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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Afrika (Kulturzustand)

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Afrika (Kulturzustand)

Anmerkung: Fortsetzung des Artikels 'Afrika (Bevölkerung)'

Völker führen. In allgemeinen Umrissen aufgefaßt, unterscheidet man jetzt zweierlei Arten in der Negerrasse. Die Sudanneger nehmen einen verhältnismäßig schmalen Gürtel ein, der etwa zwischen 5° und 15° nördl. Br. von der Westküste bis zum Nil reicht, während die Bantuneger den größten Teil des äquatorialen und südlichen A. bewohnen. Daneben sind namentlich an den Grenzen starke Vermischungen mit hellern Völkern asiat. Ursprungs eingetreten, so daß ein schwer zu entwirrendes Gemisch entsteht, dessen Dunkel auch durch Sprachvergleichung schwer zu lichten ist. Nach den neuesten Untersuchungen sind für die Bevölkerung A.s fünf Schichten anzunehmen.

  • 1) die ältesten einheimischen Rassen,
  • 2) die Bantu- und
  • 3) die Sudanneger,
  • 4) die seit grauer Vorzeit eingewanderten hamitischen Völker,
  • 5) die in histor. Zeit vom Nordosten her gekommenen Semiten.

Zu den ältesten ursprünglichen Rassen gehören die Hottentotten (Nama- und Korana-) und die Buschmänner (Sān) im Süden des Kontinents bis über den 20. Breitengrad. An die Buschmänner dürften einige Zwergvölker im Innern des Kontinents anzuschließen sein, wie die Batua am Sankuru, die «Zwerge» (Wambutti) Stanleys am Ituri, die Akka südlich des Uëlle, die Abongo am Gabun, Doko südlich von Kaffa u.s.w. Im Norden der Hottentotten und Buschmänner wohnen bis jenseit des Äquators die Bantuvölker, zu denen die Kaffern mit den Zulu (Ama-zulu), Betschuanen und den Matabele, ferner die Bewohner von Angola, Lunda und des ganzen innerafrik. Seengebietes und der daran stoßenden Bänder der Ostküste, ferner die sämtlichen Bewohner des Kongo-, Ogowe- und Kamerungebietes gehören. Der Westen und das Centrum des nördl. Teils des Kontinents, der sog. Sudan, wird bis gegen den Nil und seine Zuflüsse von den Sudannegern eingenommen, von denen jedoch die unter ihnen wohnenden Fulbe, wahrscheinlich ein Mischstamm, ausgesondert werden müssen. Die Sudanneger zerfallen in eine Menge sprachlich gesonderter Stämme. Die bekanntesten derselben sind: die Wolof, die Mandingo, Bambara und Vei, die Timne mit den Bullom, die Kru und Grebo, die Odschi oder Tschwi (an der Goldküste), die Joruba, die Songhay, die Haussa, die Kanuri (Bornu), die Bewohner von Bagirmi und Wadai, die Bewohner von Darfur, und die Stämme am Nil und seinen Zuflüssen (Bari, Dinka, Nuer u.a.). Die in grauer Vorzeit, vielleicht schon vom 8. Jahrtausend v.Chr. an, aus dem südwestl. Asien eingewanderten Hamiten umfassen alle jene Völker, die seit dem Beginn histor. Kunde den Norden A.s innehaben. Dazu gehören die alten Ägypter, im W. von ihnen alle Stämme, die jetzt in den sog. Berbern (Tuareg und Tibbu) fortleben, und im S. die sog. äthiop. Völker, unter denen die Nubier und Bischarin, die Danakil, die Galla und Somal die bekanntesten sind. Die in histor. Zeit in A. eingewanderten Semiten gehören dem arab. Stamme an. Die erste Einwanderung derselben ging von dem westl. Südarabien (dem Lande der Himjariten) aus; derselben verdankt das christl. Volk der Abessinier seine Entstehung. Die zweite Einwanderung fällt mit der Ausbreitung des Islam zusammen; sie bevölkerte die ganze Nordküste und große Strecken des Nilthals mit Araberstämmen (Beduinen). Zwischen den Hamiten, Semiten und Negern haben zahlreiche Mischungen stattgefunden. Auf diese ist mit Sicherheit die Entstehung der Mischvölker an den Grenzen des Sudan- und ↔ Bantuneger- und des Hamitengebietes zurückzuführen, nämlich die der Reschiat, Suk, Turkana, der Wahuma und Massai. Endlich seien noch die Howa, die herrschende Bevölkerung Madagaskars, erwähnt, welche der malaiischen Rasse angehören und wahrscheinlich von Sumatra in den ersten Jahrhunderten n.Chr. eingewandert sind. Sie nehmen den Osten Madagaskars ein, während der Westen von den negerähnlichen Sakalawa bewohnt wird. (Hierzu Afrikanische Völkerkarte und die Tafel: Afrikanische Völkertypen.)

