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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Alexander

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Alexander II. Nikolajewitsch (Kaiser von Rußland)

Nation. Während das russ. Volk mächtig von dem religiösen Elemente des griech. Kampfes ergriffen wurde, verdammte der Kaiser die Erhebung als Empörung, verleugnete die Gunst, die er früher den griech. Bestrebungen erwiesen, und beschränkte sich auf Ermahnungen an die Pforte. Der Tod seiner einzigen, heißgeliebten natürlichen Tochter, die furchtbare Überschwemmung Petersburgs 1824, wobei er sich sogar persönlichen Gefahren aussetzte, endlich die Schrecken einer russ.-poln. Verschwörung gegen das Haus Romanow trugen nicht wenig bei, seinen Gemütszustand vollends zu verdüstern. Körperlich leidend und voller Lebensüberdruß, trat er Mitte Sept. 1825 mit seiner kranken Gemahlin eine Reise in die Krim an, wo letztere Genesung finden sollte und er selbst sich der Zurückgezogenheit hingeben wollte. Dort wurde er plötzlich von einem Fieber ergriffen und starb 1. Dez. (19. Nov.) 1825 zu Taganrog, ohne Nachkommen zu hinterlassen. Kurz vor seinem Tode erfuhr er noch die Einzelheiten jener Verschwörung, mit deren Bekämpfung sein Bruder und Nachfolger Nikolaus I. die Regierung beginnen mußte. - Vgl. Rabbe, Historie d' Alexandre I (2 Bde., Par. 1826); Gräfin Choiseul-Gouffier, Mémoires historiques sur l'empereur Alexandre et la cour de Russie (ebd. 1829); Golovine, Historie d' Alexandre I. (Lpz. 1859); Bogdanowitsch, Geschichte der Regierung Kaiser A. I. (russisch, 6 Bde., Petersb. 1869-71); Joyneville, Life and times of Alexander I. (3 Bde., Lond. 1875); Mazade, Mémoires du prince Adam Czartoryski et sa correspondance avec l'empereur Alexandre I (2 Bde., Par. 1887); Vandal, Napoléon et Alexandre I, l'alliance russe sous le premier empire (2 Bde., ebd. 1890-93); Tatischtschew, Alexandre I et Napoléon d'après leur correspondance (ebd. 1891); Schnitzler, Historie intime de la Russie (2 Bde., ebd. 1847); Lengenfeldt, Rußland im 19. Jahrh. (Berl. 1875); von Bernhardi, Geschichte Rußlands und der europ. Politik 1814-31 (2 Bde., Lpz. 1803-75;) Pypin, Die polit. und litterar. Bewegung unter A. I. (russisch, Petersb. 1871; 2. Aufl. 1885).

Alexander II. Nikolajewitsch, Kaiser von Rußland (1855-81), geb. 29. (17.) April 1818 als Sohn des Kaisers Nikolaus I. Seine Erzieher waren die Obersten Mörder und Kawelin, Leiter seiner Studien der Dichter Shukowskij. Ferner standen Staatsrat Grimm und Admiral Lütte ihm in seinen Jünglingsjahren zur Seite. 1846 bereiste A. den Nordosten des europ. Rußlands und einen Teil Sibiriens, wo er die Milderung des Loses der polit. Verbannten von 1825 zu bewirken wußte. Im letzten Jahrzehnt der Regierung des Kaisers Nikolaus ward während dessen Reisen dem Cäsarewitsch die Regentschaft mehrmals anvertraut, auch wurden ihm nach 1848 verschiedene Missionen an die Höfe von Berlin, Wien u. s. w. aufgetragen. Vom militär. Specialdienst zog sich A. bei reiferm Alter fast ganz zurück. Als Nachfolger seines Vaters bestieg er 2. März (18. Febr.) 1855 während des Krimkrieges den Thron. Nach der Unterzeichnung des dritten Pariser Friedens (s. d.) verkündete der Kaiser in Moskau das "alle geistigen und materiellen Kräfte entwickelnde" Friedensprogramm seiner Regierung. Eine Umgestaltung des Ministeriums folgte, und Fürst Gortschakow übernahm an Stelle Nesselrodes das Staatskanzleramt. Noch vor der Krönung in Moskau (7. Sept. 1856) machte A. einen Besuch in Warschau (22. Mai), wobei er den Adelsmarschällen Amnestie und Verwaltungsreformen verhieß; dann folgte ein gegen Österreich demonstrativer Besuch in Berlin (29. Mai). Bei der Krönung selbst wurde ein Manifest (Cirkular vom 2. Sept.) erlassen, welches die Auflösung der Heiligen Allianz (s. d.) bestätigte. Zu Sardinien und Napoleon III. bahnte A. nähere Beziehungen an. Mit letzterm hatte er 27. Sept. 1857 zu Stuttgart eine Konferenz, deren Erfolg indes durch das Zusammentreffen mit dem Kaiser von Österreich in Weimar (1. Okt.) abgeschwächt wurde.

