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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Ägypten (neuere Geschichte)

Anmerkung: Fortsetzung des Artikels 'Ägypten (neuere Geschichte)'

Wie im Innern, so suchte Ismaïl auch nach außen seine Macht zu erweitern. Als der Sultan von Darfur in die ägypt. Provinz Kordofan eingefallen war, um Sklaven einzufangen, rückten ägypt. Truppen in sein Land ein, schlugen den Feind und besetzten Darfur, dessen Annexion der Chediv 9. Dez. 1874 aussprach. Weniger glücklich waren seine Waffen in Abessinien. Schon im Juli 1872 war der Schweizer Munzinger, Gouverneur von Massaua, in den nördl. Teil des Landes eingedrungen und hatte denselben unterworfen; 1875 besetzten dann ägypt. Truppen die Stadt und Landschaft Harrar; aber eine andere Abteilung, die in das Innere von Abessinien vordrang, wurde vom König Johannes bei Gundet geschlagen, und ein neues Heer, das 1876 unter Hassan Pascha, einem Sohne des Chediv, anrückte, geriet in abessin. Gefangenschaft. Bei Gura aufs neue geschlagen, verloren die Ägypter ihr sämtliches Geschütz und mußten selbst für Massaua fürchten. Doch wurde König Johannes durch in Abessinien selbst ausgebrochene Unruhen abgerufen, so daß 1877 zwischen Ä. und Abessinien ein Friedensvertrag zu stande kam. Inzwischen waren in Kairo die Verhandlungen mit den europ. Mächten über Errichtung der internationalen, aus europ. und muselman. Richtern zusammengesetzten Gerichtshöfe zum Abschluß gekommen. Dieselben traten 1875 an die Stelle der bisherigen Konsulargerichtsbarkeit und hatten die Streitigkeiten der Einheimischen mit den Fremden und letzterer unter sich zu entscheiden. Der oberste Gerichtshof war in Alexandria. Seinen Vasallenpflichten gegen den Sultan bei Ausbruch des Russisch-Türkischen Kriegs 1877 genügte Ismaïl durch Absendung von 6000 Mann unter Hassan Pascha.