Unter den zahlreichen Werken über die Bevölkerung sind hervorzuheben: F. Müller, Allgemeine Ethnographie (2. Aufl., Wien 1879): Th. Waitz, Anthropologie der Naturvölker, Bd. 2: Die Negervölker (Lpz. 1860); G. Fritsch, Die Eingeborenen Südafrikas (Bresl. 1873); Rob. Hartmann, Die Nigritier, Tl. 1 (Berl. 1876); ders., Die Völker A.s (Lpz. 1879); Lepsius, Nub. Grammatik mit einer Einleitung über die Völker und Sprache A.s (Berl. 1880); Ratzel, Völkerkunde, Bd. 1 (2. Aufl., Lpz. 1894).

Kulturzustand. Das Bild, welches die Kultur A.s darbietet, ist ungemein mannigfaltig, so daß es schwierig ist, die vorhandenen gemeinsamen Züge herauszuheben. Die verschiedensten Einflüsse haben sich gekreuzt, um der ursprünglichen Entwicklung neue Bahnen zu weisen. Der Einfluß des Orients zeigt sich nicht nur im Nilthal und dem ganzen Nordrand des Kontinents, sondern auch im Sudan, in den Grenzgebieten des Libyschen A., in den Staaten am Tsadsee und an den Ufern des Niger bis nach Senegambien, während die Bewohner der Westküste südlich vom 5.° nördl. Br. fast unberührt blieben. Die Bantuvölker sind sprachlich nahe verwandt, zeigen aber große Verschiedenheit in Bezug auf kulturelle Entwicklung, welche durch die Raub- und Kriegszüge der Kaffernstämme der Wahuma und der Massai vielfach verändert wurde. Gesondert stehen die hellfarbigen Südafrikaner und die Zwergvölker.

Die politischen Verhältnisse (s. unten Geschichte) zeigen die verschiedensten Staatsformen, von dem Anarchismus der Buschmänner bis zu den Despotien der Zulu und der Westreiche. Die meisten Länder, besonders die eigentlichen Negerländer, bieten ein Bild polit. Zerrissenheit und Schwäche, da in ihnen eine Masse von Häuptlingen nur eine örtlich eng begrenzte Gewalt ausüben, die sie nicht sowohl auf Grund ihrer Tapferkeit oder Intelligenz, als auf Grund der Erblichkeit und ihres angehäuften Reichtums besitzen. Größere Reiche sind gewöhnlich durch Eroberung entstanden. In ihnen bilden die Eroberer die allein herrschende Klasse. Doch auch feudalartige Svsteme haben sich ausgebildet, z. B. in Uganda und Unjoro, bei denen nicht dem König, sondern den obersten Häuptlingen die wirkliche Macht zufällt. Der Mangel an Macht wird häufig durch reichen Prunk und pomphaftes Hofceremoniell verschleiert. – Das Familienleben hat, wo es nicht durch die Raubgier der Nachbarstaaten oder die verheerenden Sklavenjagden völlig vernichtet ist, vielfach einen patriarchalischen Charakter. Einzelne Reisende wissen von geradezu idyllischen Zuständen zu erzählen und preisen Mutterliebe und Ehrfurcht gegen das Alter als Haupttugenden mancher Stämme. Fast allgemein herrscht Vielweiberei. Die Ehe wird meist als Kaufvertrag geschlossen, doch ist die Stellung der Frau nicht überall eine sklavisch gedrückte, sondern wird sogar manchmal durch das Erbrecht der Frauen erhöht; ihrer Sorge unterliegt die Beauf-

Anmerkung: Fortgesetzt auf Seite 183.