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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Ägypten (neuere Geschichte)

Anmerkung: Fortsetzung des Artikels 'Ägypten (neuere Geschichte)'

den Gedanken an die Eroberung Ä.s erweckt zu haben, den dann General Bonaparte 1798 zur Ausführung brachte. (S. Ägyptische Expedition der Franzosen.) Nach der Kapitulation der Franzosen im Aug. 1801 suchten unter dem Schutze der Engländer die Mamluken oder Beis, wie sie jetzt genannt wurden, ihre alte Herrschaft wieder geltend zu machen, aber die Pforte wußte dies durch ihre Militärmacht zu verhindern. Nach der Ermordung des türk. Statthalters Ali Pascha durch die Beis trat 1804 Khosrew Pascha an dessen Stelle, wurde aber durch Mehemed Ali (s. d.), damals Befehlshaber eines Albanesenkorps zu Kairo, verdrängt. Dieser hatte sich Einfluß und Ansehen bei der Bevölkerung verschafft, und die Pforte erhob ihn 1806 zum Pascha und Statthalter von Ä. Damit begann für das Land eine neue Epoche.

Um der Unbotmäßigkeit der Mamlukenbeis ein Ende zu machen, ließ Mehemed Ali dieselben 1. März 1811 nach Kairo locken und daselbst verräterischerweise durch seine Albanesen großenteils niedermetzeln.

Der Pascha ward so unbeschränkter Herr des Landes. Die völlige Niederwerfung der in Arabien immer mächtiger auftretenden Wahhâbiten (s. d.) gelang seinem Sohne Ibrahim Pascha erst nach mehrjährigen Anstrengungen. Während hierdurch ein Teil Arabiens in seine Gewalt fiel, unterwarf sich Mehemed Ali 1820–22 auch die Länder am obern Nil, Nubien, Sennar, Kordofan. Um dort seine Herrschaft zu befestigen und sich bei günstiger Gelegenheit von der Pforte unabhängig machen zu können, schuf er nach europ. Muster eine eigene ägypt. Kriegsmacht, der eine ansehnliche Flotte zur Seite trat. Um die Mittel für diese gewaltige Machtentfaltung zu gewinnen, förderte der Pascha die materielle Kultur des Landes durch Maßregeln europ. Civilisation, verfolgte aber zugleich gegen seine Unterthanen das rücksichtsloseste Aussaugungs- und Bedrückungssystem. Schon bald nach der Ausrottung der Mamluken hatte er das Grundeigentum sämtlicher Moscheen und frommen Stiftungen (Wakuf) sowie die Besitzungen sämtlicher Erbpächter oder Multezims eingezogen. Auch brachte er den größern Teil des Grundes und Bodens in seinen Privatbesitz. (S. oben Landwirtschaft.) Während er Landstraßen anlegte und andere große Bauten ausführte, und die öffentliche Sicherheit außerordentlich erhöhte, schadete er zugleich durch seine monopolistischen Maßregeln dem Handel mit Arabien und Ostindien. Die Lehranstalten, die er durch Ausländer gründete, und die Sendung junger Ägypter zur Ausbildung nach Europa brachten dem Lande ebensowenig Gewinn, wie die Ausarbeitung eines Civilgesetzbuchs nach franz. Muster, die neue Einteilung des Landes, die Einführung von Provinzial- und Centralversammlungen; alles dies diente vorzugsweise zur Durchführung despotischer Zwecke oder war auf Täuschung des Auslandes berechnet und kam zumeist nur den franz. Projektmachern, die den Pascha umschwärmten, zu gute.