Aber diese kriegerischen Verwicklungen, ferner der zur Auswirkung günstiger Fermane notwendige Aufwand von Bestechungsgeldern und die Verschwendung des Chediv brachten diesen in die größte finanzielle Bedrängnis. Um den augenblicklichen Verlegenheiten zu entgehen, verkaufte er 25. Nov. 1875 die noch in seinen Händen befindlichen 176602 Sueskanal-Aktien um 4 Mill. Pfd. St. an England. Zugleich erbat er sich von der engl. Regierung einen tüchtigen Finanzmann, der die ägypt. Finanzen einer genauen Prüfung unterwerfen sollte. Der zu diesem Zweck abgesandte Generalzahlmeister Cave fand zwar die Steuerfähigkeit des Landes bedeutend, aber die Schuldenlast nur bei geregelter Verwaltung erträglich. Im April 1876 wurde für die Staatsschuld und die Privatschuld des Chediv die Ausbezahlung der Zinsen auf ein Vierteljahr suspendiert und angeordnet, daß eine Staatsschuldentilgungskasse mit ausländischen Kommissaren errichtet werden sollte. Der Ausspruch des europ. Gerichtshofs in Alexandria, daß der Chediv zur Bezahlung seiner Schuld verpflichtet sei, und die infolgedessen über den vicekönigl. Palast in Ramleh verhängte Sequestration rief einen Konflikt hervor. Der Chediv verbot die Ausführung des Beschlusses. Der thatsächliche Bankrott war bereits da; die Beamten erhielten keinen Gehalt, die Lieferanten nicht den Betrag ihrer Rechnungen, die Jahressteuern wurden zweimal erhoben. Die engl.-franz. Kommission, mit der Prüfung der Finanzverhältnisse beauftragt, verlangte in ihrem Bericht, daß der Chediv seinen ungeheuern Grundbesitz an den Staat zurückgeben, keine Steuern ohne Gesetz auferlegen und die gesetzgeberischen Gewalten, die zu Steuerauflagen allein ermächtigen, den Fremden wie den Eingeborenen zugänglich machen solle. Sowohl ↔ der Chediv wie sämtliche Prinzen und Prinzessinnen traten 1878 den größten Teil ihrer Güter an den Staat ab. Zugleich schuf Nubar Pascha ein halb europ. Kabinett, in dem der Engländer Wilson die Finanzen und der Franzose de Blignières die öffentlichen Arbeiten übernahm. Alle Steuereinnehmer wurden angewiesen, nur den Befehlen des Ministeriums zu gehorchen. Ein vollständiger Systemwechsel hatte sich vollzogen. Aber der an schrankenlose Willkürherrschaft gewöhnte Chediv konnte die Abhängigkeit vom Ministerrat nicht lange ertragen. Ein Soldatenaufstand in Kairo 18. Febr. 1879 sollte das Ministerium zum Rücktritt nötigen. Aber nur Nubar nahm seine Entlassung, die Fremden nicht. Sie traten auf die Weisung ihrer Regierungen auch in das neue Kabinett ein, an dessen Spitze der Erbprinz Tewfik stand. Da erklärte 7. April der Chediv, Vertreter der Geistlichkeit, des Adels und der obern Beamten hätten zwar den Entwurf einer Neuordnung des ägypt. Finanzwesens ausgearbeitet, aber dessen Ausführung erfordere die Entfernung der fremden Minister. Damit sandte er Wilson und Blignières ihre Entlassung zu und bildete ein neues Ministerium, dessen Präsidium Scherif Pascha übernahm. Da aber jene ohne Ermächtigung ihrer Regierungen ihre Posten nicht verlassen wollten, so kam Ismaïl in ernsthaften Konflikt mit England und Frankreich. Überraschend für diese und für den Chediv kam die Protestnote der deutschen Reichsregierung vom 17. Mai 1879 gegen das Dekret vom 22. April, durch das der Chediv seine in den Anleihen eingegangenen Verpflichtungen einseitig zu modifizieren versucht hatte. Diesem Protest schlossen sich sämtliche Großmächte an. Auf deren Drängen wurde Ismaïl 26. Juni 1879 vom Sultan abgesetzt und sein ältester Sohn Tewfik (geb. 1852) zum Chediv ernannt.

Dem Bestreben der Pforte, diesen Wechsel in der Person des Chediv zur Aufhebung der Irade vom 8. Juni 1873 zu benutzen und die damit erteilten Konzessionen zurückzunehmen, widersetzten sich England und Frankreich und gestatteten im Interesse der Finanzen nur die im Investiturberat vom 25. Juli 1879 ausgesprochene Abänderung, daß der Chediv ohne Genehmigung der Pforte und der Gläubiger keine neue Anleihe aufnehmen und daß die Stärke der ägypt. Armee in Friedenszeiten nur 18000 Mann betragen dürfe. Der neue Chediv setzte im Sept. 1879 ein neues Ministerium ein unter dem Präsidium Riaz Paschas. Wilson und Blignières traten in Rücksicht auf das Nationalgefühl der Mohammedaner nicht in dasselbe ein; es wurde der Ausweg getroffen, daß Blignieres und der Engländer Baring als Finanzkontrolleure angestellt wurden mit der Ermächtigung, Untersuchungen in der Finanzverwaltung vorzunehmen und dem Ministerrat mit beratender Stimme beizuwohnen. Zunächst verlangten sie vom Ministerium die Ausarbeitung des Budgets von 1880, damit man ersehe, welche Summen zur Verteilung unter die Gläubiger der konsolidierten Schuld verfügbar seien. Tewfik unterzeichnete 20. Jan. 1880 ein das neue Budget genehmigendes Dekret. In diesem waren die Einnahmen auf 8561622, die Verwaltungsausgaben und der an die Pforte zu zahlende Tribut, der 681000 Pfd. (15 Mill. M.) beträgt, auf 4323030 ägypt. Pfd. veranschlagt und bestimmt, daß der Überschuß von 4238592 Pfd. St. zur Verzinsung und Verminderung der öffentlichen Schuld verwandt werden solle. Zur Regelung dieser Schuld und zur Feststellung derjenigen Mittel, durch welche dieselbe

Anmerkung: Fortgesetzt auf Seite 251.