Bald nach der Rückkehr A.s nach Petersburg begannen die Maßregeln zur Emancipation der Leibeigenen; sie erfolgte dann 3. März 1863, und daran schlossen sich die weitern socialen Reformen, deren vornehmster Träger der Minister des Innern Walujew (seit 1861) war. Die Reorganisation der Armee begann 1862, als General D. Miljutin das Kriegsministerium übernahm. Ebenso wurde die Marine außerordentlich gehoben. Die Trennung der Justiz von der Verwaltung wurde vorbereitet (Ukas vom 14. Okt. 1862), eine Justizreform nach modernen Grundsätzen eingeführt. Die Budgets und Jahresabrechnungen wurden veröffentlicht, doch bestand für deren Richtigkeit keine öffentliche Kontrolle. Ein vom 13. (1.) Jan. 1864 datierter Ukas bereitete eine ständige Teilnahme der Bevölkerung an der Verwaltung vor, indem er die Einführung von Provinzial-(Gouvernements- und Kreis-)Institutionen anbefahl, welche die ökonomischen Interessen der Provinzialbevölkerungen beraten sollten.

Von den europ. Verwicklungen in Italien hielt sich A. äußerlich fern; doch begünstigte seine Politik Österreichs Isolierung, und im Aug. 1862 erfolgte die Anerkennung Italiens. In Mittelasien wurden die Eroberungen fortgesetzt, andere Erwerbungen durch wissenschaftliche Expeditionen angebahnt, mit China Verträge (Nov. 1860) abgeschlossen, welche den Besitz der Küste der Mandschurei sicherten. Der Kaukasuskrieg war 1859 durch die Gefangennahme des Imam Schamyl so gut wie beendet.

Der poln. Aufstand von 1863 wirkte, obgleich die Gefahr einer Intervention der Westmächte und Österreichs mit Entschiedenheit russischerseits abgewandt wurde, noch jahrelang auf den Gang der Regierung A.s ein. Dem Einflüsse der nationalen Partei gelang es, das in Litauen und Polen befolgte Russifizierungssystem zum leitenden Princip zu machen und auf Finland und die Ostseeprovinzen auszudehnen, ebenso wurden dem russ. Liberalismus gegenüber die Zügel straffer angezogen. Als die Moskauer Adelskorporation um Einführung einer Repräsentativverfassung bat, verkündigte A. in einem Reskript vom 10. Febr. 1865, daß das Recht der Initiative bei allen Reformen ausschließlich ihm selbst zustehe und mit der ihm von Gott verliehenen autokratischen Gewalt unzertrennlich verbunden sei. Der mißlungene Mordversuch gegen den Kaiser durch Dimitrij Karakasow 16. April 1866 führte zu einer umfassenden Untersuchung gegen die geheimen Gesellschaften. Trotz aller strengen Maßregeln breiteten sich jedoch die Geheimbünde immer weiter aus (s. Nihilisten). Die traditionelle Politik des Kaisers Nikolaus I., welche darauf abzielte, alle fremden Nationalitäten des Reichs möglichst zu russifizieren, kam immer mehr zur Geltung. Am gewaltsamsten verfuhr man in den westruss. Gouvernements und in Polen. Wegen der Maßregeln gegen die kath. Kirche daselbst kam es zu Streitigkeiten mit der päpstl. Kurie, worauf A. die diplomat. Beziehungen mit