Im J. 1824 von der Pforte aufgefordert, sich an der Unterwerfung des aufständischen Griechenland zu beteiligen, sandte Mehemed Ali seinen Sohn Ibrahim mit bedeutender Macht dorthin ab. Nach Beendigung des Kampfes durch die Vernichtung der türk. Flotte in der Schlacht von Navarin erhielt der Pascha für seine Dienste die Verwaltung der Insel Kreta; nichtsdestoweniger versuchte er der Pforte Syrien zu entreißen. Zu diesem Zwecke rückte im Dez. 1831 Ibrahim mit 60000 Ägyptern in Syrien ein, nahm ↔ Akka mit Sturm, schlug wiederholt das türk. Heer und bemächtigte sich in kurzem der ganzen Provinz. Infolge der Intervention der Mächte sah er sich jedoch zum Frieden von Kutahia (4. Mai 1833) genötigt, durch den er die Statthalterschaft von Syrien erhielt. Der Sultan, den nur die Not des Augenblicks vermocht hatte in dies Abkommen zu willigen, griff nach schleunig betriebenen Rüstungen von neuem zu den Waffen, um den verhaßten Vasallen zu demütigen. Jedoch indessen wurde seine Armee bei Nissib geschlagen (24. Juni 1839), und drei Wochen später ging auch seine Flotte zum Feinde über. Jetzt schien Mehemed Ali am Ziele seiner Bestrebungen; als England, Rußland, Preußen und Österreich sich 15. Juli 1840 zum Schutz der Pforte verbanden. Die dem Pascha günstige Politik Frankreichs bedrohte Europa mit einem allgemeinen Kriege, ließ aber, als ein Geschwader der Verbündeten die syr. Küste angriff, den Pascha im Stich, welcher nunmehr seine Truppen aus Syrien zurückzog und sich dem Sultan unterwarf. Durch einen von den fünf Großmächten garantierten Hatt-i-Scherif vom 13. Febr. 1841, der durch Fennan vom 1. Juni 1841 zu Gunsten des Paschas modifiziert wurde, ward das Verhältnis des Lehnsstaates Ä. zur Pforte neu geregelt. Hiernach sollte den männlichen Nachkommen Mehemed Alis nach dem Rechte der Erstgeburt die erbliche Herrschaft über Ä. und die Besitzungen am obern Nil verbleiben. Die Grundgesetze des türk. Reichs sowie die Verträge der Pforte mit auswärtigen Mächten sollten auch für Ä. ihre Geltung haben, die Verwaltungsgesetze des Landes sich denen des übrigen Reichs anschließen und das ägypt. Heer auf 18000 Mann herabgesetzt werden.

Von nun an richtete sich die Sorge Mehemed Alis einzig auf die Hebung der innern Hilfsquellen des durch die Kriegsleistungen zerrütteten Landes, um die Mittel für künftige Unternehmungen zu gewinnen. Nur mit Widerwillen verstand er sich auf Drängen der Pforte 1842 zur Aufhebung des Monopolsystems und zur Herabsetzung der Ausfuhrzölle. Um die Mittel zur Entwicklung der Bodenproduktion und der Steuerfähigkeit des Landes zu beraten, versammelte er den schon 1829 geschaffenen und aus den Beamten der Provinzen, Bezirke und Gemeinden zusammengesetzten Centralrat, den er aber sofort wieder entließ. Aufgebracht über die elenden Zustände, zog er sich von der Regierung zurück, nahm jedoch im Sommer 1844 die Staatsleitung wieder auf und beschäftigte sich mit Anlegung eines großen Nildammes und mit Plänen zur Durchstechung des Isthmus von Sues. Indes verfiel der ruhelose Greis allmählich in Geisteszerrüttung; er starb 2. Aug. 1849, nachdem er noch durchgesetzt hatte, daß die Pforte im Juli 1848 seinen ältesten Sohn Ibrahim Pascha (s. d.) als Nachfolger bestätigte. Doch Ibrahim starb vor seinem Vater, 10. Nov. 1848, und Abbas Pascha (s. d.), ein Enkel Mehemed Alis, ward von der Pforte als rechtmäßiger Regent anerkannt. Dieser hob die drückendsten Steuermaßregeln und die Monopole auf, reduzierte Heer und Flotte und entließ die Fremden aus Haß gegen die europ. Civilisation. Die Pforte befahl ihm im Febr. 1851 die sofortige Einführung der Tansimat (s. d.), fügte außerdem noch andere Forderungen hinzu, wodurch Ä. wieder zu einer von der Türkei ganz abhängigen Provinz gemacht werden sollte; doch wußte Abbas Pascha diese Zumutungen durch Geldspenden an die Pforte zu mildern, ja es gelang ihm sogar, das Recht, die Ägypter zum Fron-

Anmerkung: Fortgesetzt auf Seite 249.