschaft nach tapferm Widerstande umkam. Die Nachricht von diesem Gemetzel veranlaßte in England und Indien große Aufregung; man beschloß, schleunigst Kabul zu besetzen und die Schuldigen zu bestrafen. Zunächst hatte man nur die im Kurumthale befindlichen Truppen unter General Roberts zur Verfügung, deren Vorhut am Schutargardanpaß, 20 km von Kabul, stand; doch fehlte es auch diesen an den erforderlichen Feldtrains. Erst 24. Sept. konnte der Einmarsch nach A. beginnen; bis zum 2. Okt. war die Operationskolonne in Kuschi, wo 27. Sept. auch Emir Jakub im brit. Lager eintraf, rückte dann nach Tschehar Aßja, 7½ km vor Kabul, wo man auf afghan. Truppen stieß, die 6. Okt. mit Verlust fast der gesamten Artillerie in die Flucht geschlagen wurden. Kabul wurde 8. Okt. beschossen und am 9. Okt. besetzt. Man fand große Vorräte an Waffen und Munition, nahm in der Nähe der Stadt den ganzen Artilleriepark, entwaffnete die Bevölkerung und bestrafte einen Teil der an der Ermordung der brit. Gesandtschaft Schuldigen. Nach der Einnahme von Kabul vereinigte General Roberts seine Hauptmacht in einem befestigten Lager bei Scherpur. Am 23. Dez. schlug und zerstreute er die ihn bedrohenden afghan. Scharen. Tags darauf wurde Kabul wieder besetzt, und am 25. traf die Brigade Gough von Gandamak her dort ein und besetzte die Citadelle von Kabul, Bala Hissar. Emir Jakub, dessen unentschiedenes, wenn nicht treuloses Verhalten teilweise Schuld trug an der Ermordung der brit. Gesandtschaft, wurde in Indien interniert; General Roberts übernahm vorläufig die gesamte obere Leitung der militär. und polit. Angelegenheiten in A. In Kandahar, wo General Primrose kommandierte, hatte sich die Bevölkerung ruhig verhalten. In Balch hatte Abd ur-Rahman Chan, in Herat Ejjub Chan die Herrschaft an sich gerissen. Die brit. Regierung verhandelte mit den angesehensten Stammfürsten, um die Einsetzung eines Herrschers mit genügendem Anhang im Lande herbeizuführen, doch fand sich keine geeignete Person. Da indessen eine längere Besetzung von Kabul und Kandahar mit bedeutenden Kosten verbunden war und die Herstellung eines dauernden Friedens ausschloß, so trat man schließlich mit Abd ur-Rahman in Verhandlungen ein. Dieser zog den Abschluß jedoch geflissentlich in die Länge und näherte sich an der Spitze eines 10000 Mann starken Heers von Balch her der Hauptstadt Kabul. Am 22. Juli 1880 wurde Abd ur-Rahman in Kabul auf einem von General Roberts berufenen Darbar afghan. Fürsten, auf dem er persönlich nicht erschienen war, zum Emir von A. ausgerufen. Die brit. Regierung gab den Anspruch, in Kabul eine ständige Gesandtschaft zu unterhalten, auf, versprach die Räumung des ganzen Landes, einschließlich des im Frieden von Gandamak erworbenen Kurumthals und die Zahlung einer jährlichen Rente von 12 Lakh Rupien (nach ind. Nominalwert = 2309434,56 M., nach dem 1891er Londoner Kurs = 1620000 M.), wogegen Abd ur-Rahman sich nur verpflichtete, mit keiner fremden Regierung in polit. Verbindung zu treten. Diese Bedingungen verdankte der Emir seiner zögernden Politik und dem Wunsche der brit. Regierung, den afghan. Krieg so rasch als möglich zu beendigen.

Ejjub Chan, der Beherrscher Herats, ein Bruder des abgesetzten Emir Jakub und erbitterter Feind der Engländer, hatte inzwischen seine Streitmacht auf 20000 Mann gebracht. Zur Sicherung gegen dies Heer war von Kandahar General Burrow nach Girischk am Hilmend mit 2500 Mann brit. und ebensoviel afghan. Truppen des Statthalters von Kandahar entsendet worden. Am 16. Juli forderte Ejjub Chan die Stämme des mittlern A., unter denen er zahlreiche Anhänger besaß, zur Erhebung auf. Gleichzeitig sammelte sein Schwiegervater Mir Baba, Chan von Badachschan, bewaffnete Scharen im nordöstl. A., auch regten sich die kriegerischen Gebirgsvölker längs der ganzen Ostgrenze. Britischerseits glaubte man an keine ernste Gefahr. Da erschien unvermutet Ejjub Chan 24. Juli